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WIEDERGEBURT: REINKARNATION ODER ERLOSUNG?

„Nach dem Tod gibt es nichts mehr, nur was du siehst, ist der Mensch." So lautete bereits eine Grabinschrift im antiken Pompeji. Hoffnungslose Ansichten dieser Art waren offenkundig auch vor 2000 Jahren nicht unüblich. So wurde im Neuen Testament wiederholt gesagt, im Unterschied zu den Christen hätten die Heiden keine Hoffnung. Allerdings waren hier mit den „Hei den" durchaus nicht nur oberflächliche „Materialisten" gemeint, sondern überwiegend religiös eingestellte Menschen.

Insofern kann das Neue Testament nur gemeint haben, daß die Hoffnungen der Heiden -verglichen mit der christlichen Hoffnung auf das kommende Gottesreich und die Auferstehung der Toten - insgesamt allzu „bescheiden" ausfielen, zu sehr mit Angst, Ungewißheit und Verzweiflung gemischt seien. Die auch schon im weiteren kulturellen Umfeld des Neuen Testaments nicht gänzlich unbekannte Lehre von einer „Seelenwanderung" oder „Wiederverkörperung" mag implizit als eine dieser „heidnischen" Hoffnungen angesprochen gewesen sein.

Indes - es fällt auf, daß die Bibel als ganze den Reinkarnationsgedanken nirgends ausdrücklich nennt. Auch bei den Kirchenvätern hatte er keine Chance. Anderslautende Behauptungen gehen an den wissenschaftlich nachprüfbaren Tatsachen vorbei und sind sektiererische Irreführungen. Der Grund für die ur-christliche Distanz gegenüber jedweder Form von Seelenwanderungslehre besteht in der ganzheitlich ausgerichteten Hoffnungsperspektive, wie sie sich im Glauben an die Auferstehung der Toten und das kommende Reich Gottes ausdrückt.

Christliche Hoffnung läßt sich in dreifacher Weise als ganzheitliche charakterisieren, wobei jedesmal das Symbol der Wiedergeburt zum Tragen kommt. Zum ersten geht es ihr um die „Wiedergeburt" (Matt 19,28) der Welt als ganzer, nämlich um die vollendende Verwandlung der Schöpfung in das verheißene Gottesreich.

Zum zweiten hat sie den ganzen Menschen im Blick: Sie glaubt an die Auferweckung nicht nur der „Seele", sondern des Leibes. Diese „Wiedergeburt" der Toten muß man sich keineswegs naiv-mythologisch als Hervorkommen der wiederbelebten Leichen aus den Gräbern vorstellen, sondern als Bejahung der Einmaligkeit und Ganzheitlichkeit der erlösten Menschen im Rahmen der Neuwer-dung aller Kreatur.

Zum dritten ist christliche Hoffnung insofern ganzheitlich, als sie den Glaubenden in seiner Gegenwart verwandelt und ihn die Macht des Auferstandenen bereits geistig und sakramental erfahren läßt. Wer an Jesus Christus glaubt, ist aus Gottes Wort „wiedergeboren" (1. Petr 1,23), nämlich dank der geheilten Beziehung zum Erlöser „eine neue Kreatur" (2. Kor 5,17); die Taufe gilt als „Bad der Wiedergeburt" (Tit 3,5) und Beginn des ewigen Lebens.

Dagegen zeugt das Modell der Rein-karnation als „Wiederverkörperung" von einem dualistischen Menschenbild. Eine wie auch immer verstandene Seele kehrt zyklisch in irdische Leiber zurück, die mit ihrer Identität allenfalls bedingt zu tun haben. Man kann heute von drei Grundmodellen sprechen, die von Reinkamation und Karma, dem unerbittlichen Gesetz von „Saat und Ernte" über eine Reihe von Erdenleben hinweg, handeln.

Einigermaßen fremd mutet hierzulande nach wie vor das Modell in den östlichen Weltreligionen an: Sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus gilt „Erlösung" letztlich als Befreiung aus dem Kreislauf der Existenzen. Unter religiösem Gesichtspunkt stellt die Reinkarnationslehre also ursprünglich eine nicht eben hoffnungsfrohe Überzeugung dar: Das Rad der Wiedergeburten wird als eine bedrückende Realität empfunden, deren Joch man im Idealfall entfliehen kann.

