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Wir geben uns selbst auf!

1945 1960 1980 2000 2020

Wir müssen die Kinder verteidigen! Sie sind unerwünscht geworden. Diese Gesellschaft nimmt sich tatsächlich heraus, unsere Kinder in erwünschte und unerwünschte einzuteilen. Täuschen wir uns nicht. Sie werden uns abgehen - auch die unerwünschten.

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Wir müssen die Kinder verteidigen! Sie sind unerwünscht geworden. Diese Gesellschaft nimmt sich tatsächlich heraus, unsere Kinder in erwünschte und unerwünschte einzuteilen. Täuschen wir uns nicht. Sie werden uns abgehen - auch die unerwünschten.

Verteidigt die Kinder - das ist ein sehr konkreter Auftrag. Was sich gewisse Leute in der modernen „Fortschrittsgesellschaft“ aber an Bedachtem und Unbedachtem gegen das Kind leisten, gehört entschieden zurückgewiesen.

Zurückgewiesen gehören auch alle Schlagworte und Aktionen jener Frauen (und Männer), die von Kindern nichts wissen wollen. Wenn diese ihr Herz mit einem Kind nicht teilen können, dann sollen sie doch wenigstens still sein. Und wenn sie aus irgendeinem Grund in dieser Frage einmal enttäuscht wurden, dann mag ihr persönliches Schicksal bedauernswert sein, sie sollen aber aufhören, ihre Enttäuschung auf andere zu übertragen, sondern sich lieber helfen lassen, wieder eine normale Einstellung zum Problem zu bekommen.

Es ist durchaus verständlich, daß man mit solchen Problemen schon deshalb so schwer fertig wird, weil Kinder in unserem Leben eben wichtig sind und wir nicht an ihnen schuldig werden dürfen.

Auf keinen Fall aber können wir es hinnehmen, daß aus solchen persönlichen Enttäuschungen heraus, andere, vor allem Kinder, die sich weniger helfen können, in Mitleidenschaft gezogen werden …

Ein Mensch, der keinen rechten Umgang mit Kindern pflegt, der sich von Kindern nichts sagen läßt, der reift nicht wirklich und versteht sein Dasein nur schlecht. Man muß nicht unbedingt eigene Kinder haben, aber man muß mit Kindern leben.

Kinder sind für jeden von uns eine Herausforderung des Menschlichen in uns, sie lehren uns das rechte Verhältnis , zum Mitmenschen und zu uns selbst, sie verweisen uns aber in ihrer Bedürftigkeit auch auf unsere Herkunft, auf Gott, der uns gewollt hat und die Zusicherung gibt, daß er uns liebt.

Kinder haben von Gott und vom Menschen ein großes ahnendes Wissen, das sie uns mit ihrem Charme und ihrer Offenheit zu vermitteln verstehen. Furchtbar ist es, wenn wir ihnen dieses Wissen nehmen, was eine säkularisierte Welt tut.

Deshalb ist die Einteilung der Kinder in erwünschte und unerwünschte auch von unserer eigenen Existenz her gesehen so grundfalsch. Kinder werden uns geschenkt und von uns angenommen - oder wir haben sie nicht.

Und wenn wir uns mit Kinder- und Famiiienplanung manchesmal etwas abgeben, dann sollten wir doch daran denken, daß dieses „Planen“ im Grunde nur negativ betrieben wird; denn einigermaßen erfolgreich können wir nur verhindern, daß uns ein Kind geschenkt wird, im positiven Fall bleibt es ein Geschenk. Dabei weiß ich wohl, wie schwer ein solches Geschenk sein kann, wenn dieses Kind ernstlich krank ist.

Wenn wir aber hergehen und ein Kind, das wir bereits empfangen haben, nicht wollen und sein Leben vernichten, dann werden wir an ihm schuldig, mit und ohne Fristenlösung.

Diese Fristenlösung ist deshalb ein so ungeheurer politischer und rechtlicher Skandal, weil der Gesetzgeber seine er

ste Pflicht, das Leben jedes Menschen zu schützen, zugunsten einer sozialen Gefälligkeit an Menschen, die sich durch die Existenz dieses Kindes belästigt fühlen, einfach aufgibt. Zu seiner Rechtfertigung läßt er unter der Hand kolportieren, das Kind sei in den ersten Lebenswochen ohnehin noch kein Mensch, ohne allerdings dafür den Beweis anzutreten und ohne Berücksichtigung einer erdrückenden Fülle von Gegenbeweisen.

Solches dürfte in einem Rechtsstaat nicht geschehen. Gerade weil ich das Problem und viele ärztliche und menschliche Komplikationen drum herum wirklich zu kennen glaube, sage ich: Wenn wir das Leben dieser Kinder aufgeben, weil wir sie nicht wollen, haben wir bereits uns aufgegeben.

Eine Regierung, die ernst genommen werden will, und das sollte sie wollen, darf unschuldiges Menschenleben nicht für vogelfrei erklären, auch das ungeborener Kinder nicht. Es wäre eine außerordentliche politische Tat, wenn eine Regierung diese Stärke und Verantwortung aufbrächte, zusammen mit dem Volk hier wieder eine auch menschlich richtige Rechtslage zu schaffen.

Verteidigen wir die Kinder auch, indem wir ihre Existenz und ihre Zukunft anerkennen und seien wir nicht so ängstlich. Lernen wir vom Vertrauen der Kinder in das Leben, das bei ihnen trotzdem da ist, obschon jedes zweite von ihnen in unserem Lande nicht das Licht dieser Welt erblickt, nur weil es unerwünscht ist.

Sagen wir nicht: Was erwartet denn unsere Kinder schon. Wenn wir es schon wüßten, dann lohnte es sich nicht mehr sehr, zu leben. Und wenn wir das aber sagen, weil wir damit ausdrük- ken wollen, daß die Zukunft düster wird, dann tun wir lieber etwas dagegen, anstatt zu klagen … Ein wichtiger erster Ansatz dafür wäre eben, die Existenz der Kinder und ihre große menschliche Bedeutung, die „Sache der unbekannten Größe“ (wie das der Arzt, Schriftsteller und Erzieher Janusz Korczak einmal genannt hat), zu verteidigen.

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