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Woran Südamerika krankt

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Südamerika müßte nicht so dastehen, wie es heute dasteht: mit riesigen sozialen und politischen Problemen, hoch verschuldet. Eine Reihe von Faktoren begünstigt den Halbkontinent sogar gegenüber anderen armen Regionen. Doch diese kommen zuwenig zum Tragen.

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Südamerika müßte nicht so dastehen, wie es heute dasteht: mit riesigen sozialen und politischen Problemen, hoch verschuldet. Eine Reihe von Faktoren begünstigt den Halbkontinent sogar gegenüber anderen armen Regionen. Doch diese kommen zuwenig zum Tragen.

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Der spanische Bürgerkrieg, die Judenverfolgung erst in Deutschland, dann im größten Teil Europas, der Zweite Weltkrieg und die Not in Europa in den ersten Nachkriegsjahren führten Millionen großteils gut oder höchst qualifizierter Europäer nach Südamerika. Gleichzeitig erreichten südamerikanische Rohstoffe wie Eisenerz, Buntmetalle, Wolle und Baumwolle sowie Nahrungs- und Genußmittel wie Weizen, Fleisch, Zucker, Kaffee und Kakao ihre höchsten Preise. Es sah danach aus, als würden zumindest einige südamerikanische Länder innerhalb weniger Jahre Europa eingeholt, wenn nicht überholt haben.

Tatsächlich ist seither aber Südamerika hinsichtlich des Lebensniveaus seiner Bevölkerung, technischer Leistungsfähigkeit und agrarischer Produktivität hinter Europa immer mehr zurückgeblieben. Sein durchschnittliches Bruttosozialprodukt pro Jahr und Kopf hat 1.700 US-Dollar nach heutigen Preisen noch nicht erreicht (Österreich: 9.500 Dollar), obwohl eine Reihe von Faktoren Südamerika gegenüber anderen armen Regionen der Erde und teilweise auch gegenüber Europa begünstigt. Zuerst sollen diese positiven Faktoren genannt werden.

Im Gegensatz zu den meisten Staaten Südasiens und Afrikas sind die Südamerikas von Menschen bewohnt, die echte Nationen bilden, sich alle oder zumindest größtenteils in diese integrierten und die ein sehr starkes, oft leidenschaftliches Nationalbewußtsein über Klassen-, Rassen- und Regionalgrenzen hinweg miteinander verbindet. Nur für Bolivien gilt das bisher nur bis zu einem gewissen Grad, und gar nicht für Guayana, Surinam und Französisch-Guayana.

Die ihrer Herkunft nach zu 90 Prozent weißen Argentinier sind fanatische, die zu 98 Prozent weißen Uruguayer überzeugte Patrioten, und niemand denkt in diesen beiden Ländern an deren Vereinigung, obwohl nördlich und südlich des La Plata nahezu derselbe Dialekt gesprochen wird.

In allen anderen Ländern, insbesondere gerade auch in Brasilien, verbindet Weiße, Indios, Mestizen, Neger und Mulatten (abgesehen von einigen Stämmen im Amazonasbecken) ein gemeinsamer Nationalstolz, der sie nicht über die Grenzen schielen läßt, um etwa engere Verbindungen zu „Rassengenossen" zu suchen.

Daher gibt es latente Grenzkonflikte auch nur hinsichtlich kleiner, fast oder ganz menschenleerer Territorien, und es besteht keine Gefahr interkontinentaler Kriege. Der ausgeprägte Patriotismus könnte soziale Spannungen mildern und die Verwirklichung großer nationaler Programme erleichtern, selbst wenn diese mit Opfern verbunden wären.

Südamerika (ohne Guayana, Surinam und Französisch-Guayana) umfaßt mehr als 17 Millionen Quadratkilometer und annähernd 250 Millionen Einwohner. Genau eine Hälfte davon — 8,5 Millionen Quadratkilometer und 125 Millionen Einwohner — ist Brasilien mit 55 Prozent der Brutto-Inlandsprodukte des Kontinents; die andere Hälfte machen die neun „spanischen" Staaten Argentinien, Chile, Uruguay, Bolivien, Peru, Ekuador, Kolumbien und Venezuela aus. Durchschnittlich leben also 15 Bewohner pro km2.

Etwa die Hälfte Südamerikas, insbesondere das Amazonasbek-ken und Hochgebirgsregionen, sind kaum besiedelt, und ihre Be-siedelung verschlänge ganz unverhältnismäßige Kapitalien. In der anderen Hälfte wäre aber eine europäische Bevölkerungsdichte (z. B. 150/km2) durchaus möglich, und Südamerika könnte leicht über eine Milliarde Menschen gut ernähren und versorgen, sogar besser als heute, da dünne Besie-delung Transporte, Dienstleistungen und Ausbildung verteuert.

Diese enormen Landreserven sind der größte Reichtum Südamerikas. Die Infrastrukturen des Kontinents sind weitergehend ausgebaut, als es seiner gegenwärtigen Bevölkerung und wirtschaftlichen Leistung entspricht.

Bis heute haben alle südamerikanischen Regierungen die Schulden anerkannt, die ihre Vorgänger gemacht hatten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit läßt sich voraussagen, daß es in diesem Jahrzehnt in ganz Südamerika weder extrem-linke noch extrem-rechte Regierungen geben wird. Alle, die Militärdiktaturen eingeschlossen, suchen schon als Basis ihrer politischen Macht die Förderung und Verbreiterung der Mittelklassen. In den meisten Ländern hat die Kirche eine starke Position und per Saldo mäßigenden Einfluß.

