Meinung

Würde und Ehrlichkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Wie vor jeder Wahl werden in puncto Pflege Signale gesendet, diesmal soll das Thema gar "ein für alle Mal gelöst" werden. Über verienfachende Politik. Und Unverfügbarkeit. 

1945 1960 1980 2000 2020

Wie vor jeder Wahl werden in puncto Pflege Signale gesendet, diesmal soll das Thema gar "ein für alle Mal gelöst" werden. Über verienfachende Politik. Und Unverfügbarkeit. 

Der Altersforscher Leopold Rosenmayr hat sich wie kein Zweiter mit dem vielschichtigen Phänomen menschlichen Reifens beschäftigt. Doch am Ende seines eigenen Lebens fiel sein Resümee recht dunkel aus: „Altern ist ein kontinuierlicher Prozess des Verlustes, an dessen Ende der Tod steht“, meinte er.

Schwach werden, abhängig werden, nicht mehr Herr oder Frau der eigenen Sinne und Denkprozesse sein: Vor einem solchen unverfügbaren Ende haben in der gegenwärtigen, auf Autonomie ausgerichteten Gesellschaft die meisten Menschen Angst. So viel Angst, dass die Debatte über „Exit-Strategien“ immer neue Nahrung erhält. Natürlich, eine steigende Lebenserwartung ist zuvorderst erfreulich – und alt zu sein, hat viele Vorzüge: Es erschließt nicht zuletzt die Möglichkeit, einen milden Blick auf sich und die Welt zu entwickeln. Schwierig wird es, wenn das oft aktive, dritte Lebensalter (das mit der Pension beginnt) in das von Fragilität gekennzeichnete vierte übergeht.

Solche Phasen sind auch und besonders für die Betreuenden eine Grenzerfahrung. 84 Prozent aller Pflegebedürftigen werden in Österreich zu Hause (und zumeist von Frauen) umsorgt, zugleich leiden 90 Prozent der sich Kümmernden unter psychischen Belastungen. Nur ein Drittel erhält Unterstützung durch mobile Dienste. Schon jetzt steht das System Pflege also an der Kippe, doch die eigentlichen Herausforderungen kommen erst: Bis 2050 werden rund 80.000 zusätzliche Pflegekräfte nötig sein.

Der Wahlkampf als Simplifizierungsmaschine

Wie das alles bewerkstelligt und finanziert werden soll, wird seit Jahrzehnten mehr oder minder ernsthaft diskutiert. Auch die türkis-blaue Regierung hatte (wie viele vor ihr) eine umfassende Reform geplant, die Ende des Jahres präsentiert werden sollte. Nun, im Wahlkampf, ist plötzlich alles ganz einfach: Nicht nur haben sich alle Parlamentsparteien darauf geeinigt, endlich das Pflegegeld zu valorisieren (die Angst der zuerst skeptischen und vor Wahlzuckerln warnenden ÖVP vor einer Abstrafung war offenbar zu groß); auch das Thema Pflege soll laut VP-Chef Sebastian Kurz „ein für alle Mal gelöst“ werden.

Gute Ideen. Und die Umsetzung?

Tatsächlich beinhaltet das türkise Pflegekonzept mit dem Titel „In Würde altern können“ wichtige Punkte: ein verpflichtendes Gütesiegel für Organisationen, die 24-Stunden-Betreuung anbieten; die (überfällige) Regelfinanzierung für den Palliativ- und Hospizbereich; oder ein One-Stop-Shop-Prinzip. Vielfach bietet das Papier aber nur Überschriften. Und manche Ideen wie eine „Pflegelehre“ gelten Experten als kontraproduktiv.

Wie Menschen für den Pflegeberuf gewinnen? Diese Frage bleibt zentral. Weiter Pflegefachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, wird allein nicht reichen. An besseren Arbeitsbedingungen und einer adäquaten Bezahlung (und Wertschätzung) von Pflegekräften führt kein Weg vorbei. Doch das kostet Geld. Womit wir bei der Finanzierung wären. Der ÖVP-Vorschlag, eine Pflegeversicherung zu etablieren, ist an sich diskussionswürdig. Doch wie sich am Beispiel Deutschland zeigt, hat eine solche Versicherung auch Tücken – und die Idee, sie ausgerechnet der kleinen Unfallversicherungsanstalt AUVA aufzubürden und den Rest budgetär zu begleichen, ist – freundlich gesprochen – originell. Umgekehrt kann man aber auch eine reine Steuerfinanzierung des Pflegebereichs hinterfragen: Im Gesundheitsbereich wäre das mit dem Argument der „Unsicherheit“ ein absolutes No-Go.

„Ein für alle Mal gelöst“ wird das Thema also so bald nicht werden, so ehrlich muss man sein. Aber vielleicht gelingt es wirklich ab Oktober, Pflege völlig neu zu denken: inklusive „Caring Communities“ und Prävention. Das wird nicht einfach werden. Aber was ist schon simpel, wenn es um die Würde geht?

Der Altersforscher Leopold Rosenmayr hat sich wie kein Zweiter mit dem vielschichtigen Phänomen menschlichen Reifens beschäftigt. Doch am Ende seines eigenen Lebens fiel sein Resümee recht dunkel aus: „Altern ist ein kontinuierlicher Prozess des Verlustes, an dessen Ende der Tod steht“, meinte er.

Schwach werden, abhängig werden, nicht mehr Herr oder Frau der eigenen Sinne und Denkprozesse sein: Vor einem solchen unverfügbaren Ende haben in der gegenwärtigen, auf Autonomie ausgerichteten Gesellschaft die meisten Menschen Angst. So viel Angst, dass die Debatte über „Exit-Strategien“ immer neue Nahrung erhält. Natürlich, eine steigende Lebenserwartung ist zuvorderst erfreulich – und alt zu sein, hat viele Vorzüge: Es erschließt nicht zuletzt die Möglichkeit, einen milden Blick auf sich und die Welt zu entwickeln. Schwierig wird es, wenn das oft aktive, dritte Lebensalter (das mit der Pension beginnt) in das von Fragilität gekennzeichnete vierte übergeht.

Solche Phasen sind auch und besonders für die Betreuenden eine Grenzerfahrung. 84 Prozent aller Pflegebedürftigen werden in Österreich zu Hause (und zumeist von Frauen) umsorgt, zugleich leiden 90 Prozent der sich Kümmernden unter psychischen Belastungen. Nur ein Drittel erhält Unterstützung durch mobile Dienste. Schon jetzt steht das System Pflege also an der Kippe, doch die eigentlichen Herausforderungen kommen erst: Bis 2050 werden rund 80.000 zusätzliche Pflegekräfte nötig sein.

Der Wahlkampf als Simplifizierungsmaschine

Wie das alles bewerkstelligt und finanziert werden soll, wird seit Jahrzehnten mehr oder minder ernsthaft diskutiert. Auch die türkis-blaue Regierung hatte (wie viele vor ihr) eine umfassende Reform geplant, die Ende des Jahres präsentiert werden sollte. Nun, im Wahlkampf, ist plötzlich alles ganz einfach: Nicht nur haben sich alle Parlamentsparteien darauf geeinigt, endlich das Pflegegeld zu valorisieren (die Angst der zuerst skeptischen und vor Wahlzuckerