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WEITERES BAUERNSTERBEN IST VORPROGRAMMIERT

1945 1960 1980 2000 2020

Wer den Ausführungen von Corrado Pirzio-Biroli, dem Botschafter der EG in Österreich folgt, muß zur Überzeugung gelangen, unsere Bauern könnten überhaupt nur in der EG überleben. Diese habe uns bisher von den überseeischen „Bauernkillern", die auf Liberalisierung des Agrarhandels drängen, gerettet.

1945 1960 1980 2000 2020

Wer den Ausführungen von Corrado Pirzio-Biroli, dem Botschafter der EG in Österreich folgt, muß zur Überzeugung gelangen, unsere Bauern könnten überhaupt nur in der EG überleben. Diese habe uns bisher von den überseeischen „Bauernkillern", die auf Liberalisierung des Agrarhandels drängen, gerettet.

Um fünf Prozent weniger Beschäftigte in der Landwirtschaft: 1992 fand das größte

„Bauernsterben" seit den sechziger Jahren in Österreich statt. Trotz massiver Subventionen ging der Rohertrag

der Landwirtschaft um 2,3 Prozent zurück. Haben Österreichs Bauern noch Chancen in der EG?

Sie allein könne auch vor dem zu erwartenden Druck der billigen Agrar-güter aus dem Osten schützen: „Gegenüber dieser künftigen Importkonkurrenz gibt es eigentlich nur einen Ausweg für Österreichs Landwirtschaft: den Markt der Europäischen Gemeinschaft... Denn auf diesem prosperierenden Markt von 345 Millionen zahlungskräftigen Verbrauchern sind die Chancen für landwirtschaftliche Unternehmer nahezu grenzenlos..." (Agrar. Rundschau 1/93)

Das klingt attraktiv, erweist sich aber als äußerst schwieriges Unterfangen (siehe Seiten 14,15). Denn die EG-Märkte warten nicht sehnsüchtig auf unsere Waren. Sie sind jetzt schon überfüllt. So hat die EG zur Stützung der Preise 1992 mehr als eine Million Tonnen Rindfleisch, 25 Millionen Tonnen Getreide, 170.000 Tonnen Butter und fünf Millionen Hektoliter Wein auf Lager gelegt: All das so gut wie unverkäuflich.

Wie Orwells „1984"

Zugegeben, um von der Last dieser Käufe wegzukommen, hat die EG 1992 ihre Agrarpolitik geändert: Direktförderung bei reduziertem Anbau anstelle von Preisstützung ist die Parole für die Zukunft. Allerdings klingen die Begleitmaßnahmen zu dieser Neuausrichtung sehr nach Orwells „1984". Da soll jede Kuh ein Computerchip mit ihrer ganzen „Lebensgeschichte" eingepflanzt bekommen, jeder Bauer muß eine detaillierte Aufstellung seiner Felder, seines Viehbestandes, der angebauten Sorten führen. All das wird kontrolliert, sogar mittels Aufnahmen durch Satelliten, um Mißbrauch hint-

anzuhalten... Auch dieses System - es bringt gewisse Vorteile für die Umwelt - wird vor allem den großen Einheiten zugute kommen und einen starken Druck auf weitere Rationalisierung der Landwirtschaft ausüben (siehe Seite 15).

Nun ist aber Österreichs Agrarsek-tor von kleinen und kleinsten Einheiten geprägt (siehe Tabelle Seite 14). Vergleicht man die Werte mit denen der nordwesteuropäischen EG-Mitglieder, so erkennt man, wohin der Zug in Zukunft fährt. Die Prognosen sprechen eine deutliche Sprache: Rückgang der Zahl der Vollerwerbsbauern in Österreich auf 130.000 bis zum Jahr 2000 (1991: 210.000).

Alternativen zum Zusperren

Sicher gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, diese Entwicklung abzumildern: Nebenerwerb, Entgelt für Landschaftspflege, stärkeres Engagement im Fremdenverkehr (Urlaub am Bauernhof: Schon derzeit gibt es 220.000 Betten in 21.000 landwirtschaftlichen Betrieben), direkte Vermarktung von Bioprodukten...

