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Wird die Forschung politisch gesteuert?

Wer nennt das Ziel, wer kennt den Weg, den Wissenschaft zu gehen hat? Nietzsche läßt Zarathustra sagen: „Siehe ich bin der Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zuviel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.“

Habe ich damit Rolle, Aufgabe, Funktion von Wissenschaft überhaupt oder vielleicht nur ihren gegenwärtigen Trend und Stand genannt? Auf diese Weise ist die Frage nach dem „Externalismus“ und nach dem „Internalismus“ gestellt. Der „Externalismus“ tritt für die Legitimität der sozialrelevanten, bedürfnisorientierten, gesellschaftlichen, politisch-strategischen Steuerung der Wissenschaft ein; der „Internalismus“ lehnt diese These, diese Entwicklung ab. Uber diese beiden Auffassungen gibt es bereits eine heftige wissenschaftliche und politische Kontroverse.

Nach Kuhn wird die Wissenschaftsgeschichte in einem Drei-

Phasen-Modell zu verstehen versucht: die explorative, die paradigmatische und die postparadigmati-sche Phase. Die einzelnen Wissenschaften befinden sich nicht je gleichzeitig und gleichlaufend im selben Stadium. Geographische, soziale, ökonomische, kulturelle, politische, religiöse und weltanschauliche Einflüsse, Determinanten, Verschiedenheiten wirken fördernd oder hemmend, auf jeden Fall steuernd auf die Entwicklung der Wissenschaften.

Wir befinden uns möglicherweise in einzelnen Disziplinen bereits in der postparadigmatischen Phase, das hieße, daß die Theoriebildung weitgehend abgeschlossen ist, daß es nun primär um die Auswertung, die Anwendung der Wissenschaft geht. Auf Grund einer theoretischen Reife wären Wissenschaft und Forschung offen für eine weitere Entwicklung und eine Steuerung nach externen Zielen und Zwecken. Diese externe Orientierung der Wissenschaft, dieser Leitfaden externer Zwecke wird als „Fi-nalisierung“ bezeichnet.

Hier stellt sich die berechtigte Frage, ob die Steuerung, Anwendung, Finalisierung einer Wissenschaft erst oder vor allem dann möglich ist, wenn ein hohes Maß theoretischer Reife erreicht ist; die Frage, wer beurteilen kann oder will, in welcher Phase sich die jeweilige Disziplin befindet, ob bereits ein genügendes Maß theoretischer Reife erreicht ist, wie es um die Entwicklung der einschlägigen Wissenschaften in Zukunft bestellt ist.

Voreilige Publikationen und Anwendungen von noch zu wenig gesicherten Theorien und Ergebnissen können und sollen zwar vielleicht Ansehen verschaffen, vermögen aber auch Schaden zu stiften. Natürlich ist kein Wissen je vollkommen abgeschlossen.

Wir sind auf dem Wege externer Mobilisierung der Wissenschaft zur Lösung sozialer, ökonomischer, technischer, politischer Probleme. Damit verschwimmen auch - zumindest zum Teil - die Grenzen zwischen angewandter Forschung und Grundlagenforschung. In diesem Zusammenhang wurde bezeichnenderweise bereits der Begriff der „orientierten Grundlagenforschung“ geprägt. Nicht wenige Bereiche der Medizin scheinen mir unter die so verstandene funktionalisierte Forschung zu fallen.

Methoden und Ergebnisse neuzeitlicher Technik und Naturwissenschaft ermöglichen eine immer weiterreichende gesellschaftliche und politische Steuerung, Finanzierung, auch Manipulierung. Dieser operative und prognostische Erkenntnisbegriff liegt in neuzeitlicher Naturerkenntnis begründet. Wir wollten doch schon längst die Natur erkennen, um sie zu beherrschen, den Menschen erkennen, um ihn zu beherrschen.

Es legt sich daher die Überlegung nahe - und daraus wären die wissenschaftspolitischen und strategischen Konsequenzen zu ziehen -, daß sich die Wissenschaftsentwicklung und Wissenschaftsdynamik im Ubergang zur postparadigmatischen Phase vielleicht mit dem Übergang zur postindustriellen Gesellschaft synchronisiert; daß die Finalisierung de facto im Steigen begriffen, daß die Wissenschaftsautonomie genau deshalb im Sinken begriffen ist.

Mir scheint, daß die Phase der Autonomie langsam, aber sicher, in der nächsten Zeit zumindest teilweise von einer Phase der Heteronomie abgelöst wird.

Mir scheint eine interessante und zugleich merkwürdig doppelte dialektische Kraft gegenwärtig am Werke zu sein: einerseits die Macht und die Konsequenz des Empirischen, positiv Gegebenen, Faktischen, Rationalen, Technischen und deren Methoden, die in die Finalisierung, Praxis, Gesellschaft, Politisierung drängen und treiben.

Und anderseits deren Kritiker und Gegner, die Anwälte der Alternativen, des anderen, gleichsam volleren, wirklicheren Lebens, der integralen Realität, der Grenze des Wissens, der Vernunft, der besseren Praxisbezogenheit, der Praktikabilität und so wiederum der Humanität; eben weg von den Mechanismen, Technizis-men, Positivismen, Rationalismen.

Die Analyse einer politisch gesteuerten Wissenschaftsentwicklung könnte einschlägige Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren gerade am Beispiel China und Rußland gut aufzeigen. Dort gilt die Praxis als Wahrheitskriterium. Eine der theoretischen und faktischen Konsequenzen daraus ergibt' einseitige Ein- und Ubergriffe auf Wissenschaft, Forschung, Universität.

In verschiedenen westlichen Ländern geht ein Trend dahin, die Verwertbarkeit, Nützlichkeit, Anwendungsmöglichkeit, Ubersetzbarkeit, Funktionalisierung und Finalisierung gleichsam als neues Wahrheitskriterium der Wissenschaft zu kreieren. Die Verifikation oder Falsifikation würde solcherart zunehmend auf die Gesellschaft, auf die Politik übergehen.

Für den Marxismus liegt, zumindest in der Theorie, die letzte treibende und entscheidende Kraft jeder Entwicklung und Veränderung der Geschichte und Gesellschaft in den Produktivkräften und Produktions-

„Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, von Technik und Kunst...“

Verhältnissen. Gerade dieser Marxismus aber legt auf Philosophie, auf Gesellschaftswissenschaften und die entsprechende Strategie einen besonderen Wert. Mit dem Satz Lenins „Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis“ wird der Status des Theoretikers, des Intellektuellen, des Philosophen, des Geisteswissenschafters aufgewertet.

Ein ausgewogenes Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, von Technik und Kunst, von Realem und Idealem scheint gerade gegenwärtig von besonderer Bedeutung zum Verständnis, zur Interpretation, zum Wohlbefinden, zum Fortschritt des Menschen zu sein. Die Geisteswissenschaften dürfen dabei weder ideell noch finanziell noch strategisch unter die Räder der Naturwissenschaft und Technik gelangen. Bekannt ist das Nahverhältnis und die Wechselwirkung von Politik und Ökonomie, für manche Gruppen und Politiker jedoch noch kaum jenes von Politik zur Philosophie und anderen Gesellschaftswissenschaften.

(Aus der Rede des Rektors der Universität Graz während der Informationswoche der österreichischen Hochschulen)

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