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Wie zeitgemäß ist das Konzept der E-Wirtschaft ?

FURCHE: Ist die jetzige Konzeption der E-Wirtschaft noch zeitgemäß?

WALTER FREMUTH: Bei all den Erschwernissen, die es gibt, glaube ich doch, daß das gegenwärtige System optimal ist. Bei der jetzigen Struktur überblicke ich das Geschehen noch vollständig, im Konzern in Umrissen. Wäre ich verantwortlich für die gesamte Elektrizitätswirtschaft Österreichs, so wäre das ausgeschlossen. Ich würde dann nur mehr von einer Bürokratie ab- hängen, die mich informiert, und da entsteht erst die Gefahr für Fehlentwicklungen.

FURCHE: Halten Sie es für möglich und wünschenswert, daß im Zug der Privatisierungstendenz auch private Energieversorger wieder eine bedeutendere Rolle spielen.

FREMUTH: Es steht völlig außer Zweifel, daß Kleinkraftwerke in privater Hand nutzbringend sein können. Für die großen Energieversorgungsunternehmen sind Kleinkraftwerke unwirtschaftlich, während sehr oft Bauern oder Mühlenbesitzer mit solchen Kraftwerken kostengünstiger arbeiten können. Daher bejahe ich dort das private Eigentum.

FURCHE: Gibt es überhaupt Chancen für solche Projekte?

FREMUTH: Natürüch soll nicht jeder Bach in Österreich verbetoniert werden. Aber abgesehen davon, könnten noch rund drei bis vier Prozent durch Auf Schließung von Kleinkraftwerken in die Produktion eingebracht werden.

FURCHE: Potentielle Interessenten liegen oft im Clinch mit den Genehmigungsbehörden. Auf der einen Seite fördert das Handelsministerium solche Ambitionen, und die Genehmigungsbehörden verhindern sie.

FREMUTH: Mit diesem Problem haben wir auch zu kämpfen, weil man die Landschaft nicht beeinträchtigen möchte. Trotzdem glaube ich, daß es machbare Objekte gibt.

FURCHE: Sollte über eine Entstaatlichung der Landesgesellschaften diskutiert werden?

FREMUTH: Obwohl mich die Landesgesellschaften nichts an- gehen, bin ich hier besonders skeptisch. Es wäre damit ein Kostenschub verbunden, weil Dividenden erwirtschaftet werden müßten. Und was den Verbundkonzern betrifft, so halte ich das für ausgeschlossen, denn durch das Verstaatlichungsgesetz verbindet der Konzern höchst unterschiedliche Sondergesellschaften. Und da gibt es von der ertragreichen Donaukraftwerke AG bis zur schwer defizitären Drau- kraftwerke AG alle Spielarten, wo wir ausgleichend wirken. Die einen erzeugen an der Donau und damit billig, während die anderen relativ teure Stufen bauen und einen thermischen Kraftwerkspark haben. Man braucht aber sowohl den thermischen Kraftwerkspark als auch den an der Donau.

FURCHE: Wie interpretiert die E-Wirtschaft den Auftrag, Österreich mit der ausreichenden Menge Strom zu versorgen?

FREMUTH: Die Berechnung erstreckt sich auf zehn Jahre (siehe Kasten). Ich habe immer gesagt, sobald wir die vier thermischen Kraftwerke* haben, die jetzt seit 1986 im Netz sind, dann gibt es keine Probleme mehr. Diese vier thermischen Kraftwerke allein bringen 1.150 Megawatt Leistung oder acht Prozent der in Österreich installierten Leistung. Bei der jährlichen Stromverbrauchszuwachsrate von 3,4 Prozent, die wir in der Vergangenheit hatten, ergibt das Luft für drei Jahre. Nur, das Problem entsteht in der Folge woanders, nämlich auf der Preisseite. Thermische Kraftwerke sind ja nur als Ergänzungskraftwerkspark im österreichischen Stromsystem. 70 Prozent werden durch Wasserkraft ge liefert, und nur bei wenig Wasserführung wird thermisch gefahren. In Zukunft sind wir gezwungen — wenn wir keine neuen Wasserkraftwerke bekommen —, immer stärker öl und Gas zu verfeuern und mit Dampf zu fahren. Die Kilowattstunde Donaustrom kostet durchschnittlich 25 Groschen, das Kraftwerk Dürnrohr rund 1,30 Schilling, und Hainburg würde in der derzeitigen Situation 43 Groschen kosten. Je jünger ein Kraftwerk, desto teurer die erzeugte Kilowattstunde.

FURCHE: Wie hoch ist die Lebensdauer eines Wasserkraftwerkes?

FREMUTH: Rund 100 Jahre. Abgeschrieben ist es nach 60 Jahren.

FURCHE: Gibt es außer dem Bonauraum noch nennenswerte Laufkraftwerke ?

FREMUTH: Nennenswert, aber nicht überwältigend. Es bleibt noch der Ausbau der mittleren Salzach und der oberen Drau, der jetzt aus ökologischen Gründen gefährdet scheint.

FURCHE: Wenn nun wirklich kein Lauf- oder Speicherkraftwerk mehr ausgebaut werden kann und man zwangsläufig thermisch fahren beziehungsweise importieren muß, wann würde sich das auf die Preise nieder- schlagen?

FREMUTH: Das ist schon passiert. Wir haben in den letzten sechs Jahren überdurchschnittliche Preisschübe gehabt. Einerseits mußte Zwentendorf verdaut werden, andererseits gab es verstärkt den Einsatz von thermischen Kraftwerken und Importe. Derzeit könnte in Europa günstig Strom eingekauft werden. Wir müssen aber darum kämpfen.

Hochspannungsleitungen dafür zu vollenden, weil sich beinahe gegen jeden Mast eine Bürgerinitiative formiert.

FURCHE: Wo läge ein großes Potential für Energiesparmaßnahmen?

FREMUTH: In der Wärmedämmung beispielsweise. Nur wurde hier ein Jahrzehnt glatt vertan. Ich habe 1975 Bruno Kreisky in einem Memorandum empfohlen, Wärmedämmungsmaßnahmen durch steuerliche Entlastung und eine Verschärfung der Bauordnung zu stimulieren. Die steuerliche Entlastung gibt es inzwischen, aber die Änderung der Bauordnung läßt noch größtenteils auf sich warten. Das hat verschiedene Ursachen, sicherlich auch die, daß man den .Häuslbauern1 die höheren Kosten nicht zumuten wollte Riedersbach II, Mellach und Dürnrohr Block I und II (Anm. d. Red.)

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