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Wir müssen Tapferes tun

1945 1960 1980 2000 2020

„Gesunde Kinder - unser Reichtum" lautet das Motto des Weltgesundheitstages 1984. Man sollte dabei unbedingt auch an die seelisch-geistige Gesundheit der Kinder denken.

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„Gesunde Kinder - unser Reichtum" lautet das Motto des Weltgesundheitstages 1984. Man sollte dabei unbedingt auch an die seelisch-geistige Gesundheit der Kinder denken.

Keine Art von Gesundheit ist selbstverständlich. Auch daß gesunde Kinder unser Reichtum von morgen sind, ist nicht selbstverständlich. Vor allem müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß „gesunde Kinder" auch beträchtliche Sorgen machen können und daß andererseits kranken Kindern ihr Kindsein und ihr Menschsein oft gültiger und großartiger gelingt als gesunden.

Wenn die Parole „Gesunde Kinder — unser Reichtum" stimmt, woran ich nicht zweifle, dann müssen wir uns aber doch fragen.

was sie uns heute noch bedeutet? Ob wir von diesem Reichtum wirklich etwas halten? Ob wir uns nicht selbst genug geworden sind: De facto nimmt der Mut unserer Bevölkerung zu Kindern und die Freude an Kindern auch in unserem Lande ab.

In den letzten 100 Jahren kam es in Österreich viermal zu einem Geburtendefizit. Einmal während des 1. Weltkrieges, dann während der dreißiger Jahre in der Zeit der Wirtschaftskrise, dann wieder Ende des 2. Weltkrieges und in der ersten Nachkriegszeit und das vierte Mal in den Jahren 1974-1980; aber auch in den letzten drei Jahren war die Geburtenbilanz in Gesamtösterreich nur sehr schwach positiv, im Burgenland, in Nie-derösterreich und in Wien ist sie weiterhin negativ.

Annähernd die Hälfte der österreichischen „Familien" hat kein Kind mehr unter 15 Jahren und rund 20 Prozent der geborenen Kinder sind von ledigen Müttern. 47.643 Eheschließungen des Jahres 1982 stehen 14.298 Ehescheidungen entgegen, zwei Drittel davon wurden „einvernehmlich" gelöst, wovon 15.902 Kinder mitbetroffen waren, davon waren 10.681 jünger als 14 Jahre.

Die Ursache für das fehlende Wagnis zum Kind und zu der für die Kinder so notwendigen geordneten Familie kann diesmal nicht in erster Linie in einer objektiven finanziellen Not liegen, da die Realeinkommen, auch wenn die finanzielle Schlechterstellung der Familien in unserem Lande in Betracht gezogen wird, nicht so abgenommen haben, daß sie mit der materiellen Not der drei anderen Krisenperioden, die üblicherweise als Erklärung für die Geburtenrückgänge angegeben werden, auch nur annähernd vergleichbar wären.

Auch die Frage, ob der Schutz für die Gesundheit unserer Kinder zu wenig gut oder so ungenügend wäre, daß es sich Eltern überlegen müßten, Kinder in die Welt zu setzen, kann es nicht sein, denn gemessen an der Säuglingssterblichkeit ist diese in Österreich von 264 Promille vor 100 Jahren auf 12,7 Promille im Jahre 1982 kontinuierlich zurückgegangen, sie beträgt damit nur noch 5 Prozent der Säuglingssterblichkeit vor 100 Jahren, und sie ließe sich noch weiter senken, jedenfalls unter 10 Promille, was in einigen Bundesländern schon erreicht ist, während Wien, das Bundesland mit der geringsten Geburtenziffer, noch eine Säuglingssterblichkeit von 14,9 Promille aufweist, d. h. von 1000 Lebendgeborenen starben in Wien 1982 noch 15 Kinder im ersten Lebensjahr.

Sicher noch zuviel, andererseits sterben von den 1,5 Millionen Kindern im Alter von 0-15 Jahren in ganz Österreich glücklicherweise nur mehr etwas mehr als 1 Promille, was freilich noch immer vier Kinder täglich sind. Die häufigste Todesursache im ersten Lebensjahr ist eine schwere Gesundheitsstörung in den ersten Tagen nach der Geburt, Frühgeburten eingeschlossen, die zweithäufigste Ursache sind angeborene Fehlbildungen.

Bei den 10—15j ährigen Kindern sind es Unfälle, an zweiter,und dritter Stelle bösartige Tumore und schwere Erkrankungen des Gehirnes. Mit Ausnahme der Unfalltodesursachen haben alle anderen Todesursachen allein in den letzten zehn Jahren um zirka die Hälfte abgenommen. Man wird daher die ärztlichen Leistungen und gesundheitsfördernden Erfolge doch als gut, wenn auch noch immer als verbesserungsfähig bezeichnen müssen.

Auch die übrigen kinderärztlichen Erfolge der letzten 50 Jahre sind durchaus als beachtlich zu bezeichnen: Die Schädigungen der Kinder als Folge einer schweren Erkrankung nach der Geburt haben deutlich abgenommen. Die Behandlungsergebnisse von hirngeschädigten Kindern sind besser. Die Rhesusblutgruppenun-verträglichkeit zwischen Mutter und Kind ist dank der Vorbeugungsmaßnahmen mit Anti-D-Serum viel seltener zu beobachten. Wir erleben bei unseren Kin-

dern kaum mehr eine Unterernährung oder schwere Mangelernährung.

