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Wie der Super-GAU funktioniert

Bei der Spaltung von Uran- oder Plutoniumatomkernen entsteht Energie in Form von Wärme, die man zur Stromerzeugung verwenden kann. Dabei entstehen zusätzlich auch zum Teil hoch radioaktive Spaltprodukte, die von selber zerfallen und ebenfalls Wärme entwickeln.

Wenn nun bei einem Reaktor die Kühlung versagt, das heißt, wenn das Wasser nicht mehr fließt, das die anfallende Wärme zur Turbine transportiert, beginnt der Reaktor, sich über die normale Betriebstemperatur hinaus zu erhitzen.

Dadurch kommt zwar die Kettenreaktion aus physikalischen Gründen sofort zum Stillstand (weshalb ein normales Atomkraftwerk nicht wie eine Bombe in die Luft fliegen kann; beim sogenannten Schnellen Brüter ist das anders), aber die Spaltprodukte (das ist der Hauptanteil des sogenannten Atommülls) zerfallen weiter und produzieren dabei beträchtliche Mengen sogenannter Nachzerfallswärme, die ebenfalls abtransportiert werden müssen.

Geschieht das nicht, staut sich die Wärme, und die Brennelemente sowie der ganze Reaktor erhitzen «ich ungebührlich weiter und beginnen - wenn man jüch^ dagegen unternimmt — zu schmelzen. In der sicherheitstechnischen Auslegung heißt das „Größter anzunehmender Unfall“ (GAU), der aber von manchen Experten noch für beherrschbar gehalten wird.

Alles, wa,s darüber hinausgeht, gibt es demnach definitionsgemäß gar nicht, weil bekanntlich nicht sein kann, was nicht sein darf

Dieser für unmöglicn gehaltene Unfall, der Super-GAU, das Durchschmelzen des Reaktorkerns durch seine Verankerung und schließlich durchs Gebäude in den Untergrund, ist aber in Tschernobyl passiert.

Dort kam allerdings als erschwerend noch dazu, daß der Graphitmantel (Kohlenstoff) zu brennen begann, was die Wärmeentwicklung noch steigerte und die Mani-pulierbarkeit des defekten Reaktors erschwerte.

Auch wenn der Graphitbrand gelöscht werden konnte, so sind die Probleme noch lange nicht gelöst: die geschmolzene Masse aus Uran, Spaltprodukten, Plutonium, Strukturmaterial und Reaktoranlageteilen entwickelt über Jahrzehnte hinweg Wärme und ist außerdem über Jahrtausende hinweg hoch radioaktiv.

Wie die „geschmolzene Suppe“ geborgen werden soll, an die man ja kaum näher als ein paar hundert Meter herankommt, ist völlig rätselhaft, wo doch schon der Umgang mit „normal“ entsorgtem und verpacktem Atommüll äußerst schwierig ist.

Übrigens: In der Sowjetunion gab es schon einmal einen verheerenden Atomunfall. Ende der fünfziger Jahre trat hochaktiver Abfall aus einer militärischen Wiederaufbereitungsanlage aus und verseuchte ein Gebiet von mehr als 1.000 Quadratkilometer.

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