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Wir müssen wieder trauern lernen

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Immer mehr Menschen sterben im Spital. Viele fühlen sich alleingelassen. Sterbende auf ihrem schweren Weg zu begleiten, ist sowohl Verpflichtung als auch beglückende Erfahrung.

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Immer mehr Menschen sterben im Spital. Viele fühlen sich alleingelassen. Sterbende auf ihrem schweren Weg zu begleiten, ist sowohl Verpflichtung als auch beglückende Erfahrung.

Sterben und Tod sind gefragte Themen für Publikationen, Vorträge und Seminare geworden. Vieles an Impulsen und Hilfestellungen, an Analysen und Postula-ten wurde dazu in den letzten Jah-ren an die Öffentlichkeit gebracht. Und doch wissen wir, daß viele, zu viele in den Phasen schwerster Krankheit und im Sterben alleingelassen sind.

Man sollte aufhören, die Schuld daran zwischen Ärzten, Pflegepersonal, Angehörigen und Seelsorgern hin und her zu schieben. Die brennende Sorge, unsere sterbenskranken und sterbenden Mitmenschen in dieser entscheidenden Phase ihres Lebens zu begleiten und ihnen so ein des Menschen würdiges Sterben zu ermöglichen, sollte uns alle erfüllen und miteinander ins Gespräch bringen.

Wer selber schon einmal schwer krank war und an der Grenze stand, weiß, wie brutal schmerzhaft es sein kann, auf drängende Fragen keine Antwort zu bekommen, der Unsicherheit und den Ahnungen über das mögliche Ende ausgeliefert zu sein und, zwar von hervorragender Technik und bester Medizin versorgt, doch menschliche Geborgenheit entbehren zu müssen.

Und wer sich aufrafft, immer wieder mit Sterbenskranken ein Stück des harten Weges mitzugehen, kennt die Verzweiflung ausdrückenden Tränen, die am Abend das tapfere Lächeln aus der Besuchszeit des Nachmittages ablösen und weiß um die Pank-barkeit des Schwerkranken für das einfach Bei-ihm-sein, für das Zuhören, für das gemeinsame Trauern, für die zärtliche Zuwendung.

Das Sterben ist, wie das Leben, immer etwas Einmaliges. Es ist daher überflüssig, nach Rezepten für ein gutes, menschenwürdiges Sterben Ausschau zu halten. Sterbebeistand ist, wie jede Form menschlicher Begleitung, mit Risiko verbunden und dieses gilt es einzugehen.

Wie aber ist nun Sterbendenbegleitung möglich? Es sei zunächst einschränkend gesagt, daß hier nur von jenen Situationen die Rede ist, wo „Zeit" bleibt, um dem Sterbenden zu helfen (nicht also etwa vom plötzlichen Tod), wobei zusätzlich davon ausgegangen werden muß, daß das Sterben ein Prozeß ist (es geht hier nicht um die Definition des Todeszeitpunktes u. ä.). Hinzugefügt sei, daß die Begriffe Sterbebeistand und Sterbendenbegleitung gewählt wurden und nicht der mehrdeutige Begriff der Sterbehilfe.

Damit soll auch eine klare Abgrenzung gegenüber jeder Form der aktiven Euthanasie vorgenommen sein, die für den gläubigen Menschen kein Beitrag zu einem menschenwürdigen Sterben sein kann, auch dann nicht, wenn sie sich mit dem Deckmantel des Mitleides umgibt.

Mit zunehmender Schwere einer Krankheit wird der Mensch immer mehr der Hilflosigkeit .ausgeliefert. Er erlebt das Nachlassen der körperlichen und geistigen Kräfte, er hat Schmerzen, wird aus seiner gewohnten Umgebung gerissen, er stellt Fragen, auf die er keine zufriedenstellenden Antworten bekommt, und er fühlt sich ausgeliefert. Immer mehr ist er auf andere angewiesen.

Die Zahl derer, die im Krankenhaus sterben, nimmt ständig zu. Wenn das Sterben daheim medizinisch und von der Umsorgung her vertretbar ist und der Sterbenskranke dies wünscht, sollte alles unternommen werden, um dies zu ermöglichen.

Andererseits sollte nicht so getan werden, als ob das Sterben im Krankenhaus an sich eine Katastrophe sei. Es gibt Patienten, die gerade wenn es ihnen sehr schlecht geht, im Krankenhaus bleiben wollen (u. a. wegen der Möglichkeit der sofortigen fachlichen Hilfe). Wichtig und entscheidend ist es, daß wir unsere Sterbenden (ob daheim, im Krankenhaus oder im Altenheim) so begleiten, daß sie in dieser so schweren Zeit Zuwendung, menschliche zärtliche Nähe erfahren können.

Niemand, der mit dem Sterbenskranken zu tun hat, sollte sich der Verantwortung, Sterbende zu begleiten, entziehen. In der Regel aber ist es gut, wenn einer, dem der Sterbende sein volles Vertrauen schenkt, diesen Dienst in besonderer Weise leistet. Auf jeden Fall aber müßte es in Zukunft wesentlich mehr Kommunikation und Kooperation zwischen allen Betroffenen geben.

Daß den engeren Angehörigen hier auch im Krankenhaus mehr Beachtung und Hilfestellung zukommen sollte, sei hier als Bitte besonders an die Krankenhausverantwortlichen gerichtet (Besuchszeiten z. B. sind für einen geordneten Krankenhausbetrieb sicher notwendig, aber Angehörige von Sterbenskranken müssen auch darüber hinaus kommen dürfen. Auch sollte man sich ihrer annehmen, weil dies letztlich auch dem Patienten zugute kommt).

