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Wofür es sich zu sterben lohnt

1945 1960 1980 2000 2020

Donnernder Applaus aus einem übervollen, an Prominenz reichen Auditorium beendete jüngst einen Vortrag in Wien, den die FURCHE hier zum Teil veröffentlicht.

1945 1960 1980 2000 2020

Donnernder Applaus aus einem übervollen, an Prominenz reichen Auditorium beendete jüngst einen Vortrag in Wien, den die FURCHE hier zum Teil veröffentlicht.

Die entgegengesetztesten modernen Weltanschauungen haben den Ausgangspunkt der Leugnung des natürlichen Sittengesetzes und der Reduktion der Welt auf „bloße“ Tatsachen gemein. Das Maß dessen, was sie unlogischerweise aus den alten Werten festhalten, ist unterschiedlich, aber im Kernpunkt sind sie von der gleichen Gefahr bedroht.

Die eigentliche Unwahrheit jener Weltanschauung, für die Droge und Terrorismus nur Symptome sind, besteht in der Reduktion der Welt auf Tatsachen und in der Verengung der Vernunft auf die Wahrnehmung des Quantitativen. Das Eigentliche am Mensehen wird ins Subjektive abgedrängt und so wirklichkeitslos.

Die „Abschaffung des Menschen“, die aus der Absolutsetzung einer einzigen Weise des Erkennens folgt, ist zugleich die klare Falsifizierung dieser Weltsicht. Den Menschen gibt es, und wer ihn kraft seiner Theorie in den Bereich des durchschauten und montierbaren Apparats herabziehen muß, lebt in einer Verengung der Wahrnehmung, der gerade das Wesentliche entgeht. Wenn Wissenschaft auf möglichst umfassende und wirklichkeitsgerechte Erkenntnis abzielt, dann ist eine so verabsolutierte Form einer Methode das Gegenteil von Wissenschaft.

Das heißt mit anderen Worten: Auch die praktische Vernunft, auf der die eigentlich sittliche Erkenntnis beruht, ist eine wirkliche Vernunft und nicht bloß Ausdruck subjektiver Gefühle ohne Erkenntniswert Wir müssen wieder begreifen lernen, daß die großen sittlichen Erkenntnisse der Menschheit genauso vernünftig und genauso wahr, ja, wahrer sind als die experimentellen Erkenntnisse des naturwissenschaftlichen und technischen Bereichs. Sie sind wahrer, weil sie tiefer an das Eigentliche des Seins rühren und entscheidungsvoller für das Menschsein des Menschen sind.

Daraus ergeben sich zwei Schlußfolgerungen. Die eine ist die, daß das moralische Sollen nicht die Gefangenschaft des Menschen ist, von der er sich freimachen muß, um endlich tun zu können, was er will. Das moralische Sollen macht seine Würde aus, und wenn er es abschüttelt, dann wird er nicht freier, sondern dann hat er sich auf die Ebene des Apparats, des bloßen Dings zurückgestuft.

Wenn es kein Sollen mehr gibt, auf das er in Freiheit antworten kann und muß, dann gibt es den Bereich der Freiheit überhaupt nicht mehr. Das Erkennen des Moralischen ist der eigentliche Inhalt der Menschenwürde; man kann es aber nicht erkennen, ohne es zugleich als Verpflichtung der Freiheit zu erfahren. Moral ist nicht Kerker des Menschen, sondern das Göttliche an ihm.

Um die zweite Schlußfolgerung darzustellen, müssen wir nochmals an die vorhin erzielte Grundeinsicht erinnern: Die praktische (oder moralische) Vernunft ist Vernunft im höchsten Sinn, weil sie tiefer in das eigentliche Geheimnis des Wirklichen vordringt als die experimentelle Vernunft. Das aber bedeutet, daß der christliche Glaube nicht Begrenzung oder Lähmung der Vernunft ist, sondern sie erst zu ihrem eigenen Werk freimacht.

Denn auch die praktische Vernunft braucht die Bürgnis des Experiments, aber eines größeren, als es in Laboratorien geleistet werden kann: Sie braucht das Experiment des bestandenen Menschseins, das nur aus der bestandenen Geschichte selbst kommen kann. Darum war die praktische Vernunft immer eingeordnet in den großen Erfahrungs- und Bewährungszusammenhang ethisch-religiöser Gesamtvisionen.

Die großen ethischen Gestaltungen Griechenlands, des Nahen und des Fernen Ostens haben im Kern ihrer Aussage nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt, aber wir können sie heute als Nebenflüsse ansehen, die letztlich auf den großen Strom der christlichen Deutung des Wirklichen zuführen.

Tatsächlich ist die ethische Vision des christlichen Glaubens nichts Partikulär-Christliches, sondern die Synthese der großen ethischen Intuitionen der Menschheit von einer neuen, sie alle zusammenhaltenden Mitte her. Diese Ubereinstimmung der ethischen Weisheit wird heute vielfach als Argument gegen die Verbindlichkeit der in der Bibel verkündeten Gebote Gottes hingestellt.

Man sehe daraus, so wird argumentiert, daß die Bibel gar keine ethische Weisung habe, sondern jeweüs die moralischen Erkenntnisse der Umwelt sich zu eigen mache. Also gelte in der Moral nur das, was jeweils in einer Zeit als vernünftig erkannt wird, und damit ist man bereits bei der Abdrängung der Moral ins bloße Kalkül, das heißt bei der Abschaffung des im eigentlichen Sinn Moralischen angelangt.

