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Wir wollen keine strahlende Zukunft

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Noch kennt keiner das Ausmaß der Atomkatastrophe, schon redet die Atomlobby vom Ostblockversagen. Die westliche Atomszene aber zeigt: Unfälle am laufenden Band.

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Noch kennt keiner das Ausmaß der Atomkatastrophe, schon redet die Atomlobby vom Ostblockversagen. Die westliche Atomszene aber zeigt: Unfälle am laufenden Band.

So findet man beispielsweise in der englischen Wochenzeitschrift „Economist“ folgenden Kommentar: Der technische Stand und die Sicherheitsvorkehrungen im Ostblock seien eben weit schlechter. Und außerdem: Ein totalitäres System sei nicht lernfähig, könne bedenkenlos die Interessen der Bevölkerung vernachlässigen. Der „Economist“ fragt sich, ob „Kernkraft in der Handhabung für eine auf Geheimhaltung abgestützte Diktatur nicht zu gefährlich sei“.

Da sei der Westen schon aus ganz anderem Holz geschnitzt. Hier könne man Unfälle zwar nicht ganz ausschließen, sehr wohl aber Katastrophen vermeiden. Jedenfalls müßten wir nun einmal mit der Kernkraft leben. Immerhin gibt es 370 Reaktoren.

Gehen uns Österreicher aber Meinungsäußerungen zum Thema Kernkraft im Ausland etwas an? Selbstverständlich, wie das Beispiel Tschernobyl gezeigt hat. Wir sind ja von den Auswirkungen betroffen — und zwar auf Jahrzehnte hinaus, trotz allem, was uns die Experten versichert hatten. Es geschah eben Ärgeres, als die Fachleute für möglich gehalten hatten.

Und weil wir im Katastrophenfall von dem betroffen sind, was in anderen Ländern getan wird, müssen wir auch die Stimme erheben, wenn im Ausland bedrohliche Entscheidungen getroffen werden, wie etwa jetzt in Bayern. Dort wird seit heuer an der Errichtung einer Wiederaufbereitungsanlage gearbeitet. Wackersdorf heißt der Tatort. Er liegt 180 Kilometer von Österreichs Grenze entfernt — in Windrichtung.

Die Salzburger Landesregierung hatte mit Schreiben vom 26. Februar 1986 ihre Besorgnis über diese Entscheidung zum Ausdruck gebracht. Zurecht, wie sich seit Tschernobyl zeigt.

Aber welche Abfuhr holte sie sich da beim bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß! Sie sei mangelhaft informiert, hält ihr der durchsetzungsfreudige Politiker aus dem Nachbarland in einer Antwort vom 21. März entgegen: „Es kann doch nicht angehen, daß völkerrechtliche Einwendungen von unzuständiger Stelle mit unzutreffenden Argumenten gegen eine ungef ährliche Anlage in 180 Kilometer Entfernung erhoben werden.“

Eine „äußerst undifferenzierte und laienhafte Auflistung längst wiederlegter Vorwürfe“ sei das Gutachten, das die Salzburger Landesregierung motiviert habe. Der bayerischen Regierung dränge sich „die Vermutung auf, daß hier Regie geführt und die sach-und problemunkundige Salzburger Landesregierung sich für die politische Kampagne der SPD (habe) einspannen lassen.“ Und weiter: Kernkraft sei „aus der Sicht des Umweltschutzes besonders günstig zu bewerten und stelle einen unverzichtbaren Beitrag zur Luftreinhaltung“ dar. Das ist die typische Sprache der von keinerlei Selbstkritik angekränkelten Atomlobby.

Wie „ungefährlich“ Wiederaufbereitungsanlagen sind, zeigt ein Blick auf ihre Geschichte: West Valley in den USA mußte nach einer Reihe von radioaktiven Austritten 1976 aufgegeben werden. Viele Beschäftigte hatten hohe Dosen von Strahlenbelastung abbekommen. In Karlsruhe (BRD) mußte das Werk 1980 nach dem Austritt von verseuchter Salpetersäure stillgelegt werden. Die Reparatur gestaltete sich wegen der Strahlung sehr schwierig. La Hague in Frankreich ist bekannt wegen seiner wiederkehrenden Abgaben von Radioaktivität ins Meer. Es gab dort Brände und Unfälle mit Personenschäden.

Besonders deutlich werden die Gefahren aber am Beispiel der Anlage in Sellafield, Großbritannien. In ihrer Umgebung mußte der Meeresstrand gesperrt werden, häufen sich die Krebsfälle bei der Bevölkerung. Denn in diesem Werk wird seit den fünfziger Jahren aus Brennstäben Plutonium ausgeschieden.

Die Probleme in Sellafield sind so offenkundig, daß ein vom englischen Unterhaus kürzlich eingesetzter Untersuchungsausschuß einstimmig zu dem Ergebnis kam, daß die Fortsetzung der Wiederaufbereitung neu zu rechtfertigen sei. Gelinge das aber nicht, solle die neue große Anlage, die gegenwärtig für 50 Milliarden Schilling gebaut wird, aufgegeben werden und nicht wie vorgesehen 1991 in Betrieb gehen.

,4Sellafield ist die größte Quelle von radioaktiven Ausscheidungen in der Welt... das schmutzige Ende der Industrie in der nuklearen Welt“, heißt es im Kommissionsbericht.

Und ein ähnliches Prachtexemplar will uns Franz Josef Strauß in die Nähe der Grenze stellen! Machen wir uns nichts vor. Wie jede technische Einrichtung ist auch jede Anlage der Atomtechnik unfallgefährdet, nicht nur im Ostblock, sondern auch im Westen. Und die Folgen sind auf Jahrzehnte hinaus verheerend!

Eine Liste der Unfälle 1986 gefällig? Gore (USA): 14,8 Tonnen radioaktives Hexaf luorid werden in die Umgebung freigesetzt. Ein Menschenopfer ist zu beklagen, 80 Menschen müssen in Spitalsbehandlung.

In Henderson (USA) muß nach einem Unfall das Gelände gesperrt werden. In Sellafield werden 0,5 Tonnen radioaktiver Abfall ins Meer geleitet (irrtümlich). In Susquehanna (USA) fließen 12.000 Liter radioaktives Wasser aus. In Sellafield entweicht eine Wolke mit Plutonium (70 Arbeiter sind „nicht“ ernsthaft verletzt) und eine Woche danach brennt eine Atommülldeponie. In Traws-fyndd (GB) entweichen 15 Tonnen radioaktiven Gases, in Fessenheim (Frankreich) rinnt durch ein versehentlich geöffnetes Ventil radioaktives Wasser aus, usw...

Kleine Fische, mag sich mancher denken. Der Fortschritt hat eben seinen Preis. Was ist das schon, ein bißchen verstrahlt zu sein.

Leider haben wir Menschen kein Sinnesorgan, das uns vor radioaktiver Strahlung warnen würde. Daher neigen wir zum Leichtsinn. Was aber wirklich geschieht, merkt man oft erst nach Jahrzehnten. Das mußten die Bewohner einiger Dörfer im US-Bundesstaat Utah leidvoll erfahren. Sie lebten rund 250 Kilometer vom Atombombentestgelände der USA entfernt. Und lange Zeit hindurch zeigten sich keinerlei Folgen. Erst nach etwa 30 Jahren nahm die Krebssterblichkeit drastisch zu. Und welche Erbschädigung durch die Verstrahlung eingetreten ist, wird sich erst in Jahren herausstellen.

Das alles war vorhersehbar, wurde aber immer wieder von den Atombefürwortern geleugnet. Und dabei hatte Rüssel Peterson, Kommissionsmitglied der Untersuchung des Unfalls in Three Müe Island folgendes im Abschlußbericht festgehalten: „Die Komplexität einer nuklearen Anlage gepaart mit dem normalen Versagen des Menschen... wird eines Tages irgendwo zu einem weit schwereren Unfall führen.“

Tschernobyl war die Bestätigung für diese Aussage. Und wir Österreicher sollten die Lehre aus diesen Katastrophen ziehen: Zwentendorf endlich abwracken und vehement gegen die Errichtung von Atomanlagen in unserer Nachbarschaft protestieren.

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