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Wo die Kirche wächst

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Zunehmende Wertschätzung für Kleingruppen und Exerzitien

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Zunehmende Wertschätzung für Kleingruppen und Exerzitien

Wer heute durch die Straßen unserer Städte und größeren Märkte geht, könnte sich fragen: Wo ist das kirchliche Leben geblieben? Ist der Säkularismus drauf und dran, die religiöse Substanz in unserem Land zu zersetzen? Wer die Situation aber genauer untersucht, wird feststellen, daß sich das religiöse Leben zunehmend von den kirchlichen Großorganisationen wie Pfarreien, diözesanen Einrichtungen, Klöstern und so weiter weg zu inoffiziellen Kleingruppen hin verlagert. Darin spiegelt sich ein allgemeiner Trend unserer modernen Gesellschaft wider: vom großräumigen Verantwortungsdenken zum privaten Fühlen.

Man kann diese Entwicklung begrüßen oder bedauern, jedenfalls sind im Verlauf der letzten Jahrzehnte erstaunlich viele Gruppen charismatischer Art, Basisgemeinschaften sowie caritative Initiativgruppen entstanden. So verschieden sie auch sind, gemeinsam ist ihnen ein reges religiöses Leben.

P. Gervais Dumeige SJ, Professor für Spiritualität an der Päpstlichen Universität Gregoriana, Rom, hat sie untersucht: Alle zeigen eine hohe Wertschätzung für Gemeinschaft. Im Miteinander wollen sie konsequentes Christsein verwirklichen, versuchen sie ohne viele Voraussetzungen das Evangelium einfach, ehrlich und glaubwürdig zu leben. Dabei verzichten sie auf rechtliche Elemente und vermeiden, ihre Mitglieder langfristig zu verpflichten. Spontaneität und Erfahrung stehen hoch im Kurs.

Kritisch merkt P. Gervais an, daß die starke Betonung von Gemeinschaft die Gefahr mit sich bringt, den einzelnen in seiner individuellen Entfaltung zu hemmen, die Hochschätzung von Spontaneität und Erfahrung die verstandesmäßige Lenkung zu kurz kommen läßt, auch die Notwendigkeit, „die Geister zu unterscheiden". Das Mißtrauen gegen rechtliche Regelungen ermöglicht diesen Gemeinschaften nur kurze Lebensdauer.

Aufs Ganze gesehen sind diese neuen Gemeinschaften aber Hoffnungsträger der Kirche in unserer säkularisierten Gesellschaft. Sie bestehen als Basisgemeinschaften, Gebetsrunden, Pfarrunden, caritative Aktionsgruppen und andere mehr. Über ihre Zahl kann man wenig Verläßliches sagen, weil die meisten nirgends gemeldet und verzeichnet sind. Die Vermutung wird aber nicht falsch sein, daß diese neue Form religiösen Lebens in den romanischen Ländern, vor allem in Italien, reicher entfaltet ist als in Österreich.

Sehr beliebt: „Cursillo"

Neben diesen eher losen Formen haben in unserer Kirche junge stabilere Gruppen mit relativ fester Verfassung eine nicht geringe Bedeutung. Zu nennen sind die 1921 in Dublin gegründete „Legio Maria", die 1943 von Chiara Lubich gegründeten Focolarini, die Marianischen Kongregationen, die sich in „Gemeinschaft christlichen Lebens" umbenannt haben, verschiedene Familiengruppen wie „Marriage Encounter", die von P. Leppich gegründete „action 365", die Laienorganisation „Opus Dei" und andere mehr.

Religiöses Leben in unserer Kirche erhält auch wertvolle Impulse aus spirituellen Zentren wie zum

Beispiel Tatze" und Roc-ca di Papa. Hinzu kommen methodisch gut durchdachte und organisierte Glaubenskurse. Die beliebteste Form ist das „Cursillo". In einem drei Tage dauernden Kurs soll der Teilnehmer seinen Glauben ganzheitlich erfahren lernen.

Die klassische Form religiöser Vertiefung sind die Exerzitien. Richtig gegebene Exerzitien führen den Teilnehmer in die Einsamkeit. Dort soll er mit Hilfe eines geistlichen Begleiters in Gebet und Meditation den Weg suchen und finden, auf den ihn Gott zu seinem Heil und zum Heil seiner Umwelt führen will. Zudem soll er seine Fehler und Sünden erkennen und Wege der Besserung suchen.

Exerzitien werden heute in der gewohnten Form von drei, fünf oder acht Tagen, selten von 30 Tagen, gegeben. Die Teilnehmer treffen sich in einem Exerzitienhaus, erhalten zirka drei Vorträge am Tag und besuchen den Begleiter zu Gesprächen. Hier können in Stille Erkenntnisse und Entscheidungen reifen, die ein Leben bestimmen. Seit einigen Jahren werden auch Einzelexerzitien gegeben. Es gibt keine Vorträge, sondern nur Einzelgespräche. Sie ermöglichen ein viel intensiveres Eingehen auf den Teilnehmer. Sie dauern meist acht Tage.

Andere Formen sind „Exerzitien im Alltag". Sie werden gerne von Pfarreien angeboten. Die TeilnehDie Nachfrage nimmt zu

Woher kommen die Begleiter und wer bildet sie aus? Bisher gaben Exerzitien nahezu ausnahmslos Priester, in der Mehrzahl Ordenspriester. Doch ihre Zahl nimmt ab, die Nachfrage aber zu. Hinzu kommt, daß Ordensfrauen und Laien Interesse zeigen, Exerzitien zu begleiten. Die ersten Versuche stießen anfänglich auf Vorurteile: „Der Pater ist ja eine Schwester! Wie wird das gehen?" Doch zeigt die Erfahrung, daß Vorurteile bald schwinden, wo geeignete Personen mit entsprechender Ausbildung Kurse zu begleiten beginnen.

Die „Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Exerzitienreferate" hat gemeinsam mit Patres im Exerzitienhaus Lainz, Wien, für Österreich einen Ausbildungskurs organisiert. Die Leitung hat P. Stephan Hofer SJ mit Schwester Elisabeth Schneider. Im Herbst 1991 beginnt der zweijährige Kurs. Er ist bereits ausgebucht. Auskunft über die Exerzitienangebote geben Plakate an den Anschlagbrettern unserer Kirchen, die Diözesanexerzitienrefe-rate sowie die Exerzitienhäuser.

Was in Exerzitien wächst und was auch in den vielen Gruppen wie Basisgemeinschaften, Gebetsgruppen und caritativen Aktionen geschieht, macht keinen Lärm. Daher bleibt es oft unbeachtet. Doch die Kirche hat noch nie aus dem gelebt, was Lärm macht.

Der Autor ist Jesuit und Leiter des Exerzitienreferates der Erzdiözese Wien.

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