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Digital In Arbeit

Wieder auf Beinen

Acht Jahre lang hatte er mir , treu gedient, hatte an U- Bahnstationen auf mich gewartet, mich, wenn ich abends unterwegs gewesen war, spät noch sicher nach Hause gebracht. Wir hatten weite Reisen miteinander unternommen, aber acht Jahre sind eine lange Zeit für einen so kleinen Wagen. Zehn- tausend, sagte der Mechaniker und rieb sich die Hände am ölver- schmierten Lappen ab, vielleicht

etwas mehr. Wir mußten uns tren- nen. Beim Abschied streichelte ich ihm noch einmal die rot lackierte Schnauze. Leb wohl, alter Freund.

Ich rieb die Felgen meines selten benützten Fahrrads mit einem Chromputzmittel blank und erstand einen Einkaufskorb aus glänzen- dem Draht. Bekleidet mit einer alten Windjacke, die Hosenbeine aufge- krempelt, den Einkaufskorb voller Briefe, machte ich mich mutig auf den Weg zur Post, zum Supermarkt und zur Bankfiliale. Ich lebe am nördlichen Stadtrand von Wien, die Gegend ist flach, nicht weit von meinem Haus beginnen die Zuk- kerrübenfelder des Marchfelds. Ich schwang mich also auf den Sattel und trat in die Pedale. Im Nachbar- haus bewegten sich die Vorhänge, der Mann von gegenüber, der eben seinen Audi polierte, hielt in der Arbeit inne und blickte mir nach. Der Blick, mit dem mich die Ange- stellten der Bankfiliale musterten, ließ keinen Zweifel aufkommen, daß ich an Kreditwürdigkeit eingebüßt hatte, aber ich wollte gar keinen Kredit. Als eine Nachbarin anzüg- lich bemerkte, daß Sport sehr ge- sund sei, erwiderte ich trocken, es handle sich bei meinem Fahrrad nicht um ein Sportgerät, sondern um ein Fortbewegungsmittel. Sprach es, stieg auf und fuhr ihr davon. Der Fahrtwind kühlte an-

genehm meine Wangen, die unge- wohnte Bewegung tat meinen Muskeln gut, ich sah schöne Wol- ken über den Himmel ziehen, ich fühlte mich jung, leicht und froh.

Allerdings: Ich hatte mich wieder daran zu gewöhnen, daß die Jah- reszeiten nicht nur auf dem Bild- schirm meines TV-Gerätes vorka- men. Ich konnte auch nicht im al- lerletzten Augenblick in meinen Wagen springen, um eben noch zu einer Verabredung zurechtzukom- men. Es kamen Tage, an denen ich beinahe bereit war, reumütig auf- zugeben. Dann entdeckte ich die eingenähte Kapuze im Kragen der Windjacke und die wasserdichte Einkaufstasche im Kellerwinkel. Bei starkem Regen zog ich feste Schuhe an, nahm einen Schirm und ging zu Fuß. Ich i'erne wieder, mich auf zwei Beinen fortzubewegen, zum Bus oder zur Straßenbahn, empfand es als wohltuend, bequem auf Polstersitzen meine Zeitung lesen zu dürfen oder einfach aus dem Fenster zu schauen und das Verkehrschaos auf den Straßen zu betrachten.

Da zogen sie dahin, diese Einsa- men, jeder oder jede von ihnen al- lein in ihrem Gefängnis aus Blech und Glas, die Augen angestrengt auf Ampeln und auf die Straße gerichtet, die Hände ums Lenkrad gekrallt, die Füße verkrümmt auf den Pedalen, Bremse, Kupplung und Gas, während ich mich zurück- gelehnt entspannte, ein Mensch unter vielen, während ich mancher- lei Geschichten anhörte, die mich interessierten, aufregende Ehe- und Liebesgeschichten, Urlaubserleb- nisse, vielerlei mehr.

