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Wenig Hoffnung am Golf

1945 1960 1980 2000 2020

Vor fünf Jahren schlug der militärisch hochgerüstete Irak gegen den Iran los. Teheran wehrte sich verbissen, trieb die Iraker wieder zurück, und mittlerweile sind die Kämpfe entlang der gemeinsamen Grenze in einen Stellungskrieg erstarrt. Fünf Jahre Golfkrieg: Anlaß genug für eine umfassendere Bilanz.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor fünf Jahren schlug der militärisch hochgerüstete Irak gegen den Iran los. Teheran wehrte sich verbissen, trieb die Iraker wieder zurück, und mittlerweile sind die Kämpfe entlang der gemeinsamen Grenze in einen Stellungskrieg erstarrt. Fünf Jahre Golfkrieg: Anlaß genug für eine umfassendere Bilanz.

Nicht mehr zu gewinnen ist nach Meinung vieler Geschäftsleute in den Emiraten dieser „komplizierteste Krieg des Jahrhunderts“, wie man in der Golfre-gion den nun schon seit fünf Jahren tobenden irakisch-iranischen Krieg bezeichnet. Während kleine Golfstaaten dank ihrer geschickten Strategie der Nichteinmischung im fünften Kriegsjahr „business as usual“ betreiben und weiter Gewinne im internationalen Olgeschäft erzielen, müssen die zwei Frontstaaten Irak und Iran besonders im Bereich der Wirtschaft enorme Verluste hinnehmen.

Eine halbe Million Menschen hat bis jetzt schätzungsweise auf beiden Seiten den Tod gefunden, über 600.000 wurden verwundet.

Insbesondere der Irak, der diesen Krieg im September 1980 nach vorangegangenen iranischen Grenzprovokationen vom Zaun gebrochen hat — in der Hoffnung, das nach der islamischen Revolution innerlich geschwächte Persien werde schon in den ersten Kriegstagen zusammenbrechen —, mußte enorme Verluste einstekken: Der Krieg kostet das Land etwa eine Milliarde Dollar pro Monat, der Erdölexport ist von täglich 2,3 Millionen Barrel vor dem Krieg auf 700.000 bis 900.000 Faß zurückgegangen.

Die vielfach wiederholte Beteuerung des irakischen Staatschefs Saddam Hussein, sein Land müsse für das „Diktat von 1975 Rache nehmen“ - damals unterzeichneten Bagdad und Teheran ein Abkommen, das den Persern den größeren Teil der Schatt-el-Arab-Mündung für ihre Schifffahrt sicherte — wirkt heute angesichts der verheerenden Kriegsverluste geradezu lächerlich.

Der Kuhhandel von 1975 brachte andererseits auch der irakischen Regierung einige Vorteile, weil sich der Schah damals als Gegenleistung verpflichtet hatte, die im Irak kämpfenden Kurden nicht mehr militärisch zu unterstützten.

Daß im Golfkrieg am Ende eher Iran den längeren Atem zu haben scheint, kam nicht unbedingt überraschend: Ein wesentlicher Faktor, der Teheran zunehmend zugute kommt, ist das größere Menschenpotential Persiens: 42 Mülionen Perser gegen 14 Millionen Iraker. Dieses ungleiche Verhältnis kann auf lange Sicht nicht ohne Wirkung bleiben. Außerdem sind die Mullahs im Ausland weniger verschuldet und können es sich offenbar leisten, die bereits seit zwei Jahren unermüdlich wiederholten Friedensangebote Saddam Husseins unbeantwortet zu lassen.

Vor allem zwei Fragen drängen sich heute im Zusammenhang mit dem Golfkrieg in den Vordergrund. Erstens: Kann der Krieg zwischen Irak und Iran in absehbarer Zeit beendet werden? Zweitens: Werden die Supermächte, die sich bislang mehr oder weniger zurückgehalten haben, doch noch in den Konflikt eingreifen?

Innerhalb der Führungshierarchie der Mullahs, die übrigens in jüngster Zeit immer mehr Pragmatismus an den Tag legt, wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung Persiens geht, gibt es zwei Gruppen:

Die Gruppe der „Hodjati“ versteht sich als „Friedenspartei“ und vertritt die Auffassung, der Iran müsse aus wirtschaftlichen Gründen den Krieg mit dem Irak beenden, um sich besser dem Ausbau der islamischen Revolution widmen zu können. Zu dieser Gruppe könnte man auch den aus Shiraz stammenden Großgrundbesitzer und Chomeini-Stellver-treter Ayatollah Raf sandjani zählen.

Die zweite Gruppe ist die Gruppe der „Maktabis“, die den Sturz Saddam Husseins als erste Bedingung für eine Beendigung des Golf krieges nennt. Für die „Maktabis“ ist die Eroberung der schiitischen Heiligtümer Nedschef und Kerbela im heutigen Irak sowie die Errichtung einer Islamischen Republik Irak nur eine Episode auf dem „historischen Weg“ nach Jerusalem.

