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WIRD DIE ERDE EINES TAGES VERGLÜHEN?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Frage ist alt: Sind die Welterklärungen von Naturwissenschaft und Religion miteinander vereinbar? Und eine andere Frage wird immer brisanter: Wieviel von dem, was die moderne Wissenschaft möglich macht, ist religiösethisch noch vertretbar? Redaktionelle Gestaltung: Heiner Boberski

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Die Frage ist alt: Sind die Welterklärungen von Naturwissenschaft und Religion miteinander vereinbar? Und eine andere Frage wird immer brisanter: Wieviel von dem, was die moderne Wissenschaft möglich macht, ist religiösethisch noch vertretbar? Redaktionelle Gestaltung: Heiner Boberski

Ich sitze im Religionsunterricht mit Maturanten und schlage den Schülern vor, sich auf ein Rollenspiel einzulassen. Ich spiele den Vorstandsvorsitzenden eines großen internationalen Konzemes, der das Know-how hat, extrem kleine Menschen herzustellen, die besser in Weltraumkapseln passen und damit für die militärische Ansiedelung von Menschen im Weltraum besser geeignet sind. Die Schüler sollen die Argumente, die ich als Spieler dieser Konzernchefrolle vertrete, theologisch in Frage stellen und entsprechend abwehren.

Es entwickelt sich in den vorbereitenden Arbeitsgruppen bereits eine lebhafte Diskussion. Das Rollenspiel gibt dann einen lebhaften Einblick in die Denkvorstellungen von Maturanten: Sie halten es für eine Frage der Glaubwürdigkeit' des christlichen Weges, ob dieser in der Lage ist, die Zusammenhänge zwischen dem Glauben an Gott den Schöpfer und den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung zu erhellen.

In einer großen, als repräsentativ einzuschätzenden Untersuchung unter Berufsschuljugendlichen wurde eingefordert, die Kirche soll doch endlich eine Antwort darauf geben, wie es sich mit der Schöpfung und der Evolution verhält. Woher komme ich, woher kommt die Welt, was wird aus dieser Erde in einigen Millionen Jahren, wird die Erde eines Tages verglühen oder erdrückt? Eine kompetente Interpretation von seiten der Kirche zu bekommen, wurde von signifikant vielen Jugendlichen erwartet.

□ Die ethische Orientierungslosigkeit im Blick auf anstehende, bereits mögliche oder in naher Zukunft mögliche Eingriffe machen Schülern einerseits Angst, zum anderen sehen sie mit großen Augen aufkommende Entwicklungen, etwa der gentechnologischen Bekämpfung von Krebs und so weiter.

□ Antworten der Kirche werden bisweilen als abgehoben und wenig begründet eingestuft. Wenn man allerdings die dahinterliegenden Werturteile und Besorgnisse entsprechend einbringt, dann werden die meisten Schüler gegenüber In-Vitro-Fertili-sation oder den bereits sich abzeichnenden Versuchen, Embryonen in einer künstlichen Gebärmutter zu züchten, sehr skeptisch. Allerdings ist wichtig, lebensnah die Jugendlichen in ihrem ganzheitlichen personalen Denken anzusprechen.

□ Jugendliche reagieren inzwischen immer skeptischer auf positivistische Setzungen, in dem Sinne, daß nur das Realität sei, was man messen, zählen, riechen, darstellen kann. Sie sind leicht für eine Dimension der Wirklichkeit zu gewinnen, die wir heute mit unse ren jetzigen Möglichkeiten noch nicht entdecken können, so wie es vor zweihundert Jahren noch nicht einmal im Ansatz denkbar war, eines Tages Atomkerne nachweisen zu können.

□ Die Frage, ab wann in der Evolution sich die Grenze von der Tierwelt zu Menschen wie festmachen läßt, ist für viele Jugendliche eine auch für ihre Persönlichkeitsentwicklung und ihre Identität wichtige Dimension. □ In den Diskussionen werden intensiver ethische Bedenken dann geäußert, wenn die dahinterstehende Problematik personalisiert wird, die Jugendlichen sich konkret identifizieren, etwa „möchtest du einer von jenen Menschen sein, die von einer Leihmutter ausgetragen werden, möchtest du anonym in einer künstlichen Gebärmutter ernährt und gezüchtet worden sein?" Die Konkretisierungen erbringen eine entsprechend existentielle Relevanz auf das eigene Leben.