Ich habe in diesen seither vergan- genen Monaten nicht mehr das

Gefühl gehabt, einsam zu sein, ich habe mich mit den Betroffenen über mißlungene Ferienreisen geärgert, habe an den Sorgen von Schulkin- dern teilgenommen, flüchtig Be- kanntschaft mit Dackeln, Pudeln und anderen Tieren geschlossen, ein Zwergspitz biß mich ein wenig in meine linke Wade, ein Labrador- mischling legte mir seine Pfoten auf beide Schultern und küßte mich auf die Wange, seine Zuneigung rührte mich sehr und die Flecke aus meiner Jacke waren leicht zu ent- fernen. Sein Frauchen beruhigte sich bald wieder, wir tauschten unsere Telefonnummern aus, ab und zu rufen wir einander an.

Ich bewege mich wieder unter Menschen, seit ich kein Auto mehr habe, ich nehme die Schwankun- gen des Wetters wahr, ich friere wieder, eine Erfahrung, die ich beinahe schon vergessen hatte, ich fühle Sonne auf der Haut und ich sehe vor allem den Himmel wieder, den mir mein Autodach jahrzehn- telang verdeckt hat. Manchmal, wenn ich vom Gehen müde bin, ruhe ich auf einer Parkbank aus und erfreue mich an den Farben der Blumen oder ich gehe durch ra- schelndes Herbstlaub oder über matschigen Schnee. Lange habe ich keinen Pullover mehr gebraucht, jetzt habe ich mir Wolle und Na- deln gekauft und stricke mir einen.

Ich bin, was das Reisen betrifft, zum Luxusgeschöpf geworden. Angenehm in weiche Polster ge- lehnt, lesend oder ruhend, bin ich in Zügen unterwegs, die mich an die entlegensten Orte bringen. Mögen andere sich über Autobah- nen quälen, ich habe das hinter mir.

In meiner Wohngegend hat man sich an meine seltsame Lebenswei-

se gewöhnt. Wenn ich mit dem Einkaufskorb das Postamt betrete, lächeln mir die Beamten freundlich entgegen. Die Kassierin im Super- markt verabschiedet mich nicht mehr mit einem stereotypen Guten Tag, sie sagt, je nach Tageszeit, Guten Morgen oder Guten Abend, und wenn ich das Geschäft gegen Schluß der Öffnungszeit verlasse, wünscht sie mir eine Gute Nacht.

Nur meine Friseuse, Fräulein Gerlinde, fragt jedesmal, wenn ich sie aufsuche, wann ich mir einen neuen Wagen zu kaufen gedenke. Längere Zeit sagte ich, um sie nicht zu kränken, ich wüßte es nicht. Gestern brachte ich es nicht mehr fertig, sie zu belügen und sagte die Wahrheit: Nie mehr, sagte ich. Sie blickte entsetzt. Sie fährt einen zartgelben Mercedes. Um sie zu beruhigen, schilderte ich ihr meine positiven Erfahrungen als Mensch, der sich seines Käfigs entledigt hat. Ich schilderte ihr meine neue Frei- heit, mein Leben ohne Parkplatz- sorgen, Servicetermine, Reparatur- werkstätten, ohne Strafmandate und Steuermarkenkleberei, jahres- zeitlich bedingten Reifenwechsel, Parkschäden und Pannen. Ich be- schrieb mit bewegenden Worten den wohltuenden Luxus einer gelegent- lichen Taxifahrt. In der Herrenab- teilung seufzte jemand vernehm- lich. Ein Mann mittleren Alters drehte sich zu mir um. Sein Beruf erlaube es ihm leider nicht, so zu leben, wie ich es eben beschrieben hätte, aber er träume davon. Er zähle bereits die Jahre bis zu seiner Pensionierung.

Fräulein Gerlinde blickte hinaus auf die Straße, wo ihr zartgelber Mercedes stand. Ich glaube, sie hatte dabei auch so ihre Gedanken.

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