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Wider die Natur - aber Regelfall des Leberts

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Der Verfasser, dereinst Leiter derli. Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien, ist als engagierter Katholik und besonnener Denker ausgewiesen. Was er ausspricht, ist nicht leichtfertig gesagt. Man kann ihn gewiß nicht der Effekthascherei zeihen.

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Der Verfasser, dereinst Leiter derli. Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien, ist als engagierter Katholik und besonnener Denker ausgewiesen. Was er ausspricht, ist nicht leichtfertig gesagt. Man kann ihn gewiß nicht der Effekthascherei zeihen.

Bei seinem Besuch in Deutschland machte Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache zum Thema Familie sinngemäß die Aussage, daß es dem Gewissen des einzelnen anheimgestellt bleibe, die Anzahl der Kinder zu bestimmen. Die gläubigen Katholiken möchten in dieser Aussage gerne eine Abschwächung der Erklärung der jüngsten römischen Bischofssynode erkennen, die in ihrem Schlußkommunique noch immer an der Unterscheidung zwischen „natürlichen“ (erlaubten) und „unnatürlichen“ (verbotenen) Methoden der Kontrazeption (Empfängsnisverhütung) festhält.

Diese neuerliche Feststellung ist um so enttäuschender, als diese Unterteilung auch unter Heranziehung des Naturbegriffes immer schon, auch von innerkirchlichen Kreisen, als unlogisch und inakzeptabel kritisiert wurde. Und sie ist auch deshalb enttäuschend, weil man den Eindruck gewinnen muß, daß die Kirche in ihrer Diskussion um die Kontrazeption über die Methodik noch nicht hinausgekommen ist und die ganze Tiefe der Problematik noch gar nicht ausgelotet hat.

Dabei ist die Methodik ja nur ein kleiner Teilaspekt, für den die Kirche eigentlich gar nicht zuständig ist. Und sie ist auch deshalb enttäuschend, weil die Bevölkerung, die - soweit sie Kontrazeption betreibt - heute zu ca. 90 % „unnatürliche“, verbotene Methoden praktiziert, noch immer auf eine Sinnesänderung der Kirche hofft.

Die gläubigen Menschen leben in einem ständigen Konflikt und sie können ihren Schuldkomplex nicht loswerden. Der Hinweis auf die Sakramente kann keine Lösung sein, wenn der Vorsatz zu

einer Änderung von vornherein nicht gegeben ist. Schließlich kann man der Bischofssynode den Vorwurf nicht ersparen, eine wissenschaftliche Diskussion zur Frage Kontrazeption abgewik- kelt zu haben, zu der nur solche Experten eingeladen waren, von denen zu erwarten war, da sie im Sinne der Hierarchie referieren.

So ist auch die Erklärung zu verstehen, in der festgestellt wurde, daß die erweiterte Zeitwahlmethode (Billing) inzwischen ebenso verläßlich geworden sei wie die Pille und daß immer mehr Menschen auf der ganzen Welt sie praktizierten. Es habe daher kein Anlaß bestanden, andere Methoden zu akzeptieren.

Hier war wohl ein Wunschdenken vorherrschend. Diese Feststellung entspricht nicht den Tatsachen, sie ist ganz einfach falsch. Aber das nur nebenbei.

Man kann Geburtenregelung auf dreierlei Weise praktizieren:

• durch Enthaltsamkeit: Die jungen Leute heiraten aber nicht, um dann enthaltsam zu leben;

• durch Kontrazeption (gleichbedeutend mit der Verhinderung der Entstehung neuen menschlichen Lebens): unter entsprechenden Voraussetzungen ethisch vertretbar;

• durch Abortus (gleichbedeutend mit der Vernichtung bestehenden menschlichen Lebens): ist unter keinen Umständen ethisch vertretbar.

Ich beschäftige mich seit ca. 20 Jahren mit dem Problem der Kontrazeption. Ich habe versucht, Kontrazeption als Maßnahme gegen den Abortus in Österreich zu propagieren, und das schon zu einer Zeit, als es noch verpönt war, überhaupt darüber zu reden.

Der ursprüngliche Gedanke, den Abortus zur Gänze durch Kontrazeption ersetzen zu wollen, hat sich als Utopie

erwiesen. Auch die Kontrazeption hat ihre psychischen Barrieren. Aber sicher ist, daß verläßliche Kontrazeption den Abortus überflüssig macht.

Es ist aber schwierig, in einem Land Kontrazeption als Maßnahmegegenden Abortus zu propagieren, wo kirchlicherseits beides gleichermaßen verboten ist und wo die beiden Begriffe auch nicht streng genug unterschieden werden und wo vom Gesetzgeber her der Zugang zum Abortus so einfach geworden ist, daß er bereits als Methode der Geburtenregelung praktiziert wird.

Die Einstellung der Kirche zur Kontrazeption ist für beide Teile, Kirche und gläubige Katholiken, höchst unbefriedigend. Eine umfassende und offene Diskussion ist dringend erforderlich;

denn eines ist klar: das kontrazeptive Verhalten der Menschen von heute ist kein vorübergehendes. Kontrazeption wird bleiben.

Die Technik wird sich sicherlich noch verfeinern. Kontrazeption ist aus dem Weltbild des modernen Menschen nicht mehr wegzudenken. Kontrazeption wird die Welt verändern, sie hat die westliche Welt bereits verändert. Die Menschen benötigen eine klare Einstellung zu ihrer Kontrazeption.

