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Wie hältst du es mit der Emanzipation?

Immer wieder stelle ich mir die Frage, warum die Gleichberechtigung der Frau so entsetzlich mühsam vorangeht. Liegt es wirklich nur daran, daß die Männer - in begreiflicher Sorge um die bisher fast ausschließlich von ihnen gestaltete Ordnung - mit Skepsis und Ablehnung reagieren? Schließlich besteht die österreichische Bevölkerung zu mehr als 50 Prozent aus Frauen. Sollte es tatsächlich nicht möglich sein, daß sie ihre - wie ich meine - berechtigten Ansichten durchsetzen?

Seit dem mehr spektakulären als erfolgreichen „Jahr der Frau“ ist dieses Thema reichlich strapaziert worden und natürlich auch die Leser zahlreicher Artikel, in denen das Schlagwort von der Emanzipation der Frau in steigendem Maße Unwillen erregt. Trotzdem möchte ich versuchen, die markantesten Merkmale der bestehenden Situation noch einmal ganz kurz aufzuzeigen:

Will heute noch jemand bezweifeln, daß die österreichische Wirtschaft, wie in allen industrialisierten Ländern, ohne die Mitarbeit der Frau nicht funktionieren könnte? Jede dritte Frau in Österreich steht heute im Berufsleben, das sind fast 40 Prozent aller berufstätigen Österreicher. Und viele dieser Frauen gehen ganz und gar nicht nur aus finanziellen Gründen arbeiten, sondern aus Freude am Beruf, an den Kontakten mit arideren Men schen. Sie merken, daß sie ihr Blickfeld erweitern und ihre Persönlichkeit besser entwickeln können und daß sich all das auch sehr positiv im Fami- liehbereich niederschlägt.

Warum also wird die Berufstätigkeit der Frau immer noch so stark abgelehnt, oder bestenfalls beim Vorliegen finanzieller Gründe zwangsläufig hingenommen? Immerhin resultieren aus dieser Haltung die geringen beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten der Frau, selbst wenn sie dieselben Fähigkeiten mitbringt wie ihre männlichen Kollegen, sogar in Berufen, die schon immer als weiblich anerkannt waren. Es gibt etwa unter 265 Direktoren an den Allgemeinbildenden Höheren Schulen in Wien nur 40 Frauen, und unter 117 Wiener Primarärzten gar nur sechs. Dabei sind bei Ärzten und Lehrern jeweils 40 Prozent Frauen.

Und wie sieht es mit dem Familienbereich aus? Er wird keineswegs wie ein vollwertiger Beruf angesehen, obwohl die Zeit, die Frauen dafür auf-, wenden, in den seltensten Fällen weniger ausmacht, als die üblichen 40 Wochenstunden. Wen wundert es, daß berufstätige Frauen, die nebenbei noch den Haushalt und die Betreuung der Kinder weitgehend allein bewältigen müssen, unter dieser Doppelbelastung leiden, mit Streß, psychosomatischen Störungen, Depressionen und zunehmendem Alkohol- und Medika- mentenkonsum reagieren?- Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als verstünde ich nicht, daß auch der Mann in dieser völlig geänderten Situation verunsichert ist (auch wenn es die wenigsten von ihnen zugeben). Die klare Einteilung in eine weibliche und eine männliche Sphäre hat ihm nicht nur Sicherheit gegeben,

sondern auch eine Reihe von Vorteilen gebracht. Von diesen müßte er, würde er dieser Änderung konsequent Rechnung tragen, einige aufgeben. Mit Umdenken allein ist es nicht getan, aus der Umstellung ergeben sich zusätzliche Verantwortung und Belastungen.

