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Westen soll uns anerkennen

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Er saß 17 Jahre wegen „antisowjetischer Propaganda" im Gefängnis. Heute wird Swiad Gamsachurdia (52), seit Herbst 1990 Georgiens Präsident, wegen seiner autoritären Haltung von der schwachen Opposition vehement kritisiert. Von echter Demokratie ist Georgien, das sich am 9. April unabhängig erklärte, weit entfernt. .

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Er saß 17 Jahre wegen „antisowjetischer Propaganda" im Gefängnis. Heute wird Swiad Gamsachurdia (52), seit Herbst 1990 Georgiens Präsident, wegen seiner autoritären Haltung von der schwachen Opposition vehement kritisiert. Von echter Demokratie ist Georgien, das sich am 9. April unabhängig erklärte, weit entfernt. .

FURCHE: Nach dem Massaker in Tiflis vor zwei Jahren bildete sich nach dem System der Bürgerwehren in Georgien die Organisation Mche-drioni, die vor allem Schiedsaufgaben in Abchasien und in Südossetien übernahm. Seit Februar dieses Jahres sind die rund5.000 Mitglieder der Mchedrioni Repressalien ausgesetzt, ihre Leitung ist inhaftiert. Ich habe gehört, daß auch Mitglieder anderer Parteien eingesperrt wurden.

SWIAD GAMSACHURDIA: An welche Parteien denken Sie?

FURCHE: An die vereinigten Parteien im Nationalkongreß Georgiens, der - im Oktober 1990 gegründet - die Wahlen zum Obersten Sowjet der Teilrepublik boykottierte.

GAMSACHURDIA: Alle Inhaftierten gehören zu Mchedrioni.

FURCHE: Uns wurde gesagt, daß sich auch Mitglieder der Unabhängigkeitspartei und der Gesellschaft lllia Czawczawadze im Gefängnis befinden - darunter auch viele ehemalige politische Gefangene, Leute, die für die Unabhängigkeit Georgiens kämpften.

GAMSACHURDIA: Das ist nicht wahr. Man hat Sie hinters Licht geführt. Jetzt stehen sie alle auf der Seite dieser Bande Mchedrioni. Das Volk unterstützt deren Bestrebungen nicht.

FURCHE: Aber die Intelligenz steht auf Seiten der Opposition?

GAMSACHURDIA: Die echte Intelligenz befindet sich im Parlament. Es ist so, daß jener Teil der Gesellschaft, der bei den Wahlen unterlag, frustriert blieb. Und deswegen handelt er wenig ernst und fördert die Kriminellen.

FURCHE: Der Gründer und Führet; von Mchedrioni, Dzawa Joselia-ni, ist doch Dramatiker und Lehrbeauftragter der Universität.

GAMSACHURDIA: Das ist auch falsch. Er hat an keiner Universität Vorlesungen gehalten. Er war ein Dieb und wurde deswegen viermal nach Sibirien strafverschickt.

FURCHE: Die Opposition hält Ihnen vor, in der Vergangenheit viele Fehler gemacht und jetzt Ihre Überzeugungen verraten zu haben. Vor Gericht und im Fernsehen haben Sie seinerzeit auch Selbstkritik geübt.

GAMSACHURDIA: Hätte ich damals nicht Zugeständnisse gemacht, wäre heute Georgien nicht frei. Die heutige Revolution hätte nicht stattgefunden, einen Akt der Unabhängigkeit hätte es nicht gegeben. Verstehen Sie das? Damals, 1976, war ich allein. Es gab keine anderen Aktivisten. Für mich war seinerzeitige Priorität, nur ja nicht aus der Sowjetunion ausgewiesen zu werden. Deswegen mußte ich so handeln.

FURCHE: In der Zwischenzeit hat man aber den Freiheitskämpfer Me-rab Kostawa und andere Leute in den Kerker geworfen. Kostawa hat nach seiner Entlassung seine anti-kommunistische politische Tätigkeit sofort wiederaufgenommen und verunglückte bei einem mysteriösen Autounfall.

GAMSACHURDIA: Man hat ihn gefangengehalten, das ist wahr. Man mußte aber auch einen Menschen hier in Tiflis lassen. Verstehen Sie das?

FURCHE: Man beschuldigt Sie auch, die amerikanischen Journalisten Paiper vom „Baltimore Sun " und Utini von der „New York Times", die Ihnen im Westen publizistisch geholfen haben, verraten zu haben, weswegen diese dann aus der UdSSR ausgewiesen wurden.

GAMSACHURDIA: Das ist eine glatte Lüge. Ich habe niemanden verkauft. Sie wurden schlecht darüber unterrichtet. Glauben Sie das nicht, bitte.

FURCHE: Welche Stellung nehmen Sie derzeit gegenüber der Republikanischen Partei und der parlamentarischen Opposition ein?

GAMSACHURDIA: Das ist keine Opposition. Die Republikaner haben buchstäblich nur einen Mann im

Obersten Sowjet. Falls diese eine Manifestation einberufen möchten, könnten sie mit der Anwesenheit von zehn Teilnehmern rechnen, so wie es vor den Wahlen geschehen ist.

FURCHE: Welche Schritte unternehmen Sie, um zu einer wirklichen Unabhängigkeit Georgiens zu gelangen? Ich denke da an die Konflikte m it den Südosseten und den Abchasen.

GAMSACHURDIA: Die wichtig-steAngelegenheit ist für uns die Anerkennung Georgiens durch den Westen.

FURCHE: Das Nationalforum der Abchasen will eine Union der Ge-birgsvölker Kaukasiens bilden. Das scheint insofern irreal, als die Inguschen gegen die Osseten auftreten.

GAMSACHURDIA: Die Inguschen sind mit den Georgiern einig. Hingegegen treten die Tschetschenen, Osseten, Balkaren und Kabardinen gemeinsam mit den Abchasen auf. Sie werden von der moslemischen Bewegung geleitet. Ich denke hier an die äußerst reaktionäre Partei unter dem Namen „Islamischer Weg", die alle Völker Kaukasiens gegen Georgien, gegen die Christenheit im Kaukasus und gegen christliche Staaten vereinigen möchte. Sie will Georgien und Armenien niederschlagen, um hier eine moslemische Welt zu errichten.

FURCHE: Haben die Oppositionsparteien Zutritt zu Massenmedien?

GAMSACHURDIA: Zu allen. Jede Partei hat eine eigene Zeitung. Allerdings nur registrierte Parteien. Ohne Registrierung darf das niemand. Auch zu Funk und Femsehen haben sie .Zugang mit dem Vorbehalt, daß es verboten ist, andere Menschen zu kritisieren oder zu beleidigen. Jede registrierte Partei hat ein eigenes Programm und sogar die fünf bis zehn Hooligans könnten kommen und sagen: Wir sind eine Partei, gebt uns ein Programm.

FURCHE: Was ist mit der ältesten Opposition in Georgien, dem Verband von lllia Czawczawadze?

GAMSACHURDIA: Dieser Verband ist nicht registriert worden. Man hat ihnen auch kein eigenes Lokal zugewiesen. Sie haben es sich mit Gewalt genommen, eben weil sie keine Registrierung hatten.

FURCHE: Wie steht's mit der Republikanischen Partei? • GAMSACHURDIA: Wer sich anmeldet, erhält die Registrierung. Natürlich nicht jede Partei ausnahmslos.

Mit dem Präsidenten der Sowjetrepublik Georgien, Swiad Gamsachurdia, sprachen Jadwiga Chmielowska und Piotr Gerczuk.

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