Kann man guten Sterbebeistand lernen? Es gibt dafür keine allgemeingültigen Rezepte. Natürlich gibt es heute viele Vorträge und Kurse zu diesem Thema und es ist wertvoll, diese zu besuchen.

Das Wichtigste aber ist die Bereitschaft, sich mit dem Sterbenden gemeinsam auf den Weg zu machen und sich dabei selbst betreffen zu lassen. So bringt die Begegnung mit einem Sterbenskranken unweigerlich die Konfrontation mit der Tatsache auch der eigenen Sterblichkeit und der Angst vor dem eigenen Tod. Zu schaffen werden also nicht nur die Tränen des Patienten, sondern auch die eigenen machen.

Für den Begleiter ist dies ein Hinweis, daß er kein Routinier ist, sondern selbst Mensch mit Gefühlen und Ängsten, der nun einfach da zu sein hat für das Du, ohne aber das eigene Ich zu verdrängen. Sterbendenbegleitung verlangt niemals Selbstaufgabe, sondern Hingabe. Es geht nicht um Betreuer und Betreuten, sondern um das gemeinsame Gehen eines harten Weges des Abschieds.

Wenn ich es mit einem persönlichen Zeugnis sagen darf: Als ich anfing, mich schwerkranken Menschen zuzuwenden, meinte ich, daß ich nun stets Gebender sein müsse. Sehr bald aber merkte ich, daß ich ebenso Beschenkter bin.

Es scheint, daß weit mehr Sterbenskranke zumindest ahnen, wie es um sie steht, als wir weithin zugeben. Das bewußte Anlügen des Kranken ist wohl ebenso fragwürdig wie die Information um jeden Preis. In nicht wenigen Fällen wäre es möglich, mit den Sterbenskranken über den Ernst ihrer Situation zu sprechen (der Hinweis, daß die Mediziner alles tun werden, um zu helfen, ist ja auf jeden Fall legitim), wenn Menschen da wären, die den Betroffenen dann umfassend begleiten.

So manche moribunde Patienten haben mir versichert, daß nicht so sehr der Ernst der Erkrankung, sondern das Gefühl der Verlassenheit und der Vereinsamung sie an den Rand der Verzweiflung treibe. In der Geborgenheit stehend kann der Mensch über sich hinauswachsen und sogar, wenn auch unter Tränen, den nahenden Tod bewußt wahrnehmen.

Nicht selten wird heute beklagt, daß viele Menschen nicht mehr feiern können. Die Kehrseite ist ebenso erfahrbar, daß viele von uns nicht trauern können: wir tun uns schwer, Gefühle zuzugeben und auszudrücken, miteinander über unsere Leid- und Angsterfahrung ins Gespräch zu kommen, wir schämen uns der Tränen und begnügen uns nicht selten in der Begegnung mit Leidenden mit einer oberflächlichen „Hinweg-Tröstung", ohne wirklich Leid zu teilen.

Sicher wurden und werden hier auch Fehler in der Seelsorge gemacht. Wir dürfen den Menschen nicht zurufen, daß sie keine Krise haben dürfen, sondern wir müssen sie so begleiten, daß sie die Krisen bewältigen und dabei auch reifen können.

In diesem Zusammenhang müssen wir uns wohl noch vieles einfallen lassen, um die Trauerpa-storal zu intensivieren, wobei Glaubwürdigkeit und Trost nur dort gegeben sein können, wo Verkündigung, Liturgie und Dia-konie als Einheit erfahren werden können.

Als Glaubende sind wir über Krankheit, Leid, Angst, Trauer und Tod nicht einfach erhaben. Tränen fließen beim Glaubenden in der Regel nicht anders als bei jenen, die sagen, mit dem Glauben nichts zu tun zu haben. Und doch sind wir als Glaubende in eine letzte Hoffnung und Geborgenheit hineinverwiesen, die uns als Geschenk von Gott her zugesagt ist.

So weiß der gläubige Begleiter und Begleitete, daß dort, wo menschliches Sorgen und Helfen an eine unüberwindliche Grenze stößt, Gottes Möglichkeiten und vor allem seine Liebe unbegrenzt sind. Der Karfreitag bleibt Karfreitag! (-mit all seiner Tragik!) Aber er ist nicht Ziel und Ende. Nach ihm kommt Ostern, nicht als Anspruch, sondern als Geschenk.

Das gibt uns die Kraft, uns sogar dem Tod zu stellen. Wie gut und heilsam wäre es doch, könnten wir uns in diesem Glauben gegenseitig noch mehr und ehrlicher stützen und gemeinsam aufblik-ken zu dem, der uns eigentliches und unbegrenztes Leben schenken möchte.

Alles Reden über den Tod, alle menschliche Begleitung Kranker, Leidender, Verzweifelter und Sterbender sollte ausgerichtet sein auf Leben hin, auf jenes Leben in Fülle, nach dem wir uns doch alle so sehr sehnen! Auf dem Weg dorthin müßten wir aber einander noch viel mehr helfen!

Der Autor ist Pastoraltheologe, ständiger Diakon und Leiter des Religionspädagogischen Instituts St. Pölten. Zu vorliegender Thematik sind vom Autor erschienen: „STERBEBEISTAND - Heilssorge um den ganzen Menschen" (2. Auflage 1984) und „DAS ZIEL VOR AUGEN - Sich selbst und andere auf das Sterben vorbereiten" (Beide bei Herder).

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