Keine Frage: Zusperren ist nicht der einzige Ausweg für die Bauern. Aber sie werden durch die zusätzlichen Möglichkeiten meist bis an den Rand ihrer physischen und psychischen Kräfte gefordert (siehe Dossier „Bauernsterben" FURCHE 10/1992). Diese Angebote sind bestenfalls Übergangslösungen. Auf Dauer kann man nicht von der Substanz leben.

Hier, so scheint mir, sind wir beim zentralen Punkt der Problematik angelangt, die durch die Landwirtschaft im Rahmen der EG-Verhandlungen verdeutlicht wird. Der Agrarsektor ist ja jener Bereich, der an der Schnittstelle zwischen dem auf technischer Machbarkeit ausgerichteten, industriellen Produktionskpnzept und den lebendigen Systemen liegt. Hier werden die vielzitierten Grenzen des Wachstums, die Grenzen der Rationalisierung besonders deutlich.

Auch Österreichs Landwirtschaft hat ja enorme Produktivitätssteigerungen hinter sich: 55 Prozent Effi-

zienzzuwachs der Arbeit allein in den achtziger Jahren. Sollte das nicht langsam reichen? Vor allem, wenn man bedenkt, daß der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung seit 1951 von 21,9 Prozent auf ein Viertel dieses Wertes gesunken ist?

Es geht nicht darum, aus Nostalgie einen Berufsstand - auf dem immerhin die europäische Kultur aufbaut -zu erhalten, sondern im wahrsten Sinne des Wortes unsere Lebenssubstanz zu bewahren: die Landschaft, den Boden, das Grundwasser, lebensbejahende, naturverbundene Menschen mit Sinn für nachhaltiges Wirtschaften, das auch krisenbeständig ist.

Damit sei die derzeitige Situation der Landwirte keineswegs idealisiert. Wieviel wird gerade auch von Bauern gegen die Umwelt gesündigt! Worum es geht, ist zu erkennen, daß der bisherige Weg nicht fortzusetzen ist. Daß die Stoßrichtung unseres Wirtschaftens geändert werden muß in Richtung auf Erhaltung der Substanz von

Mensch und Natur.

Der angemessene Umgang mit Lebewesen ist dadurch gekennzeichnet, daß man ihrer Besonderheit Rechnung trägt, also Menschen nicht nur als Konsumenten, Kosten- und Produktionsfaktoren in ein System einspannt, Tiere und Pflanzen als beliebig gestaltbare Ausbeutungsobjekte betrachtet und Landschaften als Flächen beliebiger Nutzung.

Gezielt die Kleinen fördern

Angemessen wird mit der Besonderheit des Lebendigen überwiegend in kleinen Einheiten umgegangen. Sie wären daher von einer zukunftsträchtigen Wirtschaftspolitik besonders zugunsten der großen zu fördern. Man sage auch nicht, die Bauern hätten nur mehr landschaftspflegerische Aufgaben. Man denke allein an die Bedeutung nachwachsender Rohstoffe für die inländische Energieversorgung.

Wie steht das Gesagte in Beziehung zum EG-Beitritt? Eine solche

Umorientierung der Politik ließe sich theoretisch außer-, wie innerhalb der EG verwirklichen. In der EG dürfte sie noch unwahrscheinlicher sein als ohne die Gemeinschaft.

Denn das erklärte Ziel der EG ist ein Wirtschaftsraum, in dem größtmögliche Mobilität für weiträumige Konkurrenz und damit kostengünstige Produktion sorgt. Umweltaspekte sind nachgeordnet. Das bedeutet: Der Zug wird weiter in Richtung auf Konzentration unterwegs sein. Daß dieselbe Misere durch Liberalisierung des Agrarhandels im Rahmen des GATT erreicht werden kann, läßt den EG-Beitritt als kleineres Übel erscheinen.

Die Landwirtschaft wird als erste und am schwersten unter dieser Fehlorientierung leiden. Andere Sektoren, besonders kleinbetrieblich strukturierte, werden folgen. Eine echte, konsequente öko-soziale Politik wird Österreich im Rahmen der EG kaum verfolgen können (siehe Seite 15).

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