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Wo die Dichter zu Führern werden müssen

FURCHE: Bekanntlich war die Ukraine im Laufe von mehreren Jahrhunderten praktisch eine russische Kolonie, und was die schöne Literatur betrifft, so wurden im Ausland die ukrainischen Schriftsteller (übrigens nicht nur die ukrainischen, sondern auch jene aus anderen früheren russischen Kolonien) die „russischen" und in letzten 70 Jahren auch die „sowjetischen " bezeichnet. Welche ukrainischen Schriftsteller sind nun über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden?

MICHAJLO SLABOSCHPIZKY: Wer in der Welt von der ukrainischen Literatur eine Vorstellung hat, kennt die Namen unserer großen Dichter wie Taras Schewtschenko, Iwan Franko, Lessja Ukrainka, - diese Propheten des Nationalgeistes und Lehrer der Nation. Erwähnenswert ist übrigens eine Gesetzmäßigkeit in den Lebensläufen der meisten ukrainischen Schriftsteller. Da wir eine lange Periode in unserer Geschichte eine staatenlose Nation waren, war eine literarische Tätigkeit für einen ukrainischen Schriftsteller „Luxus": ein Schriftsteller war er erst in letzter Linie, da er vorwiegend Politiker oder eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sein mußte - ein Lehrer im weitesten Sinne dieses Wortes, ein Träger der Mutterkultur (ein Folklorist, Ethnograph, Volkslehrer), die vom Aussterben bedroht war.

FURCHE: Und trotzdem existiert heute eine pulsierende ukrainische (klassische und moderne) Literatur, und mehrere Werke wurden - besonders in den letzten Jahrzehnten-auch ins Deutsche übersetzt: Die meisten von diesen Übersetzungen erschienen natürlich in der ehemaligenDDR, waren aber dann im ganzen deutschsprachigen Raum zu bekommen. Ich habe da eine Liste von ukrainischen Büchern, die ins Deutsche übersetzt sind, und diese Liste enthält mehr als 90 Titel. Neben unseren Klassikern T. Schewtschenko,I. Franko,L. Ukrainka, W. Stefanik, S. Sklarenko, M. Kozubinsky stehen hier die Namen von modernen Schriftstellern, wie zum Beispiel M. Stelmach, 0. Hont schar, W. Sobko, I. Sbanazky, W. Drosd, G. Tjutjunnik, W. Nestaiko und mehreren anderen.

SLABOSCHPIZKY: Wenn wirdie zweite Namensreihe betrachten - ich meine die der gegenwärtigen Schriftsteller -, so ist zu bemerken, daß die

Auswahl der Bücher für die Übersetzungen zumeist politisch motiviert war: Die Autoren besaßen oft eine hohe Stellung in der Gesellschaft oder in dem von der kommunistischen Partei kontrollierten Schriftstellerverband. Wenn wir jetzt vom künstlerischen Wert sprechen, so dürfen heute diese Bücher unsere Literatur nicht repräsentieren.

FURCHE: Was hat dann unserer Literatur die Perestrojka gebracht?

SLABOSCHPIZKY: Das, was man als Perestrojka bezeichnet, gab unserer Literatur in erster Linie die Namen und die Werke von jenen Autoren zurück, die in der Zeit „des Aufbaus des Sozialismus und des Kommunismus" unter Repression zu leiden hatten und der politischen Emigranten. Damit wurden die großen leeren Räume in der Literaturstruktur aufgefüllt. Vor allem sind hier die Kulturschaffenden der sogenannten „erschossenen ukrainischen Renaissance" der zwanziger und dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts zu erwähnen. Heute ist unsere Literatur ohne Namen wie M. Chwylowy, Je. Pluzh-nik, T. Osmatschka, W. Pidmogilny und anderen, deren Werke die meisten unserer Leser erst in den letzten drei, vier Jahren bekommen konnten, einfach unvorstellbar.

Die Perestrojka hat bis heute für unsere Volkswirtschaft nichts Reales, nichts Wirksames gebracht. Sie hat den Lebensstandard in der Ukraine nicht erhöht, sondern erniedrigt. Aber gerade mit der Perestrojka hat im Kulturbereich - und das darf man sagen, ohne zu übertreiben - ein Prozeß des nationalen Wiedererstehens begonnen. Es stellte sich plötzlich heraus, daß es in der westlichen Diaspora, wo zur Zeit zirka sechs Millionen Ukrainer wohnen, nicht bloß einzelne talentvolle Schriftsteller gab -dort wurde eine große Literatur geschaffen!

Namen wie Wassil Barka, Ulass Samtschuk, Jewgen Malanjuk, Iwan Bagrjany, Olga Olzhytsch, Olena Teliga, Oxana Laturinska und andere wären zweifellos Schmuck für jede Nationalliteratur. Und diese Literatur gehört zu unserer einheitlichen Kultur, die im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten durch Grenzen und Entfernungen entzweit, aber durch die Muttersprache unzerreißbar verbunden war. Der Einfluß dieser Diaspora-Literatur auf die „kontinentale" Literatur beginnt erst jetzt.

FURCHE: Die Werke aus der Diaspora-Literatur sind jetzt auf unserem Büchermarkt tatsächlich am häufigsten anzutreffen. Warum aber veröffentlichen unsere bekannten „kontinentalen " Schriftsteller jetzt nichts oder nichts Neues?

SLABOSCHPIZKY: Viele Prominente haben in den letzten Jahren nichts qualitativ Neues geschrieben. Sie haben ihren Verzicht auf die Po-stulate. des „sozialistischen Realismus" deklariert, sind aber nicht imstande diesen „Sozrealismus" in ihrer Seele, in ihrem Kopf loszuwerden. Bekanntlich kann man alles verändern, am schwersten ist es aber die eigenen Gedanken und Gewohnheiten zu verändern. Es ist sehr schwer, die Einseitigkeit und den Schematismus dieses „Sozrealismus" zu überwinden. Das ist fast unüberwindbar-wie der genetische Code eines Menschen.

FURCHE: Mit dem Beginn der Perestrojka, als die Zensur abgeschafft wurde, wurde es bei uns möglich, praktisch alles zu veröffentlichen. Leider habe ich den Eindruck, als ob unsere Schriftsteller kaum Romane in der Schreibtischlade haben.

SLABOSCHPIZKY: Früher habe auch ich Kollegen Vorwürfe deswegen gemacht, daß sie keine unveröffentlichten Werke übrig haben. Tatsache ist aber, daß diese Werke nicht sofort zu unseren Lesern gekommen sind, weil die Perestrojka in der Ukraine (verglichen mit Rußland) sich wenigstens um zwei Jahre verspätet hat. Die Erzählungen „Die Kirschennäch-te" und „Die tote Zeit" von Boris Chartschuk, „Das Gleichnis über das Brot" von Anatolij Dimarow, und einige Werke von Walerij Schewt-schuk sind erst später erschienen.

Die ersten zwei Autoren schreiben von den komplizierten und tragischen Ereignissen in der ukrainischen Geschichte. Chartschuk erzählt teilnahmsvoll über den Kampf der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) gegen das kommunistische Regime in der Westukraine nach dem Zweiten Weltkrieg. Dimarow stellt die schrecklichen Bilder des Hungers 1933 dar, der in der Ukraine vom Stalin-Regime künstlich organisiert wurde. Selbstverständlich konnte früher kein solches Buch erscheinen, da die sowjetische Geschichtsschreibung behauptete, daß es in der Ukraine keinen Hunger gab - das alles wären bloß böswillige Lügen von „unseren Klassenfeinden".

Walerij Schewtschuk schrieb und schreibt Prosa über die mittelalterliche Ukraine. Das wurde von den Kommunisten auch nicht gutgeheißen, da die offizielle Meinung lautete, daß es bis 1654, als Rußland sich die Ukraine einverleibte (offiziell hieß es „die Wiedervereinigung der Ukraine mit Rußland"!), die Ukraine überhaupt nicht gab. Es hätte nur eine unorganisierte Bevölkerung gegeben, die Tag und Nacht davon geträumt hatte, sich mit „dem älteren Bruder" (also dem russischen Volk) zu „vereinigen". Kurz gesagt, eine strenge Zensur regierte in der Literatur, verboten waren nicht nur die Themen der nahen und der fernen Geschichte, als „nicht unsere" verboten waren auch gewisse Stilschulen. Vielleicht ist dadurch auch ein formalstilistischer Konservatismus in der ukrainischen Prosa, ihre „Normalität" im Fabelschaffen und in der Stilistik zu erklären.

FURCHE: Zur Zeit gibt es aber auch schon eine ziemlich andere Literatur - die Literatur der jungen Generation.

SLABOSCHPIZKY: Das stimmt, wir haben wirklich eine neue, sehr interessante Literatur der jungen Generation, die sich entschieden von ihren Vorgängern distanziert. In der Prosa ist es der Hyperrealismus von Jewgen Paschkowsky, die makabren Geschichten von Bogdan Zholdak, die satirisch-parodistische Erzählungen „Die Rekreationen" von Jury Andru-cho witsch, die Epatage werke von Jury Winnitschuk.

FURCHE: Und doch geht die Lyrik immer noch voraus...

SLABOSCHPIZKY: Ja, es war bei uns immer so: die Lyrik lag, sozusagen, an der Spitze in der Literatur, auf allen ihren Entwicklungsstufen. Schon die Anwesenheit einer weltbekannten Persönlichkeit wie Lina Kostenkö ist von großer Bedeutung für die nationale Literatur. Dazu kommen eine Reihe von interessanten Lyrikern wie

L. Talalaj, B. Netscherda, P. Skunz, M. Worobjow, I. Rimaruck, I. Malko-witsch, W. Herassimjuk. O. Pachlows-ka und O. Sabuzhko. Diese Lyriker prägen heute die Gestalt unserer Dichtung. In den letzten Jahren sind mehrere neue Schulen entstanden: die sogenannte „Kiewer Lyrikerschule", die „Babubisten" (Burleske, Posse, Buf-fonade), die „Hermetisten" und andere. Kurz gesagt fühlt man heute in der Poesie einen Zufluß von neuen Persönlichkeiten. Leider kann man das von der Dramaturgie, Kinderliteratur oder Literaturkritik nicht sagen.

FURCHE: Und die ältere Generation? Ruht sie sich auf ihren Lorbeeren aus?

SLABOSCHPIZKY: Eine bekannte Persönlichkeit hat einmal gesagt: „Falls ein Volk keine richtigen Führer hat, so werden seine Dichter zu Führern." So geschah es auch in der Ukraine, wo in der Perestrojka-Zeit unter der „Partokratie" (Herrschaft der Parteifunktionäre) und den Vertretern des administrativen Kommandosystems keine richtigen Nationalführer gefunden wurden. Deswegen gingen unsere Dichter „massenweise" zur großen Politik.

Ich erwähne nur, daß im ukrainischen Parlament die führenden Positionen im demokratischen Block unsere bekannten Dichter Iwan Dratsch, Dmitro Pawlitschko, Pawlo Mowt-schan, Roman Lubkiwsky (jetzt schon der ukrainische Botschafter in Prag), Stepan Puschik, Petro Ossadtschuk einnahmen. Heute fühlen sie sich schon so sicher als Parlamentarier, daß sie von der Literatur bereits so weit weg sind, daß es kaum zu erwarten ist, daß sie zur Dichtkunst zurückkehren.

FURCHE: Meine letzte Frage: welche ukrainische Bücher erscheinen heutzutage?

SLABOSCHPIZKY: Wenn ich in eine Buchhandlung komme, dann habe ich manchmal den Eindruck, als ob der Literaturprozeß bei uns erstarb. Es erscheint fast keine Belletristik, denn es gibt kein Papier oder es ist zu teuer. Ab und zu, mit langen Unterbrechungen, erscheinen ein paar Literaturzeitschriften, in denen vorwiegend die Werke der Ermordeten und Emigranten veröffentlicht werden. Die Situation ist für die Literatur sehr schwer. Es bleibt nur die Hoffnung, daß dieses Chaos im Lande bald vorbei ist und ein reges Kulturleben wiederersteht. '

Mit Michajlo Slaboschpizky sprach OlexaLog-winenko. Michajlo Slaboschpizky ist ein bekannter ukrainischer Literaturkritiker, Mitglied des Schriftstellerverbandes der Ukraine und Autor mehrerer belletristischer Bücher sowie Bücher für Kinder und Jugendliche. Olexa Log-winenko ist Germanist, literarischer Übersetzer, Mitarbeiter der ukrainischen Monatszeitschrift für die Weltliteratur „Wseswit" („Die ganze Welt") und Mitglied des Schriftstellerverbandes der Ukraine. Er hat Romane von Heinrich Boll, Friedrich Dürrenmatt, Hermann Hesse, Gottfried Keller, Franz Kafka, Siegfried Lenz, Christoph Ransmayr, Martin Walser und anderen übersetzt.

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