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Woran glaubt der Chinese?

1945 1960 1980 2000 2020

Religiosität in China: Die Christen sind eine winzige Minderheit (FURCHE 33/ 1990), auch andere Weltre-ligionen haben kaum Anhän-ger. Tradition wird großge-schrieben.

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Religiosität in China: Die Christen sind eine winzige Minderheit (FURCHE 33/ 1990), auch andere Weltre-ligionen haben kaum Anhän-ger. Tradition wird großge-schrieben.

Im Fernen Osten, mehrere Stun-den Zeitverschiebung und über 10.000 Kilometer vom Westen ent-fernt, leben mehr als eine Milliarde Chinesen, die kaum Bibel lesen, nicht Weihnachten feiern, nur we-nige Kirchen haben und zum größ-ten Teil keiner der drei wichtigsten Weltreligionen angehören. Einige alte chinesische Schriften sind zwar in letzter Zeit in "östliche Mode" gekommen, doch je mehr man über diese tiefgründigen Texte spricht, desto unklarer wird einem diese völlig andere Denkweise mit jahr-tausendelanger Tradition.

Der Konfuzianismus, im Westen oft als Religion mißdeutet, war nur eine der vielen philosophischen Denkströmungen, die in der Zeit des Zerfalles um etwa 500 vor Christus in China entstanden. In den damaligen Wirren stellte Konfuzius als großer Lehrer das Prinzip der Sittlichkeit in den Mittelpunkt des Lebens. Seine Schule erklärte unter Betonung des Gemeinschaftsgefühls mittels Familienstrukturen den Staat und rief nach Wiederherstellung der ethischen Ordnung des alten geeinten Reichs.

Das konfuzianische Ideal des menschlichen Charakters - Selbst-kultivierung und gesellschaftliches Engagement - verkörperten seit Beginn unserer Zeitrechnung Ge-nerationen gelehrter Beamten. Die Prinzipien von Güte und Harmonie wurden zur gesellschaftlichen Or-thodoxie, sodaß sie in der Folge rund 2.000 Jahre chinesischer Geschichte bestimmen sollten.

In den letzten hundert Jahren innerer Unruhen und äußerer Ag-gression hatten immer wieder ex-treme Intellektuelle und Revolu-tionäre versucht, das feste konfu-zianische Geistesgefüge von be-scheidenem Ertragen und pietät-vollem Gehorsam zu Fall zu bringen und sich der Fesseln des Tradi-tionalismus zu entledigen, was al-lerdings nicht gelang. Die Nach-kommen des Meisters hatten im-merhin über alle Dynastien und Kriege hinweg bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts diegeachtete Son-derstellung der "ersten Familie" des Landes, sogar im Fieber der Kul-turrevolution wurden die Gedenk-stätten seines früheren Wohnsitzes durch Militäreinsatz geschützt.

In jüngster Zeit hat sowohl chi-nesische als auch westliche Gei-steswissenschaftler wieder eine Welle des Interesses am Konfuzia-nismus erfaßt. Mit Publikations-reihen und Dokumentationsfilmen versuchen derzeit Neokonfuziani-sten durch die Erfahrungen aus industrialisierten asiatischen Ländern, die ebenfalls von konfuzianischen Traditionen geprägt sind, zu beweisen, daß der Konfuzianismus heute noch als geistige Führungskraft und Ausweg für die Modernisierung Chinas wirken kann.

Im Vergleich dazu scheint das Leben des Lao-tse, des legendären Begründers des Taoismus, der etwa zeitgleich mit dem Konfuzianismus entstand, fast spurlos und jedenfalls ohne Ahnenverehrung vor-übergegangen zu sein. Seine Erfah-rungen als Beamter machten ihn vertraut mit den Höhen und Tiefen historischer Entwicklungen und den Veränderungen des menschlichen Lebens. Er ließ seine erfolgreiche Stellung und alles hinter sich, schrieb beim Verlassen des Landes nur noch das berühmte "Tao Te King" nieder und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Seine schwer verständliche Lehre vom "Nicht-Handeln" in der unerschütterlichen Freiheit des "über den Dingen ste-henden" Geistes formte in der lan-gen Geschichte eine andere Facette der chinesischen Mentalität.

Unzählige Gelehrtenbeamte und Künstler zogen sich im Laufe der Geschichte in ein Vagabundenleben an stillen Gewässern zurück, hingegeben dem Anblick der Natur und der Meditation, um in harmonischer Vollkommenheit den wah-ren Sinn des Lebens zu finden.