Als das „Subjekt" der Reinkamation gilt im Hinduismus eine als „Atman" bezeichnete Seele, die wichtigen Schulen zufolge letztlich identisch ist mit einer höchsten beziehungsweise der absoluten Seele, also mit Gott selbst. Erlösung bedeutet hier sozusagen das Einmünden des Tropfens ins Meer. Im orthodoxen Buddhismus wird eine personale „Seele" gänzlich bestritten; was von Existenz zu Existenz wandert, ist nur eine Art Energiepotential.

Als zweites Modell des Reinkarna-tionsgedankens läßt sich das abendländische nennen, wie es namentlich durch die neuzeitliche Theosophie bis hin zur Anthroposophie ausgebildet worden ist. Hier wandert ein höheres, der Substanz nach sich göttlichem Ursprung verdankendes Seelenwesen durch wiederholte Erdenleben, um durch Lernen und Läuterung sich evolutiv wieder dem Göttlichen anzunähern. Reinkamation gewinnt damit eine positive Funktion, die im Dienst einer spiri-tualistischen Selbstverwirklichung steht. Der materialistische Fortschrittsglaube der Neuzeit begegnet hier in kosmischer Projektion, die naturwissenschaftliche, spiritistische und religiöse Elemente zu vereinigen sucht.

Als drittes Modell ist die nahezu restlos säkularisierte Variante des zweiten anzuführen: Reinkamation wird auf eher nichtreligiöse, allenfalls okkulte Weise interpretiert als garantierte Neuauflage der einigermaßen naiv verstandenen „Seele". Diese vulgäre Auffassung geht esoterisch von einer quasi naturgesetzlichen Gegebenheit aus, die es bestenfalls geschickt zu nutzen und im übrigen als narzißtische Selbstvervielfältigung zu genießen gilt. Ihre Wahrheit wird nicht als Glaubenssache, sondern als Angelegenheit der Empirie betrachtet.

Reinkarnationstherapeuten verdienen auf dieser weltanschaulichen Basis mittels Rückführungen in frü-

here Leben in hypnose- beziehungsweise tranceartigem Zustand viel Geld.

Doch wissenschaftliche (Para-)Psy-chologen negieren immer wieder ausdrücklich den populären Irrglauben, daß Reinkamation empirisch bewiesen worden sei. Beispielsweise erklärte der führende deutsche Parapsy-chologe Johannes Mischo 1992: „Eine überzeugende empirische Belegbasis für die Reinkamation gibt es nach meiner persönlichen Einschätzung derzeit nicht." Es bleibt also Glaubenssache, ob man im ganzheitlichen Sinn die Wiedergeburt als Neugeburt zum ewigen Leben erhofft, wie sie nach christlicher Überzeugung geistig, leiblich und kosmisch als Geschenk verheißen ist, oder ob man „Wiedergeburt" reinkarnatorisch als Rückkehr in irdische Existenzen auffaßt, die ein überirdisches Wesen durchzumachen hat.

Beide Auffassungen haben nichts miteinander gemein außer dem Minimalkonsens, daß die menschliche Seele unsterblich ist. Aber schon in diesem Ansatz gehen sie entscheidend auseinander.

Für Christen existiert die mit dem Leib geschaffene Seele nach dem Tode durch den Geist Gottes fort, um im Zuge der universalen Vollendung gnädig zur leiblichen Auferstehung geführt zu werden. Für Reinkarna-tionsgläubige aber ist die Seele göttlichen Ursprungs und daher auch naturgemäß befähigt, mit oder ohne göttliche Hilfe von „oben" den Tod zu überleben und den Weg ins Göttliche zurückzugehen.

Mit dem Religionswissenschaftler Hans Waldenfels bleibt daher festzuhalten: „Es gibt keine Versöhnung zwischen dem christlichen Glauben und einer konsequent vertretenen Reinkarnationslehre." Pfarrer Dr. Werner Thiede ist wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Stuttgart und dissertierte mit dem Buch „Auferstehung der Toten - Hoffnung ohne Attraktivität" (Göttingen 1991).

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