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Werteabbau oder -umbau?

Es bedarf keiner übermäßig großen Anstrengung, zu erkennen, daß mit der Entgöttlichung der Welt ein Wandel im Bewußtsein der Werte einhergegangen ist. Mit dem gleichzeitigen Wan-

del der zivilisatorischen Lebensbedingungen sind neue Gesichtspunkte relevant geworden, unter denen der Mensch sein Leben betrachtet. Wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der das Religiö

se bestenfalls noch im privaten Bereich exisitiert, wenn man in einem Geschichtsbewußtsein lebt, das nicht mehr vom göttlichen Wirken, sondern vom autonomen Eingreifen des Menschen gestaltet wird, wenn die Natur nicht mehr als Schöpfung Gottes, sondern als Spielfeld beliebiger technischer Verwandlung angesehen wird, verschieben sich die Perspektiven.

Es müssen jedoch einige Fragen differenziert gesehen werden. Es ist nicht so, daß alles in Frage gestellt werden kann, und es wird auch nicht alles in Frage gestellt. Der simple lapsus linguae eines hochrangigen Politikers der Bun

desrepublik Deutschland vor etlichen Jahren hat das gezeigt. Er sagte, daß die Bundesrepublik Deutschland eine wertneutrale Gesellschaft sei. Binnen einer Woche ging der Protest durch das ganze Land: Wir sind zwar eine weltanschauungsneutrale, aber

(Karikatur DS/Gerhard Mester)

keine wertneutrale Gesellschaft! Der Vorteil dieser Debatte bestand darin, daß endlich geklärt wurde, daß man auch in einer pluralistischen Gesellschaft nicht ohne den Konsens auf den Grundwertekatalog auskommen kann, wie er etwa im Bonner Grundgesetz in den Artikeln 1 bis 19 formuliert worden ist. Nach wie vor gilt die Maxime des Altmeisters der deutschen Politikwissenschaft, Emst Fraenkel: Man kann sich den Luxus der pluralistischen Gesellschaft erst leisten, wenn die gemeinsame Basis gesichert ist, auf der sich der Pluralismus abspielen kann. Das ist für eine politische Ethik immerhin ein tragbares Fundament und eine unerschütterliche Entscheidungshilfe.

In einem nächsten „Wertering“ freilich haben die zivilisatorischen Bedingungen schon erhebliche Veränderungen zur Folge gehabt. Zum Beispiel galt in der vorindustriellen Agrargesellschaft für einen Bauern die Treue zum Hof, den die Familie seit Generationen bewirtschaftet hatte, als hoher Wert. In der Handwerksgesellschaft war es ebenfalls eine Selbstverständlichkeit, seinem Beruf im Familienbetrieb durch Generationen die Treue zu halten. Die Veränderung wurde unübersehbar, seit der Landwirt in das Netz des Europäischen Agrarmarktes eingebunden ist und seit es vom Bureau of Census erhoben worden ist, daß jeder Amerikaner im Durchschnitt fünfmal seinen Beruf und siebenmal seinen Wohnsitz ändert.

Professor Lothar Roos hat zu diesem Thema, anläßlich einer Tagung der Konrad-Adenauer- Stiftung in Konstanz im Januar 1988, die Frage aufgeworfen, ob es sich hier wirklich um eine Wertkrise und nicht vielmehr um einen „Werteumbau“ handelt: „Gehen hier wirklich Werte verloren oder ereignet sich innerhalb des Spektrums der insgesamt festzuhaltenden Werte lediglich ein Umbau? Mit anderen Worten: Führt der gesellschaftliche Wandel, in diesem Fall der Übergang von der Agrar- und Handwerker- zur Industrie- beziehungsweise heute zu einer industriellen Dienstleistungsgesellschaft, nicht dazu, daß die gleichen Werte eben mit Hilfe anderer institutioneller und habitueller Normen zu erstreben, ja nur so zu erreichen sind?

Der moderne Arbeitsprozeß verlangt in zunehmendem Maß neue Tugenden. In der Vergangenheit standen Pünktlichkeit, Präzision, Leistung und Pflichterfüllung hoch im Kurs. Heutzutage treten kommunikative Tugenden in den Vordergrund: Fähigkeit zum Teamwork, offener Umgang mit anderen, Freundlichkeit, Verträglichkeit, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, Änderungsbereitschaft usw. Die Frage verdient allerdings Beachtung, ob die „alten“ Tugenden abgeschafft und durch „neue“ ersetzt werden, oder ob die alten bleiben und durch die neuen ergänzt werden müssen.