Durch Aufnahme alter magischer Elemente wurde der Taoismus spä-ter von einer Philosophie zu einem religiösen Kult weiterentwickelt, wobei "Erkenntnis" aus sich selbst über alle Belehrungen ging, und diese weder durch Opfer noch durch strenge Regeln der Enthaltsamkeit erreicht werden kann. Die Natur stand über allem, man postulierte die Einheit von Himmel und Ich, und betonte die völlige Wertgleich-heit aller Dinge in der Dialektik ihrer wechselseitigen Bedingtheit: wie die sich ergänzenden Kräfte Yin und Yang bringen sich auch die fünf Elemente (Metall, Holz, Erde, Wasser, Feuer) gegenseitig hervor, um sich gegenseitig zu bezwingen, - nichts ist ausgeschlossen vom ewigen Kreislauf der Natur, man muß nur den Dingen freien Lauf lassen und in gelassener Haltung allen Veränderungen begegnen.

Dies ist auch der Grund, warum Chinesen auch in Zeiten größter Schwierigkeiten und materieller Nöte relativ ruhig weiterleben, ja sogar hinter dem schwärzesten Leben noch ein wenig positive Freude suchen. Heute wird kaum mehr über taoistische Schriften gesprochen, und durch seine Verquickung mit magischem Aberglauben wurde der Taoismus nach 1949 aufs schärfste bekämpft. Darum sind nur sehr wenige rein taoistische Tempel erhalten, die große Nachwuchs-sorgen haben. Manche Provinzen haben kaum mehr eine Handvoll alter taoistischer Mönche. Man muß mitunter in die gut erhaltenen buddhistischen Tempel gehen, um überhaupt noch Spuren taoistischer Statuen sehen zu können.

Der um Christi Geburt aus Indien eingeführte Buddhismus war bereits von Anfang an taoistisch eingefärbt, ja konnte in China eigentlich nur aufgrund seiner starken Verbindung zu traditionellem chinesischen Gedankengut Erfolg haben. Erst dem Mönch Hui Neng (638-713) gelang der Durchbruch in einer derartigen Verschmelzung, er warf die ursprünglichen, scholastischen Dogmen über Bord und schuf die Sekte des "Zen-Buddhis-mus". Demnach könnte jedermann jederzeit, auch im Alltagsleben, die Erleuchtung finden, eine Vorstellung, die erst die weite Verbreitung des Buddhismus in Korea und Japan ermöglichte.

Vor 1949 gab es zigtausend bud-dhistische Tempel und Klöster, mit über 500.000 Nonnen und Mönchen und Millionen Gläubigen im ganzen Land. Obwohl die Kommunistische Partei theoretisch Religionsfreiheit gewährte und schon 1953 die Buddhistische Vereinigung als zentrales Selbstverwaltungsorgan errichtete, blieb alles religiöse Leben bis 1983 stark eingeschränkt. Erst in diesen Reformjahren begannen Restaurierungsarbeiten an über 100 bedeutenden buddhistischen Tempeln und die Wiedereröffnung eines Buddhismus-Institutes, sowie neue einschlägige Hochschulen in Shanghai und der Provinz Sichuan, wo auch tibetische Studien betrieben werden.

Die wenigen hier ausgebildeten Absolventen können aber erst nach Jahren und mit administrativen Hindernissen Mönche werden, was den akuten Mangel somit kaum befriedigen kann. Ein freier Zugang zum Klosterlebert ist bis heute unvorstellbar, die religiöse Vereh-rung und das Abbrennen von Räu-cherstäbchen in den Tempeln kann jedoch ungehindert vorgenommen werden. In der Volksrepublik China glauben immer weniger junge Leute an den Buddhismus, in Taiwan, Hongkong und unter den Auslandschinesen hingegen erfreut er sich als Bestandteil alter Kultur-traditionen größerer Beliebtheit.

Eine andere Religion, die gewisse Aufmerksamkeit verdient, ist der über die Seidenstraße nach China eingedrungene Islam, der besonders im Nordwesten Chinas und unter den Minoritätsvölkern verbreitet ist. Als Lebensbestandteil der Min-derheiten wurde auch ihr Glaube besonders geschützt, und sogar heute sind die chinesischen Moslems von der strengen Ein-Kind-Politik ausgenommen. Trotzdem sind sie für die 94 Prozent der Han-Chinesen nicht mehr als eine fremdländisch anmutende Minderzahl, da die meisten von ihnen an keine Religion wirklich glauben. Doch Konfuzianismus und taoistische Gelassenheit sind in hohem Maß Bestandteile des täglichen chinesi-schen Lebens.

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