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Wir Kleinkarierten

Der Papst kommt — und niemand freut sich so recht.

Ja, ich weiß schon, wir sind ihm böse wegen seiner letzten Bischofsernennungen, wir finden, daß er in Sachen Geburtenkontrolle zu weit geht, und manche nehmen ihm auch übel, daß er keine verheirateten und keine weiblichen Priester haben will. Soweit, so gut. Aber ist das wirklich Grund genug für diese Lustlosig-keit, diese Mischung aus Irritation und Überdruß, die wir an uns bemerken — als ginge es nicht um ein Fest des Glaubens, sondern um eine etwas mühselige Pflichtübung, die es eben in Gottes Namen zu absolvieren gilt?

Man wird im Fernsehen mit einer wahren Lawine von Papstberichten überschüttet werden. Man wird, wenn man in der richtigen Gegend wohnt, gelegentlich Polizeisperren sehen und vielleicht auch einmal einen Hubschrauber. Man wird sich insgeheim fragen, was das alles kostet. Und man wird ein wenig erleichtert aufatmen, wenn alles wieder vorbei ist.

Szenenwechsel. Ich denke zurück an Papstbesuche in Polen, besonders an den ersten. Die Wochen der Vorbereitung und der Vorfreude. Die Nacht davor: offene Kirchen, Gebet, Gesang, Meditation. Dann die langen Fußmärsche zu den Papstmessen. Das Warten. Immer noch ein Lied und immer noch ein Rosenkranz. Junge Leute machen Ordnerdienst, aber es gibt eigentlich gar nichts zu ordnen, die Menge ordnet sich selbst. Und dann die Freude, der Stolz, die überschäumende Dankbarkeit, als der Papst endlich da ist, der Stellvertreter Gottes auf Erden, der Nachfolger der Apostel, das Zeichen der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche mitten unter uns. „Das ist der Tag, den der Herr uns geschenkt hat“, singt der Chor, und alle fallen ein. Es gibt kein gedrucktes Programm und keinen perfekt organisierten „Ablauf“. Wenn der Papst spricht — vor allem vor jungen Leuten —, schallt ihm gelegentlich eine Antwort entgegen, wird zum Sprechchor, manchmal zu einem Lied, einem Gebet. Ein Zwiegespräch entwik-kelt sich — ungeprobt, unzensu-riert, unorganisiert. Die Kirche, die lebendige Kirche, spricht. Sie spricht mit sich selbst, spricht mit Gott. Und plötzlich weiß man wieder, was das ist: Volk Gottes.

Ja, die Polen, wird jetzt mancher sagen. Erstens sind die doch alle stockkonservativ, und zweitens sind die Papstmessen dort ja vor allem politische Manifestationen. Aber das stimmt, wenn überhaupt, nur sehr bedingt.

Der Hauptgrund für den Unterschied scheint mir woanders zu liegen: Im Funktionärsstaat Osterreich haben wir uns angewöhnt, das Leben der Kirche gleichsam mit den Augen von Funktionären zu betrachten und so, als sei sie selber ein Apparat von Funktionären.

Auch wir sogenannten praktizierenden Christen haben uns diesen Blickwinkel zu eigen gemacht, den gleichen, mit dem wir Parteitage oder Gewerkschaftskongresse zu beobachten gewöhnt sind. Wir achten vor allem anderen darauf, was kirchliche Vertreter zu gesellschaftlichen Fragen zu sagen haben (auch wenn es nicht besonders tiefgründig ist); das sogenannte Religiöse nehmen wir als Zwischenstück und Beiwerk gerade noch in Kauf. Genau registrieren wir, was die Kirche zum Umweltschutz sagt oder zur Arbeitsmarktlage oder zur Bevölkerungspolitik. Die Verkündigung des Evangeliums interessiert uns weniger. Am allermeisten aber interessieren uns — wie in der Politik übrigens auch - die Personalfragen: wer im kirchlichen Apparat Karriere macht und wer nicht, und wer wen warum zu pushen oder zu verhindern versucht.

Es sieht ganz so aus, als ob wir es beim Papstbesuch genauso halten werden. Aber vielleicht zeigen uns die Pilger aus Ungarn, aus Slowenien und Kroatien, die zum Papstbesuch nach Trausdorf oder nach Gurk kommen wollen, daß es auch anders geht. Wenn unsere Nachbarn, die Slowaken, kommen dürften, zeigten sie es uns ganz bestimmt. *

Nicht, daß alle Probleme und Differenzen nun plötzlich verschwinden oder ignoriert werden sollten — es gibt sie, und sie müssen von denen, die es angeht, ausgetragen und gelöst werden, so gut es eben geht. Aber es wäre schön, wenn neben und über der Funktionärskirche an jenen Tagen der Präsenz des Petrus-Nachfolgers unter uns auch etwas vom Widerschein der Weltkirche aufblitzte, jener Kirche, die zurückreicht in die Tage der Apostel, und die weiterbestehen wird bis zur Wiederkehr des Herrn.

Es wäre schön, wenn wir an diesen Tagen unsere Kleinkariertheit ein wenig vergessen könnten. Wenn wir nicht „Veranstaltungen“ absolvieren müßten, Fernsehtermine wahrnehmen, eine aufwendige Organisation abschnurren sehen, voller Panik, ob auch das „Medienecho“ entsprechend ausfällt — sondern feiern. Es wäre schön, würde dieser Papstbesuch nicht als „Parteitag“ gesehen, sondern als ein Fest des Volkes Gottes, vom Theologieprofessor bis zum Kerzlweiblein. Und wenn wir nachher alle singen könnten: „Dies ist der Tag, den der Herr uns geschenkt hat.“

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