Und weil wir nun schon bei den Tugenden sind: Jeder Universitätslehrer weiß, welch schwerwiegende Folgen die 68er Revolu

tion hinterlassen hat. Falsche Propheten haben einer ganzen Generation weltweit vorgegau- kelt, daß das Glück des Menschen herstellbar sei, daß die Welt nichts kostet und daß der Paradieseszustand demnächst über uns hereinbrechen wird.

Hier entstand sicher so etwas wie ein Epizentrum des Werteabbaues. Man stellte äußerst hohe Ansprüche an das politische System bei maximal geringem Einsatz der eigenen Leistung. Kostenloses, zeitlich nicht limitiertes Studium an der Universität, kostenlose Beförderung auf den öffentlichen Verkehrsmitteln, hoher Lebensstandard - dies alles sollte der Staat zur Verfügung stellen. Dies sollte aber alles auch auf Dauer, also sicher und krisenfest, garantiert werden, und alles sollte möglichst allen und in nahezu gleicher Weise zukommen. Von der Technik erwartete man eine Weiterentwicklung, die nichts von den bisherigen Standards an Annehmlichkeiten wegnimmt und zugleich alle negativen Implikationen ökologischer und humaner Beeinträchtigung ausschließt. „Dies alles soll das System gratis bereitstellen, das heißt, die Frage nach den Verhaltensbedingungen des einzelnen, damit dies — wenn überhaupt — möglich sein könnte, wird verdrängt.“ Tugend wird durch Technik ersetzt.

In geradezu tragischer Weise wurde dieser Abbau von Werten in den letzten zwanzig Jahren begleitet und gefördert durch die sexuelle Revolution, die zu einer

„globalen Monokultur sexueller Beliebigkeit“ und deren monomanische Verselbständigung sich der Spritzpistole bedient, um an die Wände unserer Universitäten zu schreiben „Wir lassen uns den Sex nicht durch Aids verderben“. Im übrigen wird ja die Wissenschaft dafür zu sorgen haben, daß es weitergeht.

Die Wissenschaft allerdings ist in ihrer szientistischen Einäugigkeit in eine Endlage geraten, der Fortschrittsglaube ist ins Wanken gekommen. Der Begriff der wertfreien Wissenschaft geriet in den Gegensatz zwischen Sein und Sollen oder zwischen Wirklichkeit und Norm oder Wert.

Nun läßt sich aber nicht leugnen, daß die persönlichen Weltanschauungen auf dem Gebiet unserer Wissenschaften unausgesetzt hineinzuspielen pflegen, auch in die wissenschaftliche Argumentation. Das heißt aber nichts anderes, als daß „Werte“ eben doch wieder in die Wissenschaft hereinspielen. Um die Jahrhundertwende wurden „Werte“ von der positiven Wissenschaft hochmütig in den Bereich des Glaubens abgeschoben, weil die Wahrheit der Transzendentalienlehre in Vergessenheit geraten war. Das Einzige, an was ein charaktervoller „positiver“ Wissenschafter glaubte, war der Fortschritt seiner Wissenschaft.

Wir haben diesen Glauben inzwischen verloren. Die positiven Wissenschaften haben vielerorts die Grenzen erreicht und mancherorts überschritten.

Heute ist die Ethik wieder auf den Plan gerufen, die zu Besinnung ruft, weil sich herausgestellt hat, daß der Mensch mit seiner Wissenschaft mehr kann als er darf.

Ethik für die Entscheidungskrise. Die positiven Wissenschaften haben die Menschen in eine gefährliche Situation hineinmanövriert. Politische Ethik ist aufgerufen, in dieser Entscheidungskrise Halt zu sagen und zur Umkehr zu mahnen.

Der Autor ist Professor für philosophische Gesellschaftslehre und politische Theorie an der Universität Salzburg. Der Artikel ist ein Auszug aus seinem Beitrag in der Festschrift für Airred Klose „Die soziale Funktion des Marktes. Beiträge zum ordnungspolitischen Lernprozeß“. Herausgegeben von Gerhard Merk, Herbert Schambeck und Wolfgang Schmitz, Verlag Duncker & Humblot, Berlin

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