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Wie sinnvoll ist „Recycling"?

1945 1960 1980 2000 2020

Ende des vorigen Jahres fand in Perchtoldsdorf bei Wien eine Podiumsdiskussion mit dem Thema „Umweltschutz durch Recycling" statt Die „Studiengesellschaft für Energie und Material" stellte dabei eine Untersuchung über die Möglichkeit getrennter Sammlung verschiedener Abfälle vor. Die bei dieser Veranstaltung gemachten Ausführungen bieten eine Gelegenheit über den Stellenwert und die Sinnhaf-tigkeit des häufig verwendeten Begriffs „Recycling" Gedanken anzustellen.

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Ende des vorigen Jahres fand in Perchtoldsdorf bei Wien eine Podiumsdiskussion mit dem Thema „Umweltschutz durch Recycling" statt Die „Studiengesellschaft für Energie und Material" stellte dabei eine Untersuchung über die Möglichkeit getrennter Sammlung verschiedener Abfälle vor. Die bei dieser Veranstaltung gemachten Ausführungen bieten eine Gelegenheit über den Stellenwert und die Sinnhaf-tigkeit des häufig verwendeten Begriffs „Recycling" Gedanken anzustellen.

„Recycling" - wieder einer der vielen englischen Begriffe, für die man ebensogut eine deutsche Bezeichnung wählen könnte. Sie hätte obendrein den Vorteil, von jedermann verstanden zu werden, was bei dem Wort „Recycling" mehr als zweifelhaft ist.

Nun, es geht um die Wiederverwertung von Stoffen, die im Zuge des wirtschaftlichen Geschehens für den Verbrauch des Menschen bereitgestellt werden und im Anschluß an den Ge- oder Verbrauch des Produktes als Abfall anfallen. Dieser Müll, mit dem der einzelne Haushalt durchaus nichts mehr anfangen kann und von dem er möglichst klaglos befreit werden will, enthält Stoffe, die neuerlich verwertet werden könnten. Sie dienen damit als Rohstoff und werden in einen Kreislauf der Wiederverwertung, einem „Recycling", zugeführt.

Besonders geeignet für eine solche Rückgewinnung aus dem Haushaltsmüll sind Papier, Glas und Textilien. Sie werden schon derzeit in bescheidenem Umfang gesammelt und auch in Österreich als Rohstoffe in den entsprechenden Industriezweigen verwertet.

Eine wichtige Frage im Zusammenhang mit dieser Wiederverwertung ist die nach der Organisation der Trennung von wieder zu verwertenden Abfällen vom übrigen Müll. Zwei Verfahren bieten sich hier grundsätzlich an:

• Die Trennung des Mülls nach dem Einsammeln an einer zentralen Stelle der Müllverwertung: Diese eher industrielle Methode ist zwar technisch ausgereift, aber sehr aufwendig und somit ihr wirtschaftlicher Einsatz -

wenn überhaupt - nur in großen Ballungsräumen gegeben. Ein solches Verfahren ist derzeit für Wien projektiert.

• Die Trennung des Mülls vor der Sammlung: Hier erfolgt die Teilung des Mülls am Ort seines Entstehens, an den Sammelstellen der Häuser und Wohnanlagen. Verschiedene Behälter für Papier, Glas oder Textilien nehmen jeweils nur die betreffenden Stoffe auf. Diese Vorgangsweise ist technisch unproblematisch und kostengünstig, erfordert aber die Mitarbeit der Bevölkerung. Nur diese Methode wird erfolgversprechend auch in kleineren Städten eingesetzt werden.

Zu fragen wäre zunächst nach der Sinnhaftigkeit solchen Tuns, das, wie gezeigt wurde, auf jeden Fall Kosten, in manchen Fällen auch gewisse Mühen von Seiten der Bevölkerung verlangt. In einem der Beiträge machte Dr. Katzmann vom österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen die Vorteile des Recycling an Zahlen für die EWG deutlich: Würde man das Volumen des gesammelten und wiederverwerteten Altglases in den EWG-Ländern verdoppeln, so wäre eine der Folgen die Verringerung der Müllbeseitigungskosten um rund 220 Millionen D-Mark.

Weiters würde eine solche Maßnahme Einsparungen von mehr als 2 Millionen Tonnen beim Rohmaterial für die Glaserzeugung bringen. Und nicht zuletzt würde diese Wie-

derverwertung von Glas auch zu einer Energieeinsparung, die auf rund 225 Millionen Liter Erdöl geschätzt wird, führen.