Nun zu den negativen Faktoren, die 1981—83 ganz Südamerika in akute Wirtschaftskrisen stürzten, wie es sie seit bald fünfzig Jahren nicht erlebt hat, wenn diese Faktoren auch schon lange die wirtschaftliche Entwicklung verlangsamten.

Eine fundamentale strukturelle Schwäche, ja eine kaum oder nur sehr langfristig heilbare Krankheit Südamerikas ist seine Verstädterung und noch mehr die Hypertrophie seiner Haupt- und weiteren Großstädte. Von 250 Millionen wohnen 180 Millionen, also 72 Prozent, in Städten. Eine derartige Verstädterung übertrifft die hochindustrialisierter Länder: in den USA leben 75 Prozent der Bevölkerung, in Frankreich 65, in Österreich kaum 60 Prozent in Städten.

Die Kosten der Infrastruktur

(Straßen, Verkehrsmittel, Wasser-, Strom- und Gasversorgung, Kanalisierung, Grundplanierung und -befestigung) sind pro Kopf in den Städten vielfach höher als auf dem Land, dabei aber gleichzeitig auch höher in dünn besiedelten als in dichter besiedelten ländlichen Gebieten. Man kann annehmen, daß im letzten Jahrzehnt 250 Milliarden Dollar in die Infrastruktur der Städte investiert wurden, also mehr als die gesamte heutige Auslandsverschuldung des Kontinents (230 Milliarden Dollar).

Das Zivilisationsgefälle zwischen Stadt und Land war und ist viel größer als in Europa. Mit der Assimilierung und Integrierung der Indios und Neger zog es diese immer mehr in die Städte. Der Wechsel in die Stadt wird als sozialer Aufstieg betrachtet, auch wenn man in Slums und von Gelegenheitsarbeit leben muß.

Die enormen Entfernungen isolieren die Menschen auf dem Lande vom „modernen" Leben, von Ausbildungs-, Aufstiegs- und Unterhaltungsmöglichkeiten viel mehr als in Europa.

Hinzu kamen und kommen die meist unbefriedigenden Besitzverhältnisse auf dem Land. Nur in wenigen Gebieten gibt es ein angestammtes Bauerntum. Vorherrschend war der Großgrundbesitz mit sehr extensiver Bewirtschaftung, der überwiegend Saisonarbeiter beschäftigt, so daß die meisten der auf dem Land Lebenden das halbe Jahr ohne Arbeit und auf den Ertrag ihrer eigenen Kleinhäuslerwirtschaft angewiesen sind.

Teils gibt es diesen Großgrundbesitz noch, teils wurde er in Kleinstbesitzungen zerschlagen, die zu klein für Rationalisierung und Modernisierung und auch nicht kreditwürdig sind. Weder das eine noch das andere Extrem erlaubt gleichzeitig intensive und rationelle Entwicklung der Agrarproduktion.

Die einseitige Abhängigkeit des Außenhandels von wenigen Rohstoffen, Nahrungs- und Genußmitteln ist eine weitere Schwäche zumindest des halben Südamerika; nur Brasilien hat sie schon weitgehend überwunden.

Infolge der internationalen Flaute sind die Eisenerz-, Buntmetall- und Kaffeepreise schlecht. Die Erdölexportländer mußten ihre Förderung und ihre Preise senken. Hinsichtlich Bananen gibt es ein internationales Uberangebot und billigere afrikanische Konkurrenz. Die EG drosselt' die Fleischimporte immer mehr. Nur Getreide und Ölsaaten haben gute Märkte.

Die Importpolitiken der südamerikanischen Länder haben immer wieder zwischen Liberalisierung und extremen Restriktionen gewechselt, was zielvolle Investitionen überaus erschwert.

Ergebnis dieser negativen Faktoren ist eine enorme Uberschuldung des Kontinents, die gegenwärtig bei 230 Milliarden Dollar liegt, das sind bald 60 Prozent seines Bruttoprodukts und mehr als das Vierfache seiner Exporterlöse 1982. Für diese Schulden sind durchschnittlich 11 Prozent zu zahlen, also jährlich 25 Milliarden Dollar = 6 Prozent des Bruttoprodukts und 42 Prozent von den 58,7 Milliarden Jahresexport der zehn Länder Südamerikas!

Im Vergleich zum Brutto-In-landsprodukt sind Venezuela (105%), Chile (91%) und Bolivien (90%) am höchsten verschuldet, am niedrigsten Paraguay (28%) und Kolumbien (35%). Brasilien (41%) liegt in der Mitte.

Die Auswege ergeben sich aus dem, was dargelegt wurde: konsequente Entwicklung aller nur möglichen Importe ersetzenden Produktionen, insbesondere in der Landwirtschaft; radikale Dezentralisierungsmaßnahmen, um zumindest ein weiteres Wachstum der Großstädte zu verhindern; Diversifikation der Exporte, insoweit das ohne sehr kostspielige Investitionen möglich ist; Wiedergewinnung des internationalen Vertrauens durch stabile Wirtschaftspolitiken, die nicht zwischen Extremen hin- und herfallen.

Der Autor ist Wirtschaftspolitiker und Unternehmensberater mit internationaler Erfahrung.

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