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Wir waren betroiren

Am frühen Abend des 21. Oktober 1931 erlag Arthur Schnitzler in seinem Wiener Heim, Wäh-ring, Sternwartestraße 71, einem Gehirnschlag. Im Burgtheater stand an jenem Abend ein Lustspiel auf dem Programm (,tDer ewige Jüngling",jmit,dem bejahrten Georg Reimers in der Titelrolle), und ich saß in der vierten Reihe, mitten unter der Hautevolee: ein „Kulissenschieber" (Bühnenarbeiter), mit dem ich bekannt war, hatte mir den’noblen Freiplatz verschafft.

In der großen Pause blieb ich sitzen, die meisten aus meiner Umgebung hatten den Saal verlassen, und knapp vor Wiederbeginn, als man zurückströmte, ge-

wahrte ich, daß einige Leute auffallend erregt waren. Man setzte sich, geradezu unschlüssig, noch im Stehen gab es erschrockenes Getuschel nach vorn und hinten (Stammplatzbesitzer, die einander kannten), das sich schließlich bis auf Hörweite zu mir fortpflanzte: „Schnitzler ist tot!"

So war das damals, ungefähr zweieinhalb Stunden nach dem traurigen Ereignis. Vielleicht hatte jemand die Direktion vom Ableben des Burgtheaterautors verständigt: Schon 1895, also 36 Jahre vorher, hatte die erste Schnitzler-Uraufführung auf dieser Bühne stattgefunden („Liebelei"), noch im Todesjahr die letzte, „Der Gang zum Weiher".

Anfang 1921, also ein Jahrzehnt vor seinem Tod, hatte sich in Wien der „Reigen"-Skandal ereignet, und es ist verständlich, daß er heuer, sechzig Jahre nachher, ausführlich dokumentiert, rekapituliert und interpretiert wurde. Die Tat einer randalierenden Gruppe, durchaus uneinheitlich zusammengesetzt, war tatsächlich in aller Munde, bis herunter in die fünfte Klasse der Mittelschule.

Wir hatten einen jüngeren Chemieprofessor, jovial und aufgeschlossen, der während des Unterrichts gern auf Tagesfragen zu sprechen kam, sich aber plötzlich ^zugeknöpft gab. Das komme davon, grollte er, wenn ein Lehrer modern sei; in der siebenten Klasse habe einer die Frechheit ge-

habt, ihn zu fragen, ob er schon beim „Reigen" gewesen sei. Der Mann war entrüstet, weil man ihm zugetraut hatte, sich „so etwas" anzuschauen.

Wenn man heute aus den publizistischen Reminiszenzen von jenem Uberfall auf die Kammerspiele (wo der „Reigen" aufgeführt wurde) erfährt und von dem nachfolgenden, politisch fundierten Gerangel zwischen Innenministerium und Stadtverwaltung, oder von dem Verbot der Volkstheaterinszenierung des „Professor Bernhardi" durch die Zensur im Jahr 1912, und daß dem neun-unddreißigj ährigen Autor im Juni 1901 vom Landwehroberkommando der Offiziersrang aberkannt worden war, als prompte Reaktion auf den Vorabdruck des „Leutnant Gustl" in der Weihnachtsnummer der „Neuen Freien Presse", - dann könnte jetzt der irrige Eindruck entstehen, Arthur Schnitzler sei ein verpönter Dichter gewesen. Das pure Gegenteil war der Fall: Schon der Umstand, daß das vornehmste und tonangebende Blatt der Monarchie für die Feiertagsausgabe (oft hunderte Seiten stark, was man sich gar nicht mehr vorstellen kann) um die Erstveröffentlichung der neuen Schnitzler-Novelle bemüht war, beweist, welche Prominenz dieser Dramatiker und Erzähler schon vor achtzig Jahren in der Reichshauptstadt erlangt hatte.

Zwar war er auch in der Mitte der zwanziger Jahre noch kein Thema im Deutschunterricht (so wenig wie Karl Kraus oder Rilke), aber „unter der Bank" mußte man ihn nicht verstecken, und selbstverständlich hatte ich als Maturant längst den Weg zu dem Roman „Der Weg ins Freie" gefunden.

Wie kam es zu jenen „Anständen"? Schnitzler war ja kein Polemiker und wollte nicht provozieren. Als der junge Karl Kraus 1896 mit dem Pamphlet „Die demolierte Literatur" auch seine Kameradschaft zu Schnitzler demolierte, sagte er ihm nach, er sei „zu gut-

mütig, um einem Problem nahe-treten zu können," denn Schnitzler diagnostizierte bloß, sine ira et studio formulierte er Wahrheiten. Es gab aber solche, die man zwar kannte, jedoch nicht aussprach: Zustände, Umstände und sogar Krankheiten, die es gab und die trotzdem nicht öffentlich eingestanden wurden.

Dem gelernten Arzt und Sohn eines Arztes wurde als Dichter vorgeworfen, daß er nicht dichte, daß er aus der Schule gesell-sthaftlicher Diskretion plauderte, Geheimnisse der Scheinmoral lüftete, medizinisch sachlich qua-sigegen die ärztliche Pflicht strikter Verschwiegenheit verstieß.

Schnitzler klagte nicht an, er schilderte. Mit psychologischer Genauigkeit ohnegleichen gab ein Wort das andere auf den Brettern, welche bei ihm die gegenwärtige Welt bedeuten, sodaß der große Psychologe Sigmund Freud fasziniert war. Teile des Publikums aber, die sich als Probanden einer literarischen Ordination erkannten, fühlten sich derart betroffen, daß sie ihrer Betroffenheit mit angstvollem Zorn Ausdruck geben mußten.

Sie blieben stets eine lautstarke Minorität, machtvoll und trotzdem ohnmächtig: Schnitzler-Uraufführungen auf dem Theater waren in der Regel ein mitteleuropäisches Ereignis. 1911 hatte „Das weite Land" am selben Abend in acht Städten des deutschen Sprachgebietes Uraufführung, im Jahr darauf gab es zum fünfzigsten Geburtstag des Dichters 26 Schnitzler-Inszenierungen auf deutschsprachigen Bühnen, zwischen 1914 und 1958 wurde „Liebelei" fünf Mal verfilmt, beispielsweise.

Auch dfer „Reigen"-Skandal in Wien und der Strafprozeß in Berlin (er endete mit Freispruch) konnten dem Ansehen Arthur Schnitzlers nichts anhaben. Schon 1923 machte ihn die Akademie der bildenden Künste Wien zum Ehrenmitglied, wählte ihn der österreichische PEN-Club zum Ehrenpräsidenten.

Es gab auch weiterhin Jahr für Jahr, ausnahmslos, mindestens zwei (manchmal vier) Neuinszenierungen in Wien, insgesamt zwölf allein innerhalb des Zeitraumes von 1929 bis 1932. Erst die Machtergreifung Hitlers in Deutschland hemmte als Fernwirkung auch bei uns die weitere Rezeption Arthur Schnitzlers. In dem Jahrfünft 1933 bis 1937 gab es nur mehr drei Neuinszenierungen. Dafür bekam man nun in den sehr frequentierten Wiener Ramschbuchläden auf einmal verlagsneu radikal verbilligte Schnitzler-Ausgaben…

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