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Wort zur rechten Zeit

Es war ein arger Tag gewesen: Vor kurzem war beim Appell verkündet worden, was alles von nun an als Sabotage angesehen werde und demgemäß sofort mit Erhängen bestraft würde; unter solche Delikte fielen Dinge wie Abschneiden schmaler Streifen von unseren alten Decken (was zur Herstellung improvisierter Gamaschen von uns vielfach gemacht worden war), ferner der geringfügigste „Diebstahl“.

Nun war vor einigen Tagen ein halbverhungerter Häftling in den Kartoffelbunker eingedrungen, um ein paar Kilogramm Kartoffeln zu stehlen. Der Einbruch war entdeckt und der „Einbrecher“ von anderen Häftlingen festgestellt worden. Nachdem die Lagerführung von der Sache Wind bekommen hatte, verlangte sie die Auslieferung des Delinquenten, widrigenfalls das ganze Lager einen Fasttag aufdiktiert bekäme. Selbstverständlich fasteten lieber 2500 Kameraden, als daß sie den einen dem Galgen überantwortet hätten.

Am Abend dieses Fasttages lagen wir nun in unserer Erdhütte in besonders übler Stimmung beisammen. Es wurde nur wenig gesprochen, und wenn, dann war jedes Wort gereizt. Da geschah noch ein übriges: Das Licht ging aus. Die Stimmung erreichte ihren Tiefpunkt.

Der Blockälteste aber, ein kluger Mann, improvisierte eine klei-. ne Plauderei über all das, was uns alle innerlich so sehr beschäftigte: Er sprach über die vielen Kameraden, die in den letzten Tagen als Kranke oder als Selbstmörder gestorben waren. Er sprach aber auch darüber, was der wahre Grund dieses Sterbens, der einen sowohl wie der andern Art, gewesen sein mochte: das Sich-selbst-Aufgeben. Darüber und über die Frage, wie man die voraussichtlichen nächsten Opfer des tödlichen inneren Sich-fallen-Lassens irgendwie vielleicht noch davor bewahren könnte, wollte unser Blockältester nun einiges zur Erklärung hören — und er apostrophierte mich!

Weiß Gott, ich war nichts weniger als in der Stimmung, psychologische Erklärungen abzugeben oder meinen Barackengenossen seelenärztlichen Zuspruch, gleichsam ärztliche Seelsorge zukommen zu lassen. Mich fror und hungerte, und auch ich war schlapp und gereizt. Aber ich mußte mich aufraffen und diese einzigartige Möglichkeit nützen, denn Zuspruch war jetzt nötiger als je.

So begann ich — und ich begann damit, daß ich davon sprach, daß die Zukunft jedem Unbefangenen trostlos erscheinen müsse; ich gab zu, daß jeder von uns sich beiläufig schon ausrechnen könne, wie gering die Wahrscheinlichkeit sei, zu überleben. Noch herrschte im Lager keine Fleckfieber-Epidemie; und trotzdem veranschlagte ich meine Aussicht, zu überleben, mit ungefähr fünf Prozent. Und sagte es den Leuten! Denn ich sagte ihnen auch, daß ich, für meine eigene Person, trotzdem nicht daran dächte, die Hoffnung aufzugeben und die Flinte ins Korn zu werfen. Denn kein Mensch wisse die Zukunft, kein Mensch wisse, was ihm vielleicht schon die nächste Stunde bringe.

Aber ich sprach nicht nur von der Zukunft und von dem Dunkel, in das sie glücklicherweise gehüllt war, und von der Gegenwart mit all ihren Leiden, sondern ich sprach auch von der Vergangenheit — von all ihren Freuden und dem Licht, das sie noch in die Finsternis unserer Tage spendete. Ich zitierte den Dichter, der da sagt: „Was du erlebt, kann keine Macht der Welt dir rauben.“

Was wir in der Fülle unseres vergangenen Lebens, in dessen Erlebnisfülle verwirklicht haben, diesen inneren Reichtum kann uns nichts und niemand mehr nehmen. Aber nicht nur, was wir erlebt; auch das, was wir getan, das, was wir Großes je gedacht, und das, was wir gelitten... all das haben wir hereingerettet in die Wirklichkeit, ein für allemal.

Und dann sprach ich schließlich noch von der Vielfalt der Möglichkeiten, das Leben mit Sinn zu erfüllen. Ich erzählte meinen Kameraden (die ganz still dalagen und sich kaum rührten, höchstens ab und zu ein ergriffenes Seufzen hören ließen) davon, daß menschliches Leben immer und unter allen Umständen Sinn habe, und daß dieser unendliche Sinn des Daseins auch noch Leiden und Sterben, Not und Tod in sich mit einbegreife.

Und ich bat diese armen Teufel, die mir hier in der stockfinsteren Baracke aufmerksam zuhörten, den Dingen und dem Ernst unserer Lage ins Gesicht zu sehen und trotzdem nicht zu verzagen, sondern im Bewußtsein, daß auch die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes seinem Sinn und seiner Würde nichts anhaben könne, den Mut zu bewahren.

Auf jeden von uns, sagte ich ihnen, sehe in diesen schweren Stunden und erst recht in der für viele von uns nahenden letzten Stunde irgend jemand mit forderndem Blick herab, ein Freund oder eine Frau, ein Lebender oder ein Toter - oder ein Gott. Und er erwarte von uns, daß wir ihn nicht enttäuschen und daß wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen!

Bald flammte die elektrische Birne an einem Balken unserer Baracke wieder auf, und ich sah die Elendsgestalten meiner Kameraden, die nun mit Tränen in den Augen zu meinem Platz heranhumpelten, am - sich zu bedanken ... Daß ich aber nur allzu selten die innere Kraft hatte, mich zu solchem letzten inneren Kontakt mit meinen Leidensgenossen aufzuschwingen wie an diesem Abend, daß ich sicher so manche sich hierzu bietende äußere Gelegenheit nicht genützt habe, soll hier eingestanden werden.

Gekürzt aus: ... trotzdem ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (dtv 10 023).

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