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Wesen nach Maß

Den Zorn der Wissenschafter und großes Interesse der Leser Zog der amerikanische Wissenschaftsjournalist D. Rorvik bereits im Jahr 1978 auf sich, als er den Roman „Nach seinem Ebenbild" veröffentlichte. Darin beschreibt der Autor die Herstellung des ersten geklonten Menschen, das heißt einer exakten Kopie des kauzigen Millionärs, der sein Fortleben sichern möchte.

Wenn ein geklönter Mensch zwar genau das Gegenteil jenes Traumes vieler Weltverbesserer wäre, die den Menschen „neu bauen wollen", „ein gottgleiches Wesen schaffen" möchten, wie zum Beispiel der Nobelpreisträger Hermann J. Muller, so macht es rückblickend doch betroffen, mit welcher Exaktheit D. Rorvik manche Vorgänge schilderte. 1978 war längst noch keine Rede von der Retortenerzeugung, von Mietmüttern, und auch die Gentechnologie hatte einen Stand, der nicht mit dem heutigen vergleichbar war.

Wesen nach Maß — sei es nun die Perpetuierung oder die Veränderung von Zuständen — sind alte Menschheitsträume, im Regelfall mit besten Absichten begonnen, führten sie dennoch viele zu entsetzlichen Verwirrungen./

Es ist an der Zeit, sich darüber klar zu werden, daß wir schon längst mit Wesen nach Maß leben. Ihre Weiterentwicklung wird von der Biotechnologie — die zweifellos eine der zukunftsträchtigsten Wissens- und Wirtschaftszweige des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts darstellt—ununterbrochen vorangetrieben.

Nutzpflanzen vom Reißbrett gehören längst zu unserem täglichen Speiseplan. Mikroben, die ölteppiche vom Meer und das Dioxin von den Mülldeponien abfressen, wurden längst erfunden. Was an bakteriologischen Kampfmitteln in den Arsenalen der Militärs diverser Weltmächte lagert, kann sicherlich dem Vergleich mit der apokalyptischen Vision einer atomaren Auseinandersetzung standhalten.

Binnen zweier Jahrzehnte ist es den Wissenschaften gelungen, Entwicklungen nachzuvollziehen, für die die Natur Jahrmillionen gebraucht hat.

Die Biotechnologie ist nunmehr bei der Manipulation des Säugetieres angelangt, von da ist es nur ein Schritt zum Menschen. Auch dieser Schritt wurde im Prinzip längst gegangen.

Die Mikroelektronik, die Computerwissenschaft, die Molekularbiologie, sie alle miteinander machen es möglich, an den Zellkern heranzukommen, ihn in seine Bestandteile zu zerlegen und ihn schrittweise zu entschlüsseln.

Von den mehr als hunderttausend menschlichen Strukturgenen sind heute etwa fünfhundert analysiert. Sind die Gene einmal enträtselt, sind sie auch veränderbar.

Wie die Ultraschalldiagnostik den Menschen sozusagen lagenweise sichtbar machen kann, könnte eine Genkarte ein Identitätsausweis neuer Prägung werden. Eine Fülle von Angaben, wie zum Beispiel Anlagen zu Erbkrankheiten, Allergien, „Schwachstellen" könnten auf Grund einer Blutprobe binnen weniger Stunden vom Computer ausgedruckt werden.

In den Vereinigten Staaten ist „Gen-Screening" bereits einigermaßen verbreitet, Firmen lehnen Bewerber und die Armee Soldaten ab, weil „defekte Gene" vorhanden sind.

Derartige Feststellungen führen natürlich mitten hinein in die Überlegungen vom „perfekten" Menschen, zur Eugenik, der Lehre vom „guten Gen".

Wenn hier schwerwiegende Bedenken — verbunden mit Erinnerungen an schreckliche Verirrun-gen— aufsteigen, so sind sie sicher am Platz. Es schiene aber nicht nur irreal, sondern auch falsch, die positiven Möglichkeiten unterzubewerten: Bereits jetzt kann Insulin — wichtig für den Zuckerstoffwechsel - durch bakterielle Synthese hergestellt werden, ebenso Interferon, das Gegenmittel bei bestimmten Viruserkrankungen; man ist Hormonen auf der Spur, die im menschlichen Gehirn Schmerz/Lust auslösen können. Jedoch die Bakterien, die derartige Stoffe produzieren können, gelten ja nur als die Vorhut der gentechnologischen Revolution.

Bereits jetzt vermag die sogenannte somatische Gentherapie — am Beispiel einer Maus, also im Bereich der Säugetiere — Vielversprechendes: Einer blutarmen Maus wird Knochenmark entnommen, es wird ein gesundes Gen im Reagenzglas in den Zellkern eingeschleust und dem kranken Tier injiziert. Die Vermehrung dieser „guten" Zelle bewirkt eine wesentliche Besserung der angeborenen Blutarmut. Freilich ist die, auf solche Weise behandelte Zelle bzw. die Veränderung nicht vererbbar, sie bleibt auf den somatischen Bereich begrenzt.

Die Manipulation der Keimbahn ist etwas anderes, stellt eine neue Dimension der Veränderung dar, weil sie wirklich neue Wesen schafft.

Die gentechnologische Manipulation der Keimbahn ist — laut Aussage der Wissenschaftler — noch in weiter Ferne, sicherlich aber nicht denkunmöglich.

Es wäre eine Frage der Klugheit, gentechnologische Methoden nicht zum Wildwuchs werden zu lassen, sondern sie in einen Rahmen gesetzlich und ethisch vertretbarer Kriterien einzugrenzen.

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