Dazu möchte ich ein paar Gedanken aus ärztlicher Sicht vorlegen.

Kontrazeption ist wider die Natur. Das gilt gleichermaßen für alle Methoden. Eine Unterteilung in natürliche und unnatürliche Methoden entbehrt daher jeder Logik. Kontrazeption nämlich führt zum totalen Auseinanderfallen der beiden Begriffe Sexualität und Fortpflanzung, führt zur totalen Ausschaltung der Fortpflanzung und zur totalen Verselbständigung der Sexualität.

Der biologische Sinn der Sexualität ist aber doch wohl die Zeugung von Nachkommen, die Erhaltung der Art. 1 m Plan der Natur waren dip beiden Begriffe Sexualität und Fortpflanzung auch immer eng miteinander verbunden - solange, bis der Mensch durch die Kontrazeption in die Natur eingegriffen hat.

Die Kirche hat zwar richtigerweise außer der Fortpflanzung auch andere Motive für den Geschlechtsverkehr akzeptiert (Partnerbeziehung}. Das inkludiert aber nicht auch das Recht, die Fortpflanzung dabei auszuschalten. Der Standpunkt aus der Sicht der Kirche, daß jeder Verkehr für die Zeugung offenbleiben müsse, ist daher verständlich.

Wie aber kann eine sichere Kontrazeption betrieben werden? Hier zeigt sich das Dilemma für Kirche und Gläubige. Kontrazeption ist inakzeptabel, solange am Naturbegriff festgehalten wird. Aber ist nicht vieles, was wir in der Medizin tun, wider die Natur?

Jeder Kampf gegen die Krankheit, gegen den Krebs, die Bekämpfung von Seuchen, ist ein ständiges Eingreifen in die Natur. Die Kirche hat das akzeptiert. Es geht dabei eben um das Wohl des Menschen. Man muß klarmachen, daß auch Kontrazeption dem Wohl des Menschen dient. Wird es aber möglich sein, der Kirche klarzumachen, daß im

mer und in jedem Fall Kontrazeption dem Menschen dienlich ist?

Kontrazeption ist zwar wider die Natur, aber sie ist sozial und ökonomisch notwendig. Die Gründe, die in der früheren Agrargesellschaft eine größere Kinderzahl rechtfertigten, haben in unserer heutigen Industriegesellschaft jede Berechtigung verloren. Kinder sind keine ökonomische Notwendigkeit mehr.

Es ergibt sich daher wohl fast für jedes Ehepaar die soziale und ökonomische Notwendigkeit zur Kontrazeption. Es ist verständlich, daß die Menschen dabei Methoden mit einer höheren Versagerquote ablehnen. Kirche und Staat sollten dem ganz einfach Rechnung tragen.

Man versteht die ablehnende Haltung der Kirche, wenn man die weiteren Konsequenzen der Kontrazeption berücksichtigt. Solange das Kinderkriegen mit einem hohen Grad von Selbstverständlichkeit als etwas Erstrebenswertes angesehen wurde, wurde Kontrazeption immer nur gewissermaßen von Fall zu Fall eingesetzt. Man wollte eben im Moment kein Kind und hat eine der damals üblichen Methoden praktiziert.

Kontrazeption von damals war durch Verfahren charakterisiert, die immer nur auf kurze Zeit ausgerichtet waren. Fertilität (Fruchtbarkeit) war damals das Normale und Kontrazeption die Ausnahme. Jeder Entschluß zur Kontrazeption war immer auch ein Entschluß gegen das Kind.

Mit der Einführung der modernen Methoden (Pille, Spirale, Sterilisation) hat sich das ganze in das Gegenteil gekehrt. Diese Methoden sind auf Dauer ausgerichtet. Die jungen Mädchen beginnen heute lange vor der Eheschließung schon mit der Kontrazeption und setzen diese womöglich noch Jahre nachher bis zum Kinderwunsch fort.

Die Frauen von heute stehen unter der Dauerwirkung der Kontrazeption. Empfängnisverhütung ist heute das Normale geworden, Fertilität die Ausnahme. Die Kontrazeption zu unterbrechen, setzt einen eigenen Entschluß

voraus. Ein solcher Entschluß ist also immer ein Entschluß für das Kind.

Hier prallen die Gegensätze zwischen Kirche und der Realität wohl am stärksten aufeinander. Sehr bald wird es eine Generation geben, die es geradezu als natürlich ansieht, diese Mittel und Methoden zu gebrauchen.

Diese Art der Geburtenkontrolle ist, wie man wohl später sagen wird, die selbstverständliche Form, sie ist einfach ein Ausdruck der menschlichen Würde und Ausdruck der Befreiung von der Last einer überschüssigen Fertilität, wobei allerdings - und jetzt wird es für die Kirche ganz besonders schwierig - der einzelne die schöpferische Fähigkeit des Zeugens als persönliche Freiheit in die eigene Hand nimmt.

Der göttliche šchopferische Akt des Zeugens neuen menschlichen Lebens ist kein göttlicher Schöpfungsakt mehr. Der Mensch hat diesen schöpferischen Akt in die eigene Hand genommen und wird, wie es den Anschein hat, ihn wohl niemehrausder Hand geben. Obda die Kirche noch mitgehen kann?

Die Entscheidung zur Kontrazeption dem Gewissen des einzelnen anheim zu stellen, wie der Papst sich geäußert hat, ohne ihn mit Schuld zu beladen, könnte eine Kompromißformel sein, mit der beide, das kirchliche Lehramt und der gläubige Katholik, leben könnten.

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