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Wege und Abwege der Kirchenpraxis

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In Österreich wächst die Zahl der Konfessionslosen. Wird Christentum zu wenig überzeugend der nächsten Generation tradiert? Drängt man Menschen aus der Kirche?

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In Österreich wächst die Zahl der Konfessionslosen. Wird Christentum zu wenig überzeugend der nächsten Generation tradiert? Drängt man Menschen aus der Kirche?

Weltweit mangelt es an Priestern in der Kirche. Neuere Untersuchungen zeigen zudem: es mangelt auch an Christen und ihrer Teilnahmebereitschaft. So sinkt etwa die Nachfrage nach kirchlichen Amtshandlungen seit Jahren. Jüngsten Erhebungen zufolge liegt in Österreich die Zahl der Konfessionslosen erstmals über dem Mitgliederbestand der evangelischen Kirchen. Allein in Wien zählt man 207.000 Männer und Frauen, die keiner Kirche mehr angehören.

Auch bei den meisten Kirchenmitgliedern muß die Kirchenbeziehung als labil und krisenanfällig eingestuft werden. Immer weniger wird sie aus traditionellen Motivationen gespeist. Unsere gesellschaftliche Lebensorientierung steht unter dem Aspekt des Zweckrationalen (was bringt das?).

Es wundert wenig, daß auch die Kirche unter diesem Blickwinkel wahrgenommen wird. Schließlich stellt die Kirche ja nur noch eine „Sinnprovinz” in der pluralistischen Gesellschaft dar. Auf dem Markt der Weltanschauungen steht sie in Konkurrenz mit anderen „Sinn- und Weltdeutungsanbietern”. Auch der Staat greift der Kirche nicht mehr so hilfreich unter die Arme wie ehedem.

Heute wird die Kirche mehr und mehr auf sich selber verwiesen, will sie als „Gedächtnis der Menschheit” die Botschaft der Auferweckungsabsicht Gottes für jeden Menschen gegenwärtig halten. In dieser Herausforderung liegen große Chancen, die sich auf die Frage zuspitzen: Wie kann das christliche Lebenswissen an die nächste Generation tradiert werden?

Von soziologischer Seite wird darauf aufmerksam gemacht, daß ein Christentum der reinen Innerlichkeit, ohne soziale und gesellschaftliche Bezüge, keine Tradie-rungschance habe. Religion braucht soziale Formen und sinnlich erfahrbare und begehbare Wirklichkeitswelten. Aber eine institutionelle Basis, ohne eigene innere Erfahrung zu tradieren, bleibt leer und wirkungslos. Es bedarf offenbar tiefer eigener mystischer Erfahrungen, welche aber sozial vermittelt und durch die Gemeinschaft gestützt werden müssen. Diese beiden Einsichten müßten im Alltag der Pastoral umgesetzt werden. Dort entdeckt man, typologisch betrachtet, eine andere Praxis, mitunter die Abwege „Museumskirche” und „Firma Gott, Sohn & Co.”.

Da gibt es etwa die kirchlichen

Vertreter einer „Vogel-Strauß-Politik”. Man wittert den Wandel als Gefahr und steckt den Kopf in den Boden der guten alten Zeit. Nach außen sucht man die Mauern der Kirche hochzuziehen. Nach innen werden die Reihen fest geschlossen. Denn schließlich muß der Bestand der „ewigen Wahrheiten” luftdicht gesichert werden. Kirche verkümmert zu einem Museum, ihre Botschaft zu einer Antiquität in Vitrinen. Die Trädierürtg wird zu einem Museumsbesuch, an dessen Ende man viel weiß, aber ohne eigene innere Erfahrung ist.

Anders hingegen die verbreitete „technokratische Strategie”. Hier wird die Kirche als eine Art „Firma Gott, Sohn & Co.” gesehen, die „Gottesverwaltung” betreibt. Das geringer werdende „Bodenpersonal” wird flächendeckend auf die „Heilsfilialen” verteilt und versieht das „Heilsgeschäft Gottes”. Ausgebildete Experten gesellen sich an die Seite des Klerus und helfen bei der Versorgung des Volkes, der „Heilskonsumenten”.

Insgeheim hofft man im „Aufsichtsrat der Firma”, daß diese Durststrecke nicht lange dauert. Denn die „Heilslast” liegt schwer auf den Schultern, und durch die ständige „Heilshektik” fühlen sich nicht wenige Angestellte müde und chronisch ausgelaugt. Kirche gleicht einer Thermosflasche, die nach innen heiß, nach außen aber kalt ist. Man ist unattraktiv, für die Menschen, weil sich innerkirchlich nur noch verdoppelt, was die Alltagserfahrung in der Gesellschaft ist.

Im „gnadenlosen” pastoralen Aktivismus ist Gott abhanden gekommen. Mit seiner Rückkehr rechnet man nicht mehr. Frühestens morgen kann man ihm einen

Termin in seinem Eigentum geben.

Ein Zukunftsweg heißt Grundwassersuche. Eine erwünschte pastorale Arbeit geht von der heilsoptimistischen Annahme aus, daß Gott das Heil aller Menschen will, ja Gott dem Menschen immer schon näher ist, als dieser sich selbst. Also kommt es primär darauf an, diesem absichtslosen Gott auf die Spur zu kommen. Miteinander, gemeindlich also, machen sich Christen auf die Suche nach jenem „unergründlich abgründigen Lebensgrund”. Die „grundlose Liebe” Gottes unter den Menschen aufzudecken und in sie hineinzuführen, leitet ihre pastorale Arbeit. Denn wer einmal sich selbst und diesen grundlos liebenden Gott gefunden hat, hat buchstäblich „allen Grund”, optimistisch zu sein.

Eine derartige „österliche Heils(aus)gelassenheit” eröffnet einen anderen Blick auf all das, was in der Kirche momentan zu Grunde geht. Denn vielleicht muß vieles erst ,,zu(m) Grunde gehen”, um zu dem Grund zu gelangen, von dem her neues Leben wächst. Jedenfalls scheint die Tradierung des Christlichen auf diesem Weg am ehesten sach- und zukunftsgerecht erfolgen zu können. Die Kirche würde zu einem Raum, in dem Zeit, Personal und Geld (institutionelle Hilfen also) zur Verfügung gestellt würden, so daß Menschen sich ureigene quellende Erfahrungen in einem geschwisterlichen Umgang erschließen können.

So wächst Kirche als eine Oase in der Wüste, in der sich die alte Verheißung Jesu erfüllt, daß in den an ihn Glaubenden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Der Autor ist Diplomtheologe und Soziologe (M. A.), wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. DDr. Paul M. Zulehner, Dozent an der Fachschule für soziale Berufe in Wien.

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