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Welswirsxhaft- ohne Hoffnung?

Die Weltwirtschaft befindet sich noch in der hartnäckigsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Krisenmeldungen überschlagen sich, Unternehmen wie Staaten werden zahlungsunfähig. Die Wirkungszusammenhänge sind äußerst komplex:

Zunächst bedeuteten die OPEC-Preiserhöhun- gen für Rohöl eine geradezu grundlegende Veränderung der Szenarios der Weltwirtschaft, die auf billige Energie ausgerichtet war. Die entwik- kelten Industrieländer sahen sich sehr rasch vor große Zahlungsbilanz- und Inflationsprobleme gestellt. Durch das Recycling der Petrodollars (Überschüsse der erdölproduzierenden Länder wurden als Kredite in den Geldkreislauf der Industrieländer zurückgeholt) konnte zwar die Liquidität des Finanzsystems im Westen sichergestellt werden, dieser Weltteil übernahm aber auch für diese Gelder das Kreditrisiko, soweit sie zur Finanzierung der von den Rohölpreiserhöhungen am härtesten betroffenen Entwicklungsländer weitverwendet wurden. Die einsetzende Rezession, die in einer Reihe vpn Ländern durchaus auch heimische Mitursachen wie Bedarfssättigung und Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit hat, verursachte auch ein Sinken der realen Rohstoffpreise, welche besonders die Entwicklungsländer hart getroffen hat. Daneben hat es in den letzten Jahren eine Reihe von sogenannten Schwellenländern geschafft, in den Kreis der Industrieländer aufzusteigen (sogenannte „newly industrialised countries“) wie z. B. Taiwan und Südkorea. Diese Länder produzieren technisch zumindest gleichwertig, jedoch wesentlich billiger Produkte, die sowohl-in den sogenannten Basisindustrien (z. B. Stahl und Chemie) als auch in der Konsumgüterindustrie große wirtschaftliche Bedeutung in den westlichen Industrieländern haben: Importdruck auf den heimischen und verstärkte Konkurrenz auf den Exportmärkten waren die Folge. Durch die besondere Konzentration dieser Industrien auf bestimmte Regionen wurden die wirtschaftlichen Probleme, die dieser weltwirtschaftliche Prozeß ausgelöst hat, noch besonders deutlich akzentuiert. Als Lösungsmöglichkeit wurde in vielen Ländern offiziell oder via facti eine protektionistische Politik begonnen, durch welche der Import sogenannter Billigprodukte erschwert oder gar unterbunden werden sollte. Derartige Maßnahmen treffen aber besonders jene Länder, die mangels eigener kaufkräftiger Nachfrage auf die Märkte der entwickelten Länder angewiesen sind.

Österreichs wirtschaftliche Lage ist, im internationalen Vergleich gesehen, relativ günstig. Dennoch vermag der Hinweis, daß es anderswo ärger sei, niemand Hoffnung zu geben. Dennoch: Die Auswirkungen der internationalen Krise konnten hierzulande in Grenzen gehalten werden, wofür verschiedene Faktoren, deren Darstellung den Rahmen sprengen würde, verantwortlich sind.

Im Zentrum der politischen Auseinandersetzung steht und bleibt das Arbeitslosenproblem. Vollbeschäftigung ist unbestritten das wirtschaftspo- litsche Ziel Nr. 1 der Parteien geworden. Die Ar- beitslosenrate in Österreich hat sich von 2% im langjährigen Durchschnitt auf über 4% erhöht (Prognose des Wirtschaftsforschungsinstitutes für 1983 4,5%, Prognose des Instituts für Höhere Studien für 1984 4,8%). In verschiedenen Bundesländern bzw. Bezirken und bei den 19- bis 24jährigen liegt die Rate jedoch zum Teil wesentlich höher. Da in den Jahren bis 1985 jährlich rund 35.000 Arbeitskräfte neu ins Erwerbsleben eintreten werden, wird das Problem der beruflichen Unterbringung weiter höchste Priorität haben.

