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Wilde Deponien: Gift-Zeitbomben

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Österreichs Hausmüll allein hat das Volumen von zehn Cheopspyramiden. Wohin damit? Über Möglichkeiten des Umgangs mit dem Müll berichtet der folgende Beitrag.

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Österreichs Hausmüll allein hat das Volumen von zehn Cheopspyramiden. Wohin damit? Über Möglichkeiten des Umgangs mit dem Müll berichtet der folgende Beitrag.

Es gibt grundsätzlich fünf Arten der Müllbeseitigung: # Die wilde Deponie ist die am weitesten verbreitete und gefährlichste Variante. Eine mehr oder weniger geeignete Senke oder Schottergrube (Grundwassernähe!) wird mit allen möglichen und unmöglichen Abfällen gefüllt. Abgesehen von der „ästhetischen Aufwertung" der Landschaft ist so eine Deponie eine Brutstätte für Krankheitserreger und -Überträger.

Aus einem Kubikmeter Müll werden allein im ersten Jahr 6,5 Kilo Salze ausgewaschen, dazu kommt noch eine weitere Bedrohung des Grundwassers durch illegal abgelagerten Giftmüll. Wilde Deponien sind daher eine kurzsichtige „Lösung". Diese latenten Gift-Zeitbomben werden uns noch zu schaffen machen. • Die geordnete Deponie unterscheidet sich von der wilden durch:

Auswahl eines geeigneten Standortes mit wasserrechtlicher Genehmigung (hier passieren oft erstaunliche Fehlleistungen der Experten),

Abdichtung der Deponie gegen das Grundwasser (für wie lange?),

Umzäunung des Geländes und Kontrolle des angelieferten Mülls,

schichtenweises Niederwalzen zur Verringerung des Volumens und zur Verhinderung der Brandgefahr und Rattenplage durch Abdeckung der Schichten.

Die geordnete Deponie ist natürlich eine bessere Methode als die wilde Deponie, aber sicher nicht die „Endlösung" des Müllproblems. Zwei Drittel des österreichischen Mülls landen auf Deponien. Aber eine Deponie bedeutet immer Rohstoffe am falschen Platz. Eine Müllverarbeitung durch private — durchaus gewinnbringende — Unternehmen ist bereits möglich und anzustreben. # Müllverbrennung: Eine Tonne Hausmüll hat aufgrund des hohen Papieranteils den Heizwert von 244 Liter Heizöl, deshalb kann Müll verbrannt und zur Wärmegewinnung genützt werden. Etwa zehn bis zwanzig Prozent des Volumens verbleiben als Schlacke, die wegen ihres Salzanteils als Sondermüll einzustufen ist.

Da beispielsweise bei der Verbrennung von einem Kilo PVC etwa ein halbes Kilo Salzsäure entsteht, müssen Müllverbrennungsanlagen effektive Filteranlagen besitzen und sind nur für Großstädte rentabel. Die österreichische Zementindustrie verfeuert Altreifen und erspart sich so 30 Tonnen Heizöl täglich. # Kompostierung: Etwa 80 Prozent des Hausmülls sind kompostierbar, das heißt durch Bakterien abbaubar und zersetzbar. Dabei entsteht Wärme, die teilweise genützt werden kann, und ein humusähnlicher Stoff, der zur Bodenverbesserung verwendet werden kann. Ein verbleibender Rest von rund 30 Prozent muß deponiert werden.

Durch einen zum Teil hohen Schwermetallanteil, Glassplitter und einen gewissen Anteil an Bakterien und Parasiteneiern ist die Verwendung dieses Komposts in Gärtnereien und in der Landwirtschaft problematisch. Er wird daher bevorzugt zum Begrünen von Dämmen und Schipisten verwendet.

• Recycling oder Abfallwiederverwertung bedeutet laut ÖNORM S-2006: Zufuhr von Abfällen in natürliche und künstliche Stoffkreisläufe vorwiegend zur Gewinnung von Sekundärrohstoffen oder Energie. Die Vorteile dieses Verfahrens sind:

verlangsamte Ausbeutung von Primärrohstoffen und -energie-trägern,

verringerte Umweltbelastung durch Rohstoffgewinnung und durch Verarbeitung von Altstoffen,

Einsparung von Rohstoffen, Energie und Devisen,

Schaffung von Arbeitsplätzen und Verringerung der Importabhängigkeit,

größere ökologische und ökonomische Sinnhaftigkeit als Deponierung oder Verbrennung und

Erhöhung der Spargesinnung und des Umweltbewußtseins.

Wir Österreicher werfen jährlich Altrohstoffe im Wert von 450 Millionen Schilling in den Mülleimer! Die organisatorisch-technischen Probleme des Recyclings sind weitgehend gelöst. Voraussetzung ist natürlich die Mülltrennung bereits beim Verbraucher.

Müllvermeidung: Der beste Ansatz zur Lösung des Müllproblems ist die Müllvermeidung. Müll entsteht nicht nur so nebenbei — er wird bewußt produziert! 34 Prozent des Hausmülls entfallen auf Verpackungen. Allein die Beseitigung der Einwegflaschen kostet uns jährlich zwölf Millionen Schilling. Ein völliges Umsteigen auf . Wegwerfflaschen würde die Müllmenge um ein Viertel vergrößern. Hingegen werden Pfandflaschen durchschnittlich 20mal gefüllt (Bierflaschen bis 60mal).

Früher gab es Milch und Milchprodukte in Glasflaschen, heute meist in Einwegverpackungen, die weder verrottbar noch wiederverwertbar sind. Vergleichen Sie selbst die Preise von Milch in Pfandflaschen oder Wegwerfpackungen oder Dosenbier zu Flaschenbier derselben Brauerei oder von Limonaden in Ein- oder Mehrwegpackungen. Sie werden überall feststellen, daß Sie die Wegwerfverpackung doppelt bezahlen: als Mehrpreis beim Einkauf und letzten Endes bei der Müllbeseitigung.

Noch dazu schaden die Verpak-kungen Ihrer Gesundheit: Essig und Speiseöl lösen im Lauf der Zeit Schadstoffe aus den Plastikflaschen.

Wir müssen endlich den Ubergang von der Wegwerf-Gesell-schaft zur wenig oder gar keinen Abfall erzeugenden Technologie schaffen. Das bedeutet Verringerung der Abfallbelastung durch geringeren Material- und Energieaufwand, gekoppelt mit einer größeren Lebensdauer der Produkte.

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