In den Jahren meiner Tätigkeit an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg habe ich mit dem Salzburger Biochemiker Hans Bernhard Strack regelmäßig Dialogseminare zum Bereich „Glaube und Naturwissenschaft" durchgeführt. Das Interesse der Studierenden war intensiv. Die einen versuchten den Naturwissenschaftler „zu bekehren", andere haben im Prozeß des Seminars gemerkt, daß das, was naturwissenschaftlich stimmig ist, von Gott selbst in seine Schöpfung hineingestiftet wurde, die Vernunft der Naturwissenschaftler also lediglich der Entschlüsselung der von Gott in die Schöpfung hineingelegten Geheimnis- * se dient und es von daher gesehen keinen Graben zwischen Glaube und Naturwissenschaft geben kann.

Für die ganzheitliche Verkündigung ist im europäischen Raum die kompetente Dialogebene von Theologen zu Naturwissenschaftlern hin unerläßlich. Schon Siebenjährige fragen, woher die Menschen kommen, oder warum es Gott zuläßt, daß Kinder behindert auf die Welt kommen. Dies läßt sich ohne naturwissenschaftliche Grundkenntnisse schlichtweg nicht beantworten.

Im Blick auf die sich zuspitzenden Möglichkeiten naturwissenschaftlich orientierter Eingriffe in Lebensvollzüge und in die Lebensgrundlagen, ist eine intensive Auseinandersetzung der Theologie mit den Naturwissenschaften schöpfungstheologisch nötig. Verkünderinnen sollten sich kompetente Gesprächspartnerinnen in einer dieser Wissenschaften suchen, mit ihnen jahrelang gemeinsam überlegen, um damit auch aus der Eindi-mensionalitättheologischerGesichts-punkte heraus zu kommen.

Eine Reihe von theologisch-ethischen Lehrstühlen hat sich auf diesen Dialog bereits spezialisiert, so etwa die Lehrstuhlinhaber Günter Virt in Wien, Dietmar Mieth und Gerfried Hunold in Tübingen oder Johann Reiter in Mainz und andere. Diese Forschungsschwerpunkte sind für die glaubwürdige Verkündigung der großen Heilszusagen in eine von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen immer mehr durchsäuerten Welt wie „Goldstücke". Auch wenn es dabei zu Diskussionen und kritischen Anfragen zu lehramtlichen Äußerungen kommt, ist diese Diskussion wünschenswert. Die naturwissenschaftlichen Entwicklungen gehen in bedeutend rasanterem Tempo weiter als die lehramtlichen Überlegungen überhaupt hinterher kommen können.

Für mich persönlich waren diese J.ahre des Gespräches mit Hans Bernhard Strack in Salzburg wichtige Lehrjahre, sie haben mir die Angst vor den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer Dominanz genommen. Kompetente Naturwissenschaftler weisen immer auf die Grenzen des eigenen Ansatzes hin, so daß es immer wieder zu einer breiten Basis von Verständigungsebenen kam, die ich nicht missen möchte. Für die Verkündigung in den Gemeinden sollten diese Themen sowohl in der Jugendarbeit als auch in der Erwachsenenbildung offensiv präsent sein. Immerhin soll das anbrechende Reich Gottes auch in die naturwissenschaftlich orientierte Welt hin angesagt werden.

Der Autor war neun Jahre Vorstand des Institutes für Katechetik und Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät in Salzburg und ist jetzt Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen. Er macht laufend Unterrichtsversuche an Gymnasien. Die Dialogebenen mit H. B. Strack erscheinen 1993 in München als Buch mit dem Titel „Glaube und naturwissenschaftliches Weltbild. Ein kleiner naturwissenschaftlicher Katechismus zu der Herausforderung religiöser Bildung".

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