Ohne einen tiefgreifenden wirtschaftlichen Strukturwandel, der den nahen weltwirtschaftlichen Bedingungen Rechnung trägt, können die Probleme nicht bewältigt werden. Die Möglichkeiten des Staates sind durch die Budgetpolitik der letzten Jahre und die damit verbundene hohe Staatsverschuldung bzw. die steigenden Zahlungen für Tilgung und Zinsen entscheidend eingeengt worden. Darüber hinaus wird auch die Bewältigung der Umweltprobleme große finanzielle Erfordernisse mit sich bringen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre wird es sehr schwer sein, die Erwartungen der Staatsbürger an den Staat zurückzudrängen und Werte wie Solidarität, Rücksichtnahme auf Schwache oder nicht mächtig repräsentierte Gruppen durchzusetzen. Da der technische Wandel rasant weitergeht, sind Anpassungen auch im Bildungsbereich sowie in der ständigen Weiterbildung unumgänglich. Erfolgreiches Maschinenstürmen unter den heutigen weltwirtschaftlichen Bedingungen bedeutet rasches Zurückbleiben. Die Bewältigung dieser Probleme stellt gewaltige Anforderungen an die Gesellschaft: Der mit wirtschaftlichen Problemen ansteigende soziale Druck führt zu gehobener Konfliktbereitschaft, zunehmendem Glauben an Modell- und Radikallösungen und sinkendem Toleranzpegel gegenüber Ausländern. Freilich bilden sich auch neue Bewegungen, die viele der im Wohlfahrtsstaat traditionellen Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Nachdenklichkeit, Geduld, Gemeinsamkeit und Mut zu neuen Lösungen sind im hektischen politischen Alltagstrieb jedoch wenig gefragt.

Die Nöte Österreichs werden in den meisten europäischen Ländern verstärkt zum Tragen kommen, haben diese doch höhere Inflations- und Arbeitslosigkeitsraten, ho.he Staatsschulden und zum Teil riesige Zahlungsbilanzdefizite. Es wird viel davon abhängen, ob man die Krisenbewältigung im Gegen- und Nebeneinander oder im Miteinander in Angriff nimmt.

Entscheidend, ja entscheidender als je zuvbr, wird es jedoch sein, wie die Probleme der Entwicklungsländer gelöst werden. Der stagnierende Welthandel, die unbefriedigenden Preise für ihre Rohstoffe und Erzeugnisse und die markant sinkende Hilfsbereitschaft der entwickelten Länder lassen kaum optimistische Prognosen zu. Die Entwicklungsländer sind zur Zeit mit rund 14 Billionen Schilling verschuldet. Eine Vielzahl lokaler Kriege vereitelt oder vergeudet jeden Fortschritt. Die steigende Zahl zahlungsunfähiger Länder gefährdet das Weltwährungssystem, hat aber letztlich auch eine positive Seite: die entwickelten Länder müssen fast aus Eigennutz großzügig helfen, um nicht selbst in den Strudel einer noch größeren internationalen Krise hineingezogen zu werden.

Die 80er Jahre werden in die Weltwirtschaftsgeschichte als eine Zeit der Struktur- und Währungskrisen, der Anpassung der Wirtschaftspolitik an neue humanpolitische Zielsetzungen eingehen. Nur mit einer intensiven geistigen Auseinandersetzung zwischen Menschen, politischen Lagern und Ländern über Ursachen und Notwendigkeiten, nur mit mehr Solidarität statt nationalem Egoismus, nur mit ungeheuren Investitionen in die Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft kann ein Zustand herbeigeführt werden, in dem nicht, wie heuer, einige hundert Millionen Menschen um ihren Wohlstand zittern und fast eine Milliarde Menschen unterernährt ist, sondern weltweit Grund zur Hoffnung besteht. •

Dr. Johann Farnleitner ist Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft

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