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Wer fährt nach Moskau?

Nachdem sich das Nationale Olympische Komitee (NOK) der USA zum Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau entschlossen hat, müssen nun die anderen Nationen des Westens Farbe bekennen: Teilnahme, „weil Sport nichts mit Politik zu tun hat”, oder Boykott aus Protest gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans.

Wenn ein „Fest des Friedens und der Völkerverständigung”, als das die modernen Olympischen Spiele ständig verkauft werden, nichts mit Politik zu tun hat - was hat dann überhaupt noch mit Politik zu tun?

Die Sowjetunion selbst sagt im „Handbuch für Parteiaktivisten”, daß die Abhaltung der Spiele „ein überzeugender Beweis für die allgemeine Anerkennung der historischen Bedeutung und der Richtigkeit der Außenpolitik unseres Landes” sei.

In Wirklichkeit geht es doch den meisten Sportlern darum, die Früchte von mehrjähriger Trainingsarbeit zu ernten. Jeder weiß, daß diese „Amateurspiele” längst zu einer Leistungsschau überzüchteter Muskelpakete geworden sind, die ihre olympischen Erfolge in klingende Münze umwandeln wollen.

Der amerikanische Schwimmer Mike Brunner äußerte jüngst:„Wenn man mir ein Schwimmbecken gibt, schwimme ich, ob es nun in Moskau ist oder in Timbuktu!” Sein Landsmann AI Oerter, vierfacher Olympiasieger im Diskuswerfen, sagte dagegen: „Wie kann man in ein Land gehen, das die Bevölkerung eines anderen Landes abschlachtet? Es ist schade, daß Präsident Carter das Gewissen so vieler Sportler sein muß.”

Daß gerade ein im Wahlkampf stehender US-Präsident zum Boykott aufgerufen und ihn Tür das Team seines Landes durchgesetzt hat, berührt natürlich viele unangenehm. Aber Carters Aufruf deckt sich weitgehend mit Äußerungen russischer Dissidenten und einiger westeuropäischer Linker, etwa des soeben verstorbenen Jean-Paul Sartre.

Mußten sich schon in der Antike die teilnehmenden Stadtstaaten an einen „Burgfrieden” halten, sehen auch die Regeln des Internationalen Olympischen Comites (IOC) vor, daß das Veranstalterland nicht im Kriegszustand sein darf. Dazu Moskau: die Sowjetunion führte ja keinen Krieg gegen Afghanistan, sondern unterstütze die dortige Regierung gegen Rebellen ...

Wer wird nun Moskau boykottieren? Aus der Sowjetunion verlautete vorige Woche, nur von sieben Staaten sei eine Absage bekannt: USA, Saudi-Arabien, Honduras, Albanien, Kenia, Paraguay und Malawi.

Schon damals galt aber bereits ein Boykott von China und Ägypten als sicher, nun zeichnet sich auch eine Absage von Japan, Australien, Neuseeland, Kanada und anderen, vor allem europäischen, Staaten ab. Freilich teilen noch nicht alle NOKs den Boykott-Kurs ihrer Regierungen, wohl aber etliche Sportverbände. Signalwirkung wird die Entscheidung der Bundesrepublik Deutschland haben.

Besonders heikel ist die Lage für kleine Staaten, die es sich weder mit den USA noch mit den Sowjets verscherzen wollen. Bei uns läßt man sich daher Zeit. Erst am 19. Mai, fünf Tage vor Nennungsschluß, tagt Österreichs

NOK, das - so ÖOC-Präsident Kurt Heller - allein zu entscheiden habe, aber sich natürlich nicht über die Meinung der Bevölkerung und der Regierung hinwegsetzen werde.

Regierungschef Bruno Kreisky wieder sagt, die Sportler müßten entscheiden. Polit-Ping-Pong in Vollendung -nur ist Tischtennis leider keine Olympiasportart.

Persönlich verhehlen beide Herren nicht, daß sie gegen einen Boykott sind, schon aus „neutralitätsrechtlichen Bedenken” - (die sehr nach Erdgas riechen). Dagegen hat bereits der Osterreichische Fechtverband abgesagt, und von den Reitern - am ehesten Medaillenanwärter - hört man, die Bewerbe seien nach den Absagen der wichtigsten Reiterverbände sportlich wertlos.

Die Okkasionspreise mancher Moskauer Medaillen mögen manche erst recht zur Teilnahme reizen, andere aber hoffentlich zu einem Olympiaverzicht unter diesen Bedingungen bewegen.

Nach der endgültigen Absage der Amerikaner und der zu erwartenden führender anderer westlicher Nationen ist ein Antreten nicht nur aus politischen, sondern auch aus sportlichen Gründen - zum Beispiel aus Solidarität mit den amerikanischen Sportlern, die sich auch vier Jahre auf diese Spiele gefreut hatten - kaum mehr gerechtfertigt. Zudem würde sich das verbreitete Image des Spitzensportlers als unkameradschaftliche, mit politischen Scheuklappen versehene Muskelmaschine verstärken.

Die einzigen - recht theoretischen -Chancen zur Rettung der Spiele liegen bei den Russen (Abzug aus Afghanistan bis Mitte Mai) und beim IOC (Verlegung der Spiele). Das IOC diskutiert aber derzeit nur über die Zulassung von nicht von den NOKs entsandten Sportlern ohne Fahnen und Hymnen.

Ein solcher Schritt, als Hintertür für Sportler aus Boykott-Staaten gedacht, könnte - auf alle Teilnehmer ausgedehnt - für die Zukunft der Spiele einige Brisanz haben.

Denn jedes Bemühen, Sport und Politik zu trennen, ist positiv, wenn auch ein voller Erfolg dabei illusorisch sein dürfte und im Fall Moskau gar nicht mehr möglich ist: Boykott oder NichtBoykott, aus welchen Motiven immer, ist von der Wirkung her auf jeden Fall ein politischer Akt.

Voraussetzung für eine Rückkehr des „olympischen Geistes” wäre, daß man mit der Heuchelei aufhört, mit lächerlichen Amateurbestimmungen und dem Gerede von Frieden und Völkerverständigung, mit dem verlogenen Ausschluß einzelner Länder (Südafrika) wegen Menschenrechtsverletzungen.

Die Sportler sind daran meist unschuldig, und kaum ein Land ist ganz frei davon, daher sollten immer alle Länder teilnehmen dürfen.

Nur an einen Staat sollten höchste moralische Ansprüche gestellt werden -das Veranstalterland. Es dürfte in keinen Krieg verwickelt sein und müßte in der Frage der Menschenrechte über alle Zweifel erhaben sein. Genau das trifft aber auf die Sowjetunion nicht zu.

Der Vorschlag, die Olympischen Spiele auf Dauer einem Land (Sommer: Griechenland, Winter: Osterreich oder Schweiz) zu übertragen, solange dort die genannten Bedingungen gegeben sind, verdient daher Unterstützung. Vielleicht gehen dann die modernen Olympischen Spiele im Sinn ihres Begründers Pierre de Coubertin weiter, der ein Idealist, aber kein Phantast war (Olympia 1936 in Berlin lehnte er ab). Auch wenn sich in Olympia nicht „die Jugend der Welt”, sondern eine körperliche Elite ein Stelldichein gibt.

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