Die „Maktabis“ sind beim Freitagsgebet an der Teheraner Universität traditionell stark vertreten und stützen sich hauptsächlich auf die Masse der Mostazafin (ärmste Bevölkerungsschicht) in Süd-Teheran. Der größte Teil der politisch einflußreichen Gruppe der Bazar-Händler scheint sich indessen von ihnen abgewandt zu haben.

In Beobachterkreisen wird bisweilen die Frage gestellt, was wäre, wenn es den Iranern tatsächlich gelingen würde, die irakische Front zu überrennen und.die lebenswichtige Verbindungsstraße Bagdad-Basra unter ihre Kontrolle zu bringen.

Eine unmittelbare Folge eines persischen Durchbruches könnte ein Rumpfirak unter der Herrschaft Chomeinis sein. Die nächste Etappe wäre dann wohl die Ausrufung einer unabhängigen kurdischen Republik, was die Türkei zu einer bewaffneten Intervention und zur Besetzung der kurdischen ölfelder im Nord-Irak veranlassen könnte.

Der weitaus gefährlichere Aspekt dieses Gedankenspiels wäre freilich das Entstehen einer schiitisch-revolutionären Allianz im Mittleren Osten, die ihre mes-sianischen Ziele mit Terror und mit der ölwaffe zu verwirklichen suchen könnte.

Auf der anderen Seite, um wieder in die Realität zurückzukehren, bleibt für die Supermächte im irakisch-iranischen Konflikt nur wenig Spielraum. In ihrer Propagandarhetorik verteufeln jetzt die Mullahs die USA und die

Sowjetunion als „Feinde des Islams“ gleichermaßen.

Anfangs versuchte Moskau diskret, auf die iranische Karte zu setzen. Uber Radio Moskau wurde den Mullahs bescheinigt, sie seien dabei, eine „progressive Gesellschaftsordnung“ aufzubauen. Insbesondere während der Präsidentschaft Bani-Sadrs kamen einige Berührungspunkte zum Vorschein; wobei die Arbeiten des persischen Soziologen Ali Scha-riati, der sich bemüht hatte, eine programmatische Annäherung zwischen dem Schiitismus und dem revolutionären Marxismus herbeizuführen, gewissermaßen eine ideologische Brücke bildeten.

Doch nach der blutigen Verfolgung der „Tudeh“-Partei (persische KP) ging Moskau auf Distanz, wenn auch ungern.

Eine Konstante dieses Krieges bleibt jedoch nach wie vor Chomeinis Wille, den Krieg gegen den Irak bis zum „Endsieg“ fortzusetzen. Diese Unnachgiebigkeit hat tiefe psychologische und religiöse Wurzeln, deren Auswirkung auf das politische Geschehen im Orient eine wesentlich kompliziertere Aussage zum Inhalt hat, als Saddam Husseins panarabische Propagandafloskel, wonach der Krieg mit dem „persischen Erbfeind“ eine „zweite Schlacht von Kadesija“ sei.

In der Schlacht von Kadesija im Jahre 633, ein Jahr nach dem Tode Muhammeds, hatten arabische Truppen die Perser besiegt. Die Mullahs betrachten ihren Krieg mit Bagdad wiederum als Teil eines den ganzen Nahen Osten umfassenden „religiösen Befreiungskrieges“.

Diese „Befreiungsfunktion“ des Islams schiitischer Prägung, die übrigens in nahezu allen Ländern des Orients eine bedeutende Rolle spielt, ist im wesentlichen das Ergebnis einer negativen Erfahrung des Islam mit der westlichen Zivilisation in der Schah-Ära, wobei heute Amerika stellvertretend für den ganzen Westen herhalten muß.

So gesehen, ist Chomeinis Fundamentalismus eine Art „islamische Gegenreformation“, wobei hervorgehoben werden muß, daß der Islam weder eine Reformation noch eine Aufklärung im europäischen Sinne durchgemacht hat.

Der gesamte Nahe Osten befindet sich heute im vorindustriellen Zeitalter, und Chomeinis Absage an die westliche Zivilisation wirkt offensichtlich noch immer wie ein Magnet auf die Masse der besitzlosen Mostazafin in den Slums der persischen Großstädte. Die Frage ist, wie lange noch. Denn die iranische Gesellschaft nach 40 Jahren „prowestlicher“ Schah-Diktatur ist in sich gespalten. Großes Aufsehen erregte im Vorjahr ein Aufruf, den die im westeuropäischen Exil lebenden iranischen und irakischen Intellektuellen unterschrieben haben: „Der Krieg hat bisher nur den Herrschenden, den Waffenhändlern und den multinationalen Konzernen genutzt. Die Bevölkerung, ob im Iran oder im Irak, ist der Verlierer.“

Der Krieg hat aber vor allem dem anfangs eher als labil eingestuften Mullah-Regime geholfen, seine Macht im Iran zu festigen. Und es steht fest: Solange der greise Schiitenführer in Chom lebt, gibt es nur wenig Hoffnung für eine Beendigung des Krieges am Golf.

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