Heute besteht die Beteiligung des Mannes an der Hausarbeit meistens bestenfalls aus Mit-Hilfe und keines wegs darin, daß er bestimmte Haushaltsbereiche selbständig übernimmt, selbst wenn die Frau voll berufstätig ist. Noch seltener ist die Beteiligung des Mannes an der Kindererziehung. Kaum fünf Prozent erziehen ihre Kinder mit der berufstätigen Mutter gemeinsam oder lernen mit ihnen, auch nicht an den Wochenenden. Schwer vorzustellen, daß heute noch irgend jemand die Meinung vertritt, daß dieser Zustand in Ordnung ist, wo Psychologen immer mehr die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung eines Kindes hervorheben.

Die Frauen sind in einer äußerst mißlichen Lage und die meisten von ihnen wissen gar nicht so genau, was sie mit dieser Gleichberechtigung anfangen sollen. Diese Unsicherheit geben sie allerdings ebenso ungern zu wie die Männer. Die sind immerhin in der besseren Position. Mit beginnenden Ausnahmen in der jungen Generation wehren sie sich vehement, oft sogar aggressiv, gegen jede Veränderung und halten verbissen an den bisherigen Gegebenheiten fest. Die Frau aber, die sich in ihrer Konfliktsituation mit Recht von ihnen in Stich gelassen fühlt, kann entweder hart bleiben - und einsam, oder nachgeben, die Doppelbelastung akzeptieren, ständige Überforderung und Unbehagen in Kauf nehmen. Eine Situation, in der sich eine Beziehung sicher nicht positiv entwickeln kann, die also auch keine Alternative zur Einsamkeit sein kann.

Nun zeigt es sich, daß berufstätige, verheiratete Frauen, deren Lage, wie wir gesehen haben, unendlich schwierig ist und ihnen auch durch ihre Umwelt kaum erleichtert wird, oft sehr widersprüchlich, manchmal sogar eigenartig reagieren. Sie zeigen Einstellungen und Verhaltensweisen, die denen der Männer gar nicht unähnlich sind.

Ebenso wie die Mehrzahl der Männer, - 65 Prozent - vertreten fast ebenso viele österreichische Frauen die Ansicht, daß sich Frauen mehr nach dem Gefühl, Männer aber nach dem Verstand orientieren. Dazu kommt noch, daß sich Frauen selbst zumeist als ängstlich, gehemmt, stimmungsmäßig anfällig und zur Unterordnung neigend bezeichnen.

Untersuchungen haben ergeben, daß die österreichische Frau in der Ehe beim Mann vor allem Geborgenheit und Schutz sucht und gerne möchte, daß er der Überlegene ist. Dieser Meinung sind 61 Prozent der Männer, aber auch 57 Prozent der Frauen. Daß die Frau nicht mehr verdienen soll, als der Mann und auch nicht gebildeter sein soll als er, meinen sogar mehr Frauen als Männer, 61 und 70 Prozent gegenüber 60 und 65 Prozent bei den Männern.

Der vom Sozialministerium vorgelegte Bericht zur Lage der Frau in Österreich verrät aber noch mehr: Bei einer Befragung waren die Funktionä- rinnen in Frauen-, Jugend- und Familienorganisationen zwar sehr aufgeschlossen in Bezug auf die Ausbildung und die Berufstätigkeit der Frauen, für den Familienbereich aber hielten sie an der bisher üblichen Aufgabenteilung fest. Ein Widerspruch, der bei diesen Frauen besonders eigenartig berühren muß.

In der Ausbildung machen Frauen in sehr geringem Ausmaß von ihren Möglichkeiten Gebrauch. 73 Prozent aller Frauen haben nur die Pflichtschule besucht, von ihnen stehen 63 Prozent im Berufsleben. Mädchen besuchen in erster Linie Pädagogische Akademien und Hauswirtschaftsschulen, und von den wenigen, die eine Lehre abschließen (15 Prozent), tun dies die meisten in kaufmärmischen Berufen und als Friseurinnen, wie das auch in früheren Zeiten üblich war. Auf den Universitäten sind die Studentinnen vor allem im Lehramt-, im Dolmetsch- und Übersetzer- sowie im

Pharmaziestudium zu finden; alle übrigen Studienmöglichkeiten werden von ihnen weitgehend vernachlässigt. Dabei ist ihre Ausfallsquote auffallend hoch: nur 26 Prozent (gegenüber 74 Prozent bei den Studenten) schließen ihr Hochschulstudium ab.