Schon aus dieser Aufzählung wird deutlich, daß beim Recycling gleichzeitig mehrere positive Wirkungen erreicht werden: Zunächst werden offensichtlich Rohstoffe gespart. Das Ausmaß der Einsparung ist je nach Produkt und Verfahren unterschiedlich. Beim Buntglas jedenfalls kann bei der Erzeugung bis zu 85% Altglas verwendet und damit in derselben Größenordnung Rohstoffe gespart werden. .

Eine solche Einsparung ist besonders dort von großer Bedeutung, wo die heimische Industrie von Rohstofflieferungen aus dem Ausland abhängig ist. Dies ist z. B. bei der Papierindustrie der Fall. Sie muß unter anderem sehr bedeutende Mengen Altpapier wegen des zu geringen Aufkommens in Österreich vor allem aus dem Ostblock importieren. Diese Abhängigkeit wird gerade bei der Papierindustrie, die auf den durchgehenden Einsatz ihrer riesigen und daher extrem teuren Maschinen angewiesen ist, zu Preisspekulationen (vor allem auf dem Altpapiersektor) mißbraucht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Energieeinsparung, die durch die Wiederverwertung von Altstoffen gegeben ist. Besonders augenscheinlich ist dieser Spareffekt bei jenen Materiahen, die einen energieaufwendigen Umwandlungsprozeß im Zuge ihrer Verwertung durchlaufen. Typisches Beispiel dafür ist das Aluminium. Die Umwandlung von Bauxit in Aluminium kostet ungeheure Mengen elektrischer Energie. So verbraucht etwa das österreichische Aluminiumwerk Ranshofen ungefähr zweimal so viel elektrische Energie, wie das Kernkraftwerk Zwentendorf erzeugt hätte. Durch „Recycling" von Aluminium könnte man im Idealfall den Energieverbrauch auf nur 3% des bei der Herstellung aus Bauxit notwendigen Energieeinsatzes reduzieren.

Schließlich sei noch ein Vorteil der Wiederverwertung erwähnt, der besonders auch bei der Papierindustrie eine große Rolle spielt. Wie jedermann weiß, der die Wasserqualität eines Flusses oberhalb einer Papierfabrik mit der desselben Gewässers unterhalb verglichen hat, führt Papiererzeugung zu einer erheblichen Umwelt-, insbesondere Wasserverschmutzung. Durch erhöhten Einsatz von Altpapier kann bei der Papierproduktion die Umweltbelastung verringert werden. Dieselben Uber-legungen lassen sich auch auf andere Produktionsbereiche anwenden.

Interessant waren die Aussagen über die Größenordnung des Müllanfalles in Österreich und die Möglichkeiten der Wiederverwertung bei einigen Produkten. Es ist kaum zu glauben, daß jeder Österreicher im Jahr durchschnittlich 250 Kilo Müll aus seinem Haushalt schafft! Man muß sich vorstellen, daß eine vierköpfige Familie also jährlich rund eine Tonne Müll in die Mistkübel befördert! Für ganz Österreich bedeutet dies, daß jährlich rund 2 Millionen Tonnen Abfälle zu versorgen sind. Wenn man bedenkt, daß etwa zwei Drittel dieses Abfallberges grundsätzlich wiederverwertbar wären, so erkennt man die Größenordnung der Aufgabe, die es zu bewältigen gälte. Derzeit wird ein Großteil des Mülls deponiert und ein kleinerer Teil ver-

brannt. Allerdings gilt es, möglichst rasch neue Wege der Müllverwertung zu beschreiten, denn die Möglichkeiten, Abfälle zu deponieren, sind in absehbarer Zeit erschöpft. Es sei. denn wir wollen unsere Umwelt mit Abfallbergen schmücken.

Wie sieht es nun mit dem Anteil verwertbarer Stoffe an den Abfällen aus? Rund 30% besteht aus Papier. Das sind etwa 600.000 Tonnen Altpapier jährlich, was gleichbedeutend damit ist, daß jeder Österreicher rund 80 Kilo Papier jährlich wegwirft. Wer kann letztlich heute noch Papier in der eigenen Wohnung verheizen? An Glas fällt pro Kopf der Bevölkerung ungefähr 27 Kilo und an Textilien rund 20 Kilo jährlich an. Vergleicht man damit die Werte für die derzeit durchgeführten Altstoffsammlungen, so erkennt man, daß nur ein Bruchteil der Möglichkeiten tatsächlich genutzt wird: nur 5% der wegge-

worfenen Textilien, 8% des Papiers und 18% des Altglases werden derzeit in Österreich gesammelt.

