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Wer denkt an die Scheidungswaisen?

Weshalb wohnt euer Papa nicht mehr bei euch? Wieso habt ihr jetzt eine neue Mutti, wo ist denn die andere Mutti? Die Kinder antworten dann oft: im Ausland, oder: die hat geheiratet und hat uns beim Papa gelassen. Es ist ihnen unangenehm, wenn sie ausgefragt werden.

In solchen Situationen dürfen sie sogar lügen. Oft wird von ihnen verlangt, nicht die Wahrheit zu sagen, nämlich: „Meine Eltern sind geschieden”. Wenn eine Mutter mit ihren Kindern im Urlaub ist, bekommen die Spielkameraden auf ihre Frage, weshalb sie nur mit der Mutter weggefahren seien, zu hören: „Mein Papa konnte sich nicht frei nehmen, oder: Wir fahren später alle gemeinsam weg”. Lügen, um das zerstörte Familienbild wenigstens ein paar Wochen im Jahr vorzutäuschen.

9300 Kinder erlebten 1978 die Scheidung ihrer Eltern mit. Ein Jahr zuvor waren es 533 weniger. Aber Statistiken sagen nichts darüber aus, wie es diesen Kindern geht - sie sagen nichts darüber aus, wie Scheidungswaisen - in der Öffentlichkeit werden sie fachmännisch als solche bezeichnet - mit ihren Problemen zurecht kommen.

Kinder erfahren oft sehr lange nicht, daß sich ihre Eltern scheiden lassen wollen. In der Regel ziehen die Ehepartner eine Aussprache mit dem Kind sehr lange hinaus, weil jeder vom anderen erwartet, daß er das Gespräch beginnt. Manchmal wird auch überhaupt nichts gesagt, und gewartet bis das Kind fragt. Den Fragen wird dann häufig ausgewichen. Viele Eltern sind in dieser Situation völlig hilflos. Sie wissen nicht, wie sie diese Tatsache dem Kind altersgemäß nahelegen können, bedauert die Fachpsychologin Anna Schischiza.

Eine Vierzehnjährige über ihre Eltern, die sich scheiden lassen wollen:

„Die glauben wirklich, ich merke nichts davon. Wenn sie bloß mit mir sprechen würden. Aber sie denken, ich verstehe das nicht.” Viele Eltern stehen vor dem Problem: Wie teilen wir den Kindern unseren Entschluß mit?

Kleinkinder werden manchmal noch damit getröstet: ich habe euch noch lieb, aber die Mama versteht mich nicht mehr. Wir haben gestritten; und ich ziehe jetzt aus, wie die Fachpsychologin aus eigener Erfahrung mit Kindern zu berichten weiß.

Wie „verdauen” Kinder die Scheidung ihrer Eltern? Die Fachpsycholo-' gin meint dazu; „Das hängt davon ab, wie die Erwachsenen in der Umgebung zu dieser Frage stehen. Ob die Kinder z. B. die Fotos aus der intakten Familie noch sehen dürfen, oder ob sie noch die Großeltern väterlicherseits, oder wenn sie beim Vater wohnen, mütterlicherseits besuchen dürfen, usw. ' Grundsätzlich können jene, die Geschwister haben, dieses Problem leichter bewältigen, als Einzelkinder. Aber auch bei Einzelkindern ist es möglich, wenn sie eine gute Phantasie haben. Sie sprechen dann mit ihren Stofftiereh oder Puppen. Es kann ihnen auch sehr helfen, wenn sie Spielgefährten haben, oder in einer Gruppe sind.”

Zudem sollten Geschwister nach einer Scheidung nicht getrennt werden. Wohnen sie gemeinsam bei einem Elternteil, dann können sie sich durch die Trennung der Ehepartner gegenseitig abstützen. Sie haben die Möglichkeit, miteinander über dieses Problem zu sprechen.

Häufig treten Kinder für jenen Elternteil ein, bei dem sie nicht wohnen. Viele handeln aus dem Augenblick heraus, betont die Fachpsychologin: Wenn sie bei der Mutter sind, dann sagen sie: Bei der Mama bin ich lieber. Sind sie am Wochenende beim Vater zu Besuch, dann behaupten sie, dort lieber zu sein.

Ob ein Kind vater- oder mutterzentriert ist, hängt auch vom Alter ab. Kleinkinder mit ungefähr sechs Jahren sind eher geneigt, gegenüber der Mutter eine positive Haltung einzunehmen, da sie aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte schon eine bessere Beziehung zu ihr haben. Wenn das Kind nach der Scheidung bei der Mutter lebt und diese beschließt, wieder zu heiraten, wie wirkt sich das auf das Kind aus?

Einerseits kann es zu Eifersuchtsreaktionen kommen, da sich die Mutter plötzlich mehr dem Partner zuwendet, andererseits kann sich eine Wiederverheiratung auch positiv auswirken. Wenn sich der Partner mit dem Kind beschäftigt, mit ihm spielt oder Sport betreibt.

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