Sehr bedenklich ist die geringe Ambition der Frauen in der Weiterbildung. Sie besuchen vor allem Familien- und Haushaltskurse; für gesellschaftspolitische Fortbildung etwa zeigen sie kaum Interesse (nur ein bis vier Prozent).

Überraschend ist, daß die österreichische Frau die negative Einstellung des Mannes zu ihrer Berufstätigkeitim gleichen Maße teilt. Ebenso akzeptiert sie die Aufgabenteilung innerhalb der Familie im Männerbereich (Familienerhalter) und Frauenbereich (Haushalt, Kindererziehung), auch wenn sie voll berufstätig ist.

Geradezu peinlich wird die Haltung vieler Frauen, wenn es um gelbliche Vorgesetzte und um die Beurteilung ihrer Fähigkeiten für leitende Positionen geht. Hier ist die negative Einstellung der Frauen oft noch stärker als die der Männer, besonders dann, wenn sie selbst eine höhere Position erreicht haben.

Wie sieht es mit den Freizeitgewohnheiten der angeblich um Gleichberechtigung bemühten Frau aus? Beim Fernsehen bevorzugt sie Unterhaltungssendungen, als Lektüre Frauenzeitschriften, die ihr ein Bild über sich vermitteln, das mit der Realität nur wenig übereinstimmt. Sogar in diesen Zeitschriften haben die Bereiche Mode, Unterhaltung und Haushalt Vorrang. Politik gilt bei der österreichischen Frau nach wie vor als männliche Angelegenheit Ihr Interesse dafür ist minimal: nur sieben Prozent beschäftigen sich häufig mit Politik. Unter den zahlreichen weiblichen Parteimitgliedern arbeiten nur zwei Prozent aktiv mit

Das bedeutet, daß die Österreicherin den Stellenwert gesellschaftlicher Probleme noch immer nicht erkannt hat und die Verantwortung dafür kritiklos den Männern überläßt.

Diese Beispiele sollen keineswegs Angriffe sein oder gar als Zeichen der Unfähigkeit der Frau zur Gleichberechtigung gewertet werden. Sie sollen nur zeigen, wie sehr die Frau den Vorstellungen der Männer über sich selbst verhaftet ist.

Da es nun zweifellos die Frau ist, die ihre Anliegen durchsetzen will, liegt es wohl oder übel an ihr, den Anfang zu machen und den Mann von der Notwendigkeit und den Vorteilen ihrer Gleichberechtigung zu überzeugen. Gesetze allein, die die Partnerschaft als Grundlage haben, genügen nicht. Die Vorstellungen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ haben sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder verändert, aber nie von heute auf morgen oder ganz von selbst. Gleichberechtigung soll ja auch nicht bedeuten, daß die Frau es dem Mann in allem gleichtim solL Im Gegenteil: um wieviel weniger gewalttätig, um wieviel „liebevoller“ könnte die heutige Welt sein, würden Männer einige als weiblich bezeichnete Eigenschaften auch für sich akzeptieren.

Da es noch immer die Frau ist, die das Kleinkind und auch das Schulkind fast alleine erzieht, und da die ersten Lebensjahre, wie Psychologen betonen, ausschlaggebend für die Entwicklung und die Charakterbildung von Kindern sind, werden diese als Erwachsene gleichberechtigte Partner sein, wenn die Mutter imstande war, ihnen die entsprechende Einstellung und das entsprechende Verhalten mitzugeben.

Das ist sicher nicht einfach, besonders, wenn die Umwelt es einem so schwer macht. Aber sollte es nicht für jede Frau eine Aufgabe sein, die sich lohnt?

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