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Wohin mit Atommüll?

Noch immer ein äußerst brisantes Polit-Thema auch in der Schweiz: Atomkraft. Doch nicht nur die heißumstrittene und nach wie vor ausstehende Bewilligung für ein weiteres Atomkraftwerk in Kaiseraugst (wir berichteten davon) schürt die Emotionen, auch die Frage der Entsorgung radioaktiver Abfälle ist hochaktuell und wird teilweise stürmisch diskutiert.

Denn das 1979 revidierte schweizerische Atomgesetz postuliert neben Schweden und teilweise Westdeutschland und Dänemark die strengsten Auflagen über die Sicherheit der Atommüll-Entsorgung überhaupt. Voraussetzung für die Rahmenbewilligung weiterer Kernkraftwerke ist ein Projekt, „das für eine dauernde, sichere Entsorgung und Endlagerung der radioaktiven Abfälle Gewähr bietet".

Die Landesregierung machte auch die Verlängerung der Betrieb sbe willigung für die fünf bereits bestehenden Kraftwerke über das Jahr 1985 hinaus vom Nachweis der sicheren Endlagerung abhängig.

Das geforderte Konzept wird von der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) seit mehr als zehn Jahren mit ungeheurem Aufwand und wissenschaftlicher Akribie ausgearbeitet. An der Nagra sind die großen Elektrizitätsgesellschaften beteiligt. Derzeit strömt die Genossenschaft Optimismus aus, den verlangten Sicherheitsnachweis bald einmal erbringen zu können. Doch die Anfänge waren schwer.

Wo die Nagra auftauchte und nur Gesuche für Bodensondierungen stellte, brandete ihr eine Welle lokaler Opposition entgegen. Das St. Florian-Prinzip feierte Urständ: Atommüllbeseitigung muß wohl schon sein - aber sicher nicht bei uns.

Inzwischen wird an einigen potentiellen Standorten aber doch eifrig gebohrt und sondiert. Vor allem die Nordschweiz scheint sich geologisch als Endlager für hochradioaktive Abfälle zu eignen.

Um künftige Generationen nicht mit dem Atommüll (gegenwärtig rund zwei Tonnen radioaktive Stoffe jährlich, die weitgehend im Meer versenkt werden) zu belasten, muß ein Endlager so konzipiert sein, daß nach seinem Verschluß auf Kontroll- und Uberwachungsmaßnahmen verzichtet werden kann, und trotzdem Schutz und Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet bleiben.

Dies will die Nagra durch die konsequente Anwendung des Prinzips der mehrfachen Sicherheitsbarrieren erreichen: Mehrere Einschluß- und Rückhalte-Mechanismen werden so hintereinander geschaltet, daß beim Versagen einer Sicherheitsbarriere immer noch andere wirksam bleiben.

Im Vergleich zu anderen - nicht minder problematischen Sonderabfällen (man denke .»an den Skandal um das Seveso-bioxin) wird für die Lagerung der radioaktiven Abfälle sehr viel getan. Allein die Forschungs- und Projektierungsarbeiten für das Na-gra-Vorhaben belaufen sich auf

300 Millionen Schweizer Franken, und der Bau der beiden vorgesehenen Lager (für schwach- und mittelradioaktive sowie für hochradioaktive Abfälle) wird das Dreifache kosten.

Und bei alldem bleibt die Sache für den Bürger, der direkt oder über die Behörden den politischen Segen geben muß, eine reine Vertrauensfrage in die Experten, die von der Machbarkeit solcher Endlager für „einige zehntausend Jahre" überzeugt sind. Absolute Sicherheit - einen höheren Anspruch an die Technik gibt es nicht. - Wen wundert's, daß da viele Zweifler bleiben?

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