Unwillkürlich stellt man sich die Frage, ob diese Unmengen von Altstoffen auch tatsächlich in der Produktion verwertet werden könnten. Diesbezügliche Bedenken zerstreute der anwesende Vertreter der Papierindustrie, Dkfm. Gröller? Er bezifferte den Altpapierbedarf der österreichischen Industrie auf etwa 500.000 Tonnen, was ungefähr dem derzeitigen österreichischen Aufkommen entspricht. Er bekundete

auch die Bereitschaft der Industrie, durch langfristige Vereinbarungen eine laufende Abnahme zu interessanten Preisen sicherzustellen.

Interessant waren die Beiträge von Dr. Orlich vom Umweltbundesamt Berlin. Er berichtete unter anderem, daß schon seit mehreren Jahren im deutschen Innenministerium nur mehr auf Umweltschutzpapier geschrieben wird. (Es wird nur aus Altpapier erzeugt und hat eine leicht graue Färbung.) Diesem Beispiel sind mittlerweile viele Ämter und Dienststellen in der Bundesrepublik gefolgt. Warum sollte ein solcher Schritt nicht auch in Österreich möglich sein? Neben der Signalwirkung gingen von einer solchen Verfügung unmittelbar auch Impulse auf die Wirtschaft aus. „Recycling" würde auch wirtschaftlich attraktiver.

Daß Recycling nur ein erster Schritt in die richtige Richtung ist, machte die Anfrage einer Hausfrau deutlich. Sie wollte wissen, warum man zwar von der Wiederverwertung von Altglas spreche, nicht aber von der Wiederverwendung von Pfandflaschen. Es sei doch nahehegender ein langlebiges Produkt, wie es eine Flasche zweifellos ist, wiederzuver-wenden als ihr Glas einzuschmelzen, um daraus womöglich wieder eine Flasche zu produzieren.

Auch diesbezüglich werden Uber-legungen in Deutschland angestellt. Dr. Orlich berichtet von einem Pro-

jekt, das derzeit im Rheinland anläuft und bei dem versucht wird, die heute bei der Milch verwendeten Wegwerfpackungen durch Pfandflaschen zu ersetzen. Geplagte Hausfrauen müssen jetzt nicht bei dem Gedanken an das Tragen der schweren Milchflaschen aufstöhnen. Die neue Flasche

wiegt nur ein Viertel dessen, was Milchflaschen früher gewogen haben.

An diesem Beispiel wird auch deutlich, was der deutsche Diskussionsredner mit einer provokanten Formulierung klar machen wollte, als er feststellte, daß öffentliche Institutionen die Einrichtung von Altstoff-sammelsystemen nicht als Alibihandlungen betreiben sollen. So wertvoll und sinnvoll die eben beschriebenen Maßnahmen sind und so dringend ihre möglichst rasche Einführung geboten erscheint, so wenig sollte ihre Verwirklichung die Entscheidungsträger zu der Ansicht verleiten, jetzt hätten sie in Sachen Umweltschutz das Wesentlichste geleistet.

Eine umfassende Lösung unserer Energieversorgungs- und Umweltprobleme wird nur durch ein ebenfalls umfassendes Umdenken bezüglich der Ausrichtung und Sinnhaftigkeit unserer Tätigkeiten erreicht werden. Diese Forderung wurde auch im Rahmen dieser Diskussion wieder einmal erhoben. Allerdings war man sich einig darin, daß auf dem Weg dorthin noch viele kleinere und größere Schritte notwendig sind.

Die Wiederverwertung von Altstoffen im Haushaltsmüll durch gezielte Sammlung ist ein solcher sinnvoller Schritt. Es wäre zu hoffen, daß möglichst viele Städte und Gemeinden dem Vorbild von Perchtoldsdorf und anderen Städten folgen. Oft genügt dazu die Initiative und Einsatzbereitschaft weniger, um so ein Projekt in Gang zu bringen. Jeder kann solche Initiativen fördern oder sogar starten. Neue Impulse gehen immer vom einzelnen aus.

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