Dank der Impfprophylaxe gibt es praktisch keine Diphtherie, keine Kinderlähmung und keine Pocken mehr. Die Tuberkulose ist stark zurückgegangen. Wir haben seit Jahren keine Tuberkulose bei geimpften Kindern mehr erlebt. Die Rötelnimpfung der Mädchen hat die Rötelnerkrankung von Kindern im Mutterleib sehr stark zurückgehen lassen. Dank einer gut geführten Therapie mit Antibiotika hat der Scharlach an Schrecken verloren und ist viel seltener geworden, auch andere Streptokokkenerkrankungen.

Bei den bösartigen Erkrankungen, wie Leukämie und Tumoren, deren Behandlung noch vor drei bis vier Jahrzehnten letztlich nie erfolgreich war, lassen sich heute bereits im Durchschnitt bei der Hälfte der Fälle Heilungen erzielen.

Wir haben keinen Grund, mit den Leistungen der Kinderheilkunde unzufrieden zu sein, im Gegenteil. Und es besteht demnach auch kein Grund, über die Erkrankungsmöglichkeiten bei Kindern besorgt zu sein und deshalb keine Kinder zu wollen beziehungsweise kinderunfreundliche Kräfte in unserer Gesellschaft noch zu unterstützen.

Tatsächlich geschieht dies aber. Die Gesundheit unserer Kinder ist nicht mehr so sehr von körperlichen Krankheiten her bedroht, sondern viel mehr vom Gemütsmäßig-Geistigen und vom Sozialen her, und daran haben die verantwortlichen Träger dieser Gesellschaft erheblichen Anteil.

Der immer stärker werdende Ruf nach mehr Moral und mehr Ordnung in Politik, Wirtschaft, Medizin, Pädagogik, in vielen anderen Lebensbereichen ist durchaus berechtigt, aber wir müssen zugeben können, daß wir selbst es waren, die an der Zerstörung dieser Moral und Ordnung mitgewirkt haben beziehungsweise diese, ohne großen Widerstand zu leisten, zuließen, und wir müssen mehr gegen diese destruktiven Kräfte tun. Wer mißt die Not der Eltern und ihrer Kinder, die als Opfer falscher Befreiungsparolen den Drogen und anderen anarchistischen Versuchungen erlegen sind?

Wer weiß, welche Verunsicherung ein zügelloser Sexualismus

und andere Fetischismen bei Jugendlichen ausgelöst haben? Wer kennt die Verwirrung, die verschiedene Ideologien und Sekten, die mit Normenersatz arbeiten, in der Gesellschaft gestiftet haben? Wer verantwortet die Folgen, die ein mißverstandener und mißbrauchter materieller Wohlstand gebracht haben, wie Kriminalität, Ausbruch und Haß?

Ahnen wir, was Unaufrichtig-keit und Treulosigkeit anrichten? Wer fragt sich und wer kann es verantworten, wenn Kindern und ihren Eltern, den Familien, ihre Geborgenheit, ihr Vertrauen, ihr Glaube an den Lebenssinn genommen wird? Diese Fragen sind keine rhetorischen Fragen, sondern echte Sorgen eines Kinderarztes, der in seiner Verantwortung für das kranke Kind auch die Hintergründe des Krankseins kennen muß.

„Was kränkt, macht krank" ist nicht nur eine alte Erfahrung, sondern eine, die auch für Kinder gilt. Psychosomatische Erkrankungen und Verhaltensstörungen bei Kindern nehmen daher leider in unserer Gesellschaft, weil sie menschlich abbaut, zu.

Als Kinderarzt ist man vor allem über die „Nein zum Leben"-Bewegung erschüttert. Gerade in diesen Wochen wurden von Vertretern der Fristenlösung wieder Zahlen genannt: In den knapp zehn Jahren seit Einführung derselben sind fast eine Million, meistens gesunde Kinder, getötet

worden. In der gleichen Zeit konnte in Österreich trotz aller ärztlichen Bemühungen, das Leben von 20.000 Kindern unter 15 Jahren nicht gerettet werden, 50:1! Dazu kommen etwa eine Milliarde Schilling, die Herr und Frau Österreicher pro Jahr dafür ausgeben, keine Kinder oder keine Kinder mehr zu bekommen und der Unernst, mit der Familienpolitik betrieben wird. Was für eine Gesellschaft sind wir geworden? Wie ernst meinen wir es mit den Menschenrechten und der Menschenwürde eigentlich?

Wir müssen endlich einsehen, daß es so nicht gutgeht und nicht gutgehen kann und müssen endlich auch etwas Tapferes tun. Das sollte doch in einem Land, dessen Bevölkerung zu 90 Prozent aus Christen besteht, nicht nur möglich, sondern ihr Hauptanliegen sein. Vor allem müssen wir aufhören, Kinder abzulehnen oder sie gar zu mißhandeln oder zu töten. Wir müssen wieder mehr Freude an Kindern haben und Freunde der Kinder sein, schon deshalb, weil Kinder in ihrer Ursprünglichkeit, Unbefangenheit, Unschuld, Vertrauensseligkeit und in ihrer Freude am Wahren imstande sind, uns diese Werte, die wir oft schon aufgegeben haben, wieder zu vermitteln, ohne die wir weder richtig leben, noch reich werden können.

Gesunde, frohe Kinder in einer wirklich menschenwürdigen Gesellschaft ja! Sie und alles, was wir dafür tun, sind dann wirklich unser Reichtum von heute und morgen.

Kurzfassung eines Vortrags, den Univ.-Prof. Heribert Berger (Kinderklinik. Innsbruck) am 6. April auf Einladung der Ärztekammer für Oberösterreich in Linz halten wird.

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