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Wir müssen heute unser Leben ändern!

Hat es denn, von hier und heute aus überhaupt einen Sinn sich darüber Gedanken zu machen, wovon wir morgen leben werden? - Haben wir denn auch nur einen Hauch von Sicherheit, daß wir morgen leben werden? — Nein - nicht Sie und nicht ich, darum geht es hier nicht - unser eigener, personaler Tod ist uns eingeboren und sicher. Aber um das Wir der Menschheit geht es. Und da sind wir ja zum ersten Mal in dem permanenten Golgotha der Geschichte an dem Punkt angelangt, an dem wir nicht nur uns als Zeit- und Weltgenossen den Garaus machen können, sondern dem Mensch-Sein, dem Leben an sich.

Und solange die Herren in Genf und anderswo ihr Raketenpoker weiterspielen, solange die tödliche Serienproduktion der Sprengköpfe und anderer Spielarten der Vernichtungsmaschinerie weiterläuft, solange der mil-liardenfache Tod in den Silos wartet, in den Meeren dahinzieht und über unseren Köpfen transportiert wird, wird die Wahrscheinlichkeit daß wir morgen leben werden, von Tag zu Tag geringer.

Und sollte schon das, dieses Ende mit Schrecken, nicht gelingen, so basteln wir ja noch mit Akribie am Zusammenbruch des Ökosystems Erde. Dieses andere Ende ist ein Siechtum, eine schleichende Vergiftung. Da wie dort ist es Eskalation in den Zusammenbruch, aber im ganzen gesehen, in dieser Version ein langsamer, würgender Tod für den Menschen und die ihm geschenkte Schöpfung. Aber sicher ist auch er.

Hat es also im Angesicht dieser beiden Möglichkeiten wirklich Sinn, sich noch lange nach dem Morgen zu fragen?

Vielleicht doch, aber sicher nur, wenn wir diese Frage ehrlich und verbindlich stellen und sie frei für Erkenntnis und Neubesinnung durch unser Leben beantworten.

Wenn ich nicht möchte, daß meine Kinder und Kindeskinder, und mit ihnen alle Kinder der Welt, sich mit jedem Atemzug, jedem Schluck Wasser, jedem Bissen Brot, jedem Blatt Salat, jedem Biß in eine Frucht, jedem Stück Fleisch ein wenig mehr vergiften, und wenn ich auch nicht möchte, daß sie mit Gasmasken oder in künstlich klimatisierten Plastikzelten leben, daß sie nur noch destilliertes Wasser trinken, daß sie keimfreie Treibhauspflanzen und künstliche Proteine und Vitamine zu sich nehmen müssen, dann darf ich nicht zuwarten, sondern muß heute aufstehen und Nein sagen zu einer Fortschreibung des Bisherigen, das keine Zukunft mehr ergibt.

Wenn ich möchte, daß kommende Generationen begreifen, daß der Ausdruck Umwelt ein historisch verständlicher, aber eben gefährlicher Irrtum war, weil der Mensch als Geschöpf und Teil der Schöpfung eben nicht seiner Umwelt ausbeutend gegenüberstehen darf, sondern sich als Teil der Mitwelt erkennen muß, die mit ihm lebt oder eben stirbt, dann darf ich nicht zuwarten, sondern muß heute aufstehen und ja sagen zu einer Neubesinnung, die nur Umkehr zum Leben bedeuten kann.

Hier stellt sich natürlich die Frage, wie eine solche Erkenntnis umgesetzt werden kann im Leben des einzelnen und der Allgemeinheit. Denn dieses Ja zum Leben hat keinen Wert, wenn es leere Phrase bleibt oder sich zur Wandervogel-Romantik und Naturschwärmerei verengt. Sie muß von jener Art sein, die einen dazu befähigt, dem Nächsten zuliebe und nicht zuleide zu leben, jeden, auch dem Fernsten, auch dem ganz anderen.

Es bedarf also des gelebten Ja jedes einzelnen, seines Einsatzes im Alltag der Familien, der Gruppen, der Gemeinden, denn hier muß es beginnen. Veränderung in übergeordneten politischen Entscheidungsgremien und Machtzentralen kann nur durch anwachsenden Druck von unten erreicht werden.

Eine Strategie, die in die richtige Richtung weist, hat der Biologe und Theologe Günther Altner einmal so skizziert: „Im wesentlichen geht es um eine paradox erscheinende Verschiebung der eigenen Grenzen. Einerseits haben wir unsere Grenzen global zu weiten, alle und alles in unsere Mitverantwortlichkeit hereinzunehmen und andererseits müssen wir die Grenzen unserer eigenen Bedürfnisse verengen, unsere Ansprüche zurückschrauben auf das, was wir wirklich brauchen.“

Und das geschieht ja auch schon, sogar in unseren Breiten, in Selbstbesteuerungsgruppen, in Selbsthilfegruppen, in Communi-täten, die bereit sind, bewußt Verzicht zu üben, um jener willen, die weniger haben oder nichts. Das geschieht in Friedensinitiativen-es gibt ja auch solche, die wirklich den Frieden meinen -, zu denen Menschen sich zusammenschließen, Zeit, Geld und sich selbst einbringen, um Informations- und Bildungsarbeit zu leisten, um anderen die Gefahr, in der wir uns befinden, deutlich zu machen.

Und das wächst im Schneeballsystem und vernetzt sich, rund um den Globus. Eigentlich gibt es kaum noch einen Bereich der Gesellschaft, in dem dieser Bazillus noch nicht zumindest ansatzweise spürbar ist.

Gewiß, der Druck nach oben ist immer noch nicht stark genug, weil die große Masse der Menschen sich entweder immer noch einlullen läßt von den Wachstumspropheten und den Beschwörungsformeln der sogenannten Sachzwänge oder Angst und Not leidet, stimmlos im Elend steckt. Wir müssen einander gegenseitig stärken, dann haben wir die Kraft der Solidarität. Wir müssen umeinander Sorge tragen, uns füreinander verantwortlich fühlen, nicht Almosen verteilen, sondern miteinander teilen — dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben, dann kommen wir ohne Neid und Mißgunst aus.

Wir müssen einander als Menschen achten, einander vertrauen, dann können wir die Feindbilder, die man uns zu oktroyieren versucht, durchdringen und abbauen.

Jeder der diesen sicher schwierigen und unbequemen Weg heute ehrlich und konsequent zu gehen versucht und andere dazu ermutigt, im Bewußtsein, daß er sie in Richtung der „engen Pforte“ führt, trägt das Weizenkorn für das Brot von morgen mit sich.

Die Autorin ist leitender Redakteur im ORF — Aktueller Dienst und Zeitgeschehen.

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