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Wir, in der Mitte

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Haben die Pläne zur Bildung einer Donau-Konföderation heute noch Bedeutung? Der Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften antwortet mit Ja.

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Haben die Pläne zur Bildung einer Donau-Konföderation heute noch Bedeutung? Der Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften antwortet mit Ja.

Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber dann in der Zwischenkriegszeit entwik-kelte sich zwischen den Einflußbereichen der pangermanischen und panslawistischen Ideologien unter der Herrschaft der „Supermächte“ der Region (der Habsburger Monarchie, dem Deutschen Kaiserreich und dem Russischen Reich) eine Bewegung, die eine Ideologie der Identität der kleinen Völker propagierte. In ihren Bemühungen, durch Vereinigung ein Gegengewicht zur Fremdherrschaft zu schaffen, strebte die Bewegung danach, eine Art Gemeinschaft der kleinen Nationen in dieser Region zu er-

richten, um ihr eigenes Leben verwirklichen und einen unabhängigen Weg historischer Entwicklung gehen zu können. Es begann sich eine Art Donauraum-Gemeinschaftsgefühl einzustellen, Hand in Hand mit dem Auftreten einer politischen Bewegung, die sich freilich manchmal naiver und unrealistischer Methoden bediente.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine Reihe von Konföderationsplänen entworfen. Einer der ersten war Lajos Kossuths 1849 vorgelegtes Konzept einer Donauraum-Konföderation, das von der ungarischen Revolution 1848 angeregt worden war.

Es ist kein Zufall, daß die bedeutendsten Vorschläge im Gebiet der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie aufkamen, denn dort nahm man die Monarchie zum Ausgangspunkt für eine Umgestaltung in eine wirklich moderne und demokratische Konföderation. So schrieb Oszkär Jäszi 1918: „Die Österreichisch-Ungarische Monarchie ist nicht bloß ein militärisch-feudales Gebilde. Sie besitzt ihre eigene innere Logik der Entwicklung, sowohl in bezug auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft. Daher lautet die Frage: Wie könnte die Donaumonarchie in einen entwicklungsfähigen und harmonischen föderativen Staat, der die Entfaltung all seiner Völker gewährleistet, umgeformt werden?“ Jäszis Antwort: „Die neue Staatsform ist

der supranationale Staat — eine Verbindung freier, gleicher Staaten.“

Zur Erfassung der ganzen Region verband das Konzept der Donaukonföderation politische Organisation mit fundamentalen sozialen Zielsetzungen. Das war notwendig, weil dieser „halbfertige Teil“ Europas, wie Jäszi treffend formulierte, diese Region, die in ihrer geschichtlichen und daher auch in ihrer nationalen Entwicklung zurückgeblieben war, zu „einer Gefahrenzone“ geworden war und „der Erste Weltkrieg die logische Konsequenz einer jahrhundertelangen historischen Entwicklung“ darstellte. So kam Jäszi mit Blick auf diese Entwicklung Mittel- und Osteuropas sowie auf die gesamteuropäische Geschichte zu der Schlußfolgerung:

„Wenn der ureigene Grund für den Krieg in der mittel- und osteuropäischen Staatsorganisation und in der Krise der nationalen Minderheiten zu suchen war, so ergibt sich daraus, daß die Integration Europas durch die Schaffung eines Staates im rückständigen Mittel- und Osteuropa vollendet werden muß. Durch die Garantie der freien nationalen und kulturellen Entfaltung jedes einzelnen Volkes wäre daher die Möglichkeit demokratischer Solidarität gegeben.“

Dieser Plan für die „Vereinten Nationen des Donauraumes“ ging über die Grenzen der ehemaligen Monarchie hinaus; er umfaßte den gesamten Donauraum.

Der Vorschlag, den der Sozialist Karl Renner 1918 unterbreitete, beschränkte sich auf ein kleineres Gebiet sowie auf Prinzipien nationaler Gleichheit, die weniger konsequent waren, als die oben genannten. Seine Österreich-Konföderation umfaßte die acht Völker Österreichs in einem vereinten, zentralisierten Bundesstaat mit vier Parlamenten für die „Gliedstaaten“ (Renner) und einem Landtag „als autonomes ter-

ritoriales Verbindungsglied zwischen den historischen Grundelementen des Reiches“.

In den stürmischen dreißiger Jahren, genauer gesagt 1935, machte der damalige tschechoslowakische Ministerpräsident Milan Hodza einen Vorschlag, der das Ergebnis einer besonderen Mischung von ehrgeizigem Planen und auf Realpolitik basierenden ausgefeilten diplomatischen Bemühungen war. Hodza war bestrebt, durch seinen Plan die umfassende und stufenweise ökonomische und politische Integration der zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion gelegenen Region voranzutreiben.

Als Mitglied der ungarischen Nationalversammlung vor dem Ersten Weltkrieg waren Hodza die drängendsten Probleme der Länder dieser Region in ihrer ganzen Komplexität vertraut. Daher wollte er einen Staatenbund schaffen gegen die deutsche Bedrohung, und zwar auf der Linie der politischen Bestrebungen Frankreichs, mit dem Hauptziel der Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Agrarstaaten. Die natürliche Kräfteverbindung zwischen den industrialisierten österreichisch-tschechischen Gebieten und den Agrarländern dieser Region diente als Ausgangspunkt für einen Staatenbund im Donauraum.

Auch Tito und Dimitrow wollten mit ihrem von 1947—49 an verfolgten Föderationsplan für den

Balkan einen Staat der kleinen Völker auf der Grundlage der Gleichberechtigung errichten.

Die kulturelle Identität entwik-kelte sich Hand in Hand mit den politischen Bemühungen, die regionalen Gemeinsamkeiten und nicht die nationalen Unterschiede hervorzuheben. Charakteristisch für die hervorragendsten Intellektuellen der Region waren ihre Bemühungen, über Staats- und Völkergrenzen hinaus Verbindungen zu schaffen. Ich möchte zur Illustration dieser Tendenz nur einige ungarische Beispiele aus der Zwischenkriegszeit anführen. Mitte der zwanziger Jahre wies der vielgelesene Schriftsteller und Politiker Dezsö Szabö mit Nachdruck darauf hin, daß Ungarn nicht zu West-, sondern zu Osteuropa gehöre. Er plädierte dafür, daß die Völker Osteuropas einander kennenlernen und sich mit ihren Sprachen gegenseitig vertraut machen. In den dreißiger Jahren trat dieser „Osteuropagedanke“ noch stärker hervor. Läsz-lo Nemeth, ein anderer populärer Schriftsteller, sprach von der Brüderschaft der osteuropäischen Völker. Der bekannteste Vertreter dieser osteuropäischen Identität war der Komponist Bela Bartök. Er trug slowakische, rumänische und ungarische Volksmusik zusammen und ließ all diese Elemente in seine Kompositionen einfließen.

Auch in der bildenden Kunst verfolgten der führende ungarische surrealistische Maler der dreißiger Jahre, Lajos Vajda, und die „Schule von Szentendre“ diese Ideologie; sie verwendeten slawische, rumänische und ungarische Elemente in surrealistischer Manier, mit dem bewußten Ziel, einen gemeinsamen osteuropäischen Stil in der Malerei zu begründen.

Dieser Ideologie einer ganz Osteuropa betreffenden Aufgabe kam in der Zwischenkriegszeit und besonders nach Hitlers Machtübernahme eine große Bedeutung zu. So entwickelte sich gleichzeitig mit dem wachsenden Haß und den sich zuspitzenden Antagonismen zwischen den Völkern das Gefühl einer osteuropäischen kulturellen Identität.

Die beiden beschriebenen Tendenzen waren freilich hinsichtlich ihrer politischen Auswirkungen und Konsequenzen sehr unterschiedlich: Die erste, nationalistisch-isolationistische, politisch meist rechtsstehende Tendenz war auf diesem Gebiet bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vorherrschend und wurde von der breiten Masse getragen. Die zweite, die in den kulturell-politischen Bewegungen zur Schaffung eines vereinten Donauraums zum Ausdruck kam, war intellektueller Natur, politisch eher isoliert und hatte keinen Massencharakter.

Die beiden Tendenzen haben sich in dieser Region im Laufe der letzten hundert bis zweihundert Jahre miteinander vermengt. Sogar heute noch können wir von einer Mischung der beiden unterschiedlichen Elemente sprechen. Mit anderen Worten: Selbst wenn eine osteuropäische Identität nicht existieren sollte, sind wir heute doch Zeugen von Bemühungen um eine solche kulturelle Identität, welche die gemeinsame Geschichte, den gemeinsamen Glauben all dieser Völker betont und die einzige historische Lösung aufzeigt: Zusammenzuarbeiten, einander kennenzulernen in dieser ethnisch bunt gemischten Weltgegend, statt gegeneinander zu kämpfen oder die spezifischen nationalen und kulturellen Unterschiede zwischen den Völkern hervorzuheben.

Gekürzter Text eines Vortrags im Institut für die Wissenschaften von Menschen in Wien.

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