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Wer hat Angst vor der bösen Schule?

Ministerialrat Dr. Wilfried S. träumte alp: Er sah sich in kurzer Hose in einer engen Holzschulbank in der kaum geheizten ersten Klasse der kleinen Volksschule sitzen. Seine dünnen Beine steckten in langen Strümpfen und hohen Schuhen. Uber ihn beugte sich eine spindeldürre Lehrerin, deren grauer Haarknoten vor pädagogischer Erregung wippte: „Wie hast Du denn wieder das A geschmiert“, ihre Brille setzte sich drohend in Richtung Nasenspitze in Bewegung, „und überhaupt, Du hast ja noch nicht einmal zwei Zeilen fertig - wenn man das Gekritzel überhaupt Zeilen nennen kann!“.

Voller Entrüstung bewegte sie ihre rechte Hand aushölend zur Tafel. Wilfrieds Augen folgten der Bewegung, und so sah er das Datum, das die Lehrerin aufgemalt hatte: „24. November 1945“ ; dann tauchte er nach unten weg, streifte dabei das Tintenfaß vom Tisch und wartete angstschlotternd auf den erzieherischen Schlag.

Der Schlag kam nicht an, denn Dr. S. erwachte noch rechtzeitig. Er rollte sich einmal quer durchs Ehebett, das ihm seit einiger Zeit allein zur Verfügung stand, und fiel in die Fortsetzung des Schreckenstraumes: Er fühlte sich von Furien gehetzt. So schnell er konnte, lief er durch den Stadtpark; so schnell, daß

sich die Wadenschnallen seiner neuen Knickerbocker-Hose öffneten. Er schwitzte und keuchte - und wurde doch immer langsamer. Er passierte das Denkmal eines verdienten Bürgermeisters und berühmten Pädagogen; links vor ihm, noch etwas entfernt, aber schon gut zu sehen, erschien das Gymnasium.

Wilfried S. schlich nur noch, dennoch schwitzte er immer heftiger. Er trat fast auf der Stelle, begann zu zittern. Schließlich kam er doch so nahe an die braune breite Holztüre, daß er die Schrift auf dem Zettel in dem kleinen schwarzen Kasten lesen konnte. Mit Datum vom 23. Juni 1949 gab das Gymnasium bekannt, wer von den vielen Kandidaten die Aufnahmeprüfung bestanden hatte, ln ganz kleiner Schrift und in engen Kolonnen standen die Namen derer, die’s geschafft hatten. War er dabei? Konnte er zu Hause den Erfolg berichten? Wilfried trat noch einen Schritt näher; blind vor Aufregung stolperte er über die Gehsteigkante. Er fiel eine Ewigkeit - und landete schließlich in der Besucherritze zwischen den Ehebetten.

Wieder eine volle Drehung, dazu diesmal ein unruhiges Schnarchen, dann lief der Schreckenstraum weiter. Im blauen Anzug fand sich Wilfried S. an einem Zweimann-Schulschreibtisch in einer weiten Halle wieder. Das Blatt vor ihm war voller lateinischer Buchstaben, die sich zu lateinischen Worten und Sätzen fügten. Bislang hatte er bloß das Datum entziffern können, man schrieb den 2. Juni 1957, und es waren nur noch zwanzig Minuten Zeit,

dann mußte er mit der fertigen Übersetzung vor die Prüfungskommission. Bislang war es bei der schriftlichen und mündlichen Matura nicht gut gelaufen. Es war zwar noch nicht alles verloren, aber ohne eine gute Note in Latein würde er es nicht schaffen. So sehr er sich freilich bemühte, er konnte sich nicht konzentrieren - er hafte zu viel Angst, daß er versagen könnte.

Die Angst hatte sich später als überflüssig herausgestellt. Man kam dem aufgeregten Prüfling wohlmeinend entgegen und dieser noch zu einer erträglichen Gesamtnote. Das war die beruhigende Realität, aber der surrealė Alptraum von Dr. S. war noch lange nicht zu Ende. Immer stärker wurden die Angstgefühle: Sommersemester 1958 — Zittern bei der ersten Staatsprüfung, Wintersemester 1960/61 - Angst vor dem letzten Rigorosum, dann Angst vor der erforderlichen Dienstprüfung, Zittern vor einer möglichen Versetzung, Nervosität vor der erhofften Beförderung, Schweißausbruch vor dem ersten Besuch beim Abteilungsleiter…

Ein gnädiger Wecker erlöste den schweißgebadeten Ministerialrat. Er sprang aus dem Bett, stürzte vor den Spiegel ins Badezimmer: welch jämmerlicher Anblick! „War ja nur ein

Traum“, versuchte er sich zu beruhigen, aber erst nach Anwendung eines besonders scharfen Gesichtswassers kam wieder Farbe in sein Gesichtv Am Frühstückstisch kaute eine strahlende Tochter Monika bereits an der zweiten Honigsemmel. „Hast Du heute nicht Mathematik-Schularbeit?“ fragte Dr. S. irritiert. „Sicher, aber es wird schon klappen. Ich habe mit Raudi gelernt, und zur Not macht’s eben unser Schummelzettel!“ Auch Sohn Wolfgang schien durchaus gutgelaunt, dazu nervlich stabil. „Hast Du gar keine Angst vor der Lateinprüfung

heute?“ bohrte Dr. S. „Von dieser Prüfung hängt doch ab, ob Du die Klasse wiederholen mußt oder nicht?“

„Ach ja“, feixte der Obergymnasi^ ast, „ich habe gestern noch einmal alles durchgenommen, und die Lehrer sind ganz o. k. Und wenn’s nicht klappt, dann mach ich halt die Klasse noch einmal, das bringt doch keinen um, oder?“ „Nein, nein, sicher nicht“, stammelte der gestreßte Vater der beiden strahlenden Schüler, und: „Alles Gute dann und - bis heute Abend!“

Ministerialrat Wilfried S. beendete sein Frühstück so rasch wie nie, der Dienstwagen wartete vor der Türe. Heute, ausgerechnet am Freitag, dem 13. Februar 1981, hatteer, im Aufträge und in Vertretung des Herrn Unterrichtsministers, eine wissenschaftliche Enquete zu einem äußerst aktuellen Thema zu eröffnen. Er hatte sich besonders gut vorbereitet, aber man konnte ja nie wissen.

Er begrüßte den Fahrer betont jovial und ließ sich auffallend schwungvoll auf den linken Rücksitz fallen. Nicht, daß er Angst vor seinem heutigen Auftritt gehabt hätte, aber vielleicht wäre es doch besser, das Manuskript der Eröffnungsrede noch einmal durchzugehen. Dr. S. zog die Blätter vorsichtig aus der Brusttasche und begann halblaut zu lesen: „Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, wir wollen uns heute eine gleichermaßen bedrückende wie aktuelle Frage stellen: Warum haben denn unsere Kinder vor der Schule heute so große Angst?…“

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