Das Gegenteü ist richtig: Der innere Einklang der moralischen Grundweisung, die freilich Schritt für Schritt entfaltet und gereinigt wurde, ist der beste Beweis für ihre Gültigkeit — der beste Beweis, daß sie nicht erfunden, sondern gefunden ist.

Gefunden - wie? Hier greifen nun Offenbarungs- und Vernunftbereich ganz eng ineinander. Gefunden sind diese Erkenntnisse zum einen durch solche, die tiefer zu schauen vermochten. Wir nennen solches Schauen, das über die eigene Erkenntnisleistung hinausgeht, Offenbarung. Aber was dabei gesehen wird, ist im ethischen Bereich wesentlich die moralische Botschaft, die in der Schöpfung selbst liegt.

Denn die Natur ist nicht, wie ein totalisierter Szientismus behauptet, eine vom Zufall und seinen Spielregeln aufgebaute Montage, sondern sie ist Schöpfung. In ihr drückt sich der Creator Spiritus aus. Deshalb gibt es nicht nur Naturgesetze im Sinn physikalischer Funktionen, sondern das eigentliche Naturgesetz ist ein moralisches Gesetz. Die Schöpfung selbst lehrt uns, wie wir auf rechte Weise Menschen sein können.

Der christliche Glaube, der uns hilft, die Schöpfung als Schöpfung zu erkennen, ist nicht eine Lähmung der Vernunft; er gibt der praktischen Vernunft den Lebensraum, in dem sie sich entfalten kann. Die Moral, die die Kirche lehrt, ist nicht eine Speziallast für Christen, sondern sie ist die Verteidigung des Menschen gegen den Versuch seiner Abschaffung. Wenn Moral — wie wir sahen — nicht Versklavung, sondern Befreiung des Menschen ist, dann ist der christliche Glaube Vorposten menschlicher Freiheit.

Noch eine letzte Überlegung möchte ich hinzufügen. Worum es mir hier geht, hat der römische Dichter Juvenal unübertrefflich so formuliert:

Summum crede nefas animam praeferre pudori et propter vitam vivendi perdere causas

Halte es für höchstes Unrecht, das eigene Uberleben der Ehrfurcht vorzuziehen und um des Uberlebens willen die Gründe des Lebens zu vertun. Das heißt: Es gibt Werte, die es wert sind, daß man für sie stirbt, weil ein um den Verrat dieser Werte erkauftes Leben auf dem Verrat der Lebensgründe beruht und daher von innen zerstörtes Leben ist. Wir könnten das Gemeinte auch so ausdrücken: Wo es nichts mehr gibt, wofür zu sterben sich lohnt, da lohnt sich auch das Leben nicht mehr; es hat sein Wofür verloren.

Und dies gilt nicht nur für den einzelnen; auch ein Land, eine gemeinsame Kultur hat Werte, die den Einsatz des Lebens rechtfertigen; wenn es solche Werte nicht mehr gibt, dann entfallen auch die Gründe und die Kräfte, die den sozialen Zusammenhalt tragen und ein Land als Lebensgemeinschaft erhalten...

Der Mensch braucht die Transzendenz. Die Immanenz allein ist ihm zu eng. Er ist für mehr geschaffen.

Die Bestreitung des Jenseits hat zunächst zu einer leidenschaftli-

,,Die Gier nach allen Arten von Erfüllungen wurde aufs Äußerste gesteigert“ chen Verherrlichung des Lebens, der Lebensbehauptung um jeden Preis geführt. Alles muß ja in diesem Leben erreicht werden, ein anderes gibt es nicht- Die Lebensgier, die Gier nach allen Arten von Erfüllungen, wurde aufs Äußerste gesteigert.

Aber alsbald ist eine ungeheure Entwertung des Lebens daraus geworden: Es ist nicht mehr vom Siegel des Heiligen umgeben; man wirft es weg, wenn es nicht mehr gefällt: Die mißgestalteten Drillinge, Abtreibung, Euthanasie, Selbstmord sind die natürlichen Abkömmlinge dieses Grundentscheids — der Leugnung der ewigen Verantwortung und der ewigen Hoffnung. Die Lebensgier schlägt in Ekel am Leben und in die Nichtigkeit seiner Erfüllungen um. Die Abschaffung des Menschen ist auch hier die Konsequenz.

Der Mensch braucht das Ethos, um er selbst zu sein. Das Ethos aber braucht den Schöpfungsund den Unsterblichkeitsglauben, das heißt es braucht die Objektivität des Sollens und die Endgültigkeit von Verantwortung und Erfüllung. Die Unmöglichkeit eines davon abgeschnittenen Menschseins ist der indirekte Beweis für die Wahrheit des christlichen Glaubens und seiner Hoffnung.

Diese Hoffnung ist das Rettende für den Menschen, auch und gerade heute. Der Christ darf seines Glaubens froh sein. Ohne die frohe Botschaft des Glaubens besteht das Menschsein auf die Dauer nicht. Die Freude des Glaubens ist seine Verantwortung: Wir sollten sie mit neuem Mut in dieser Stunde unserer Geschichte ergreifen.

Aus dem am 27. November in Wien für die österreichisch-deutsche Kulturgesellschaft gehaltenen Vortrag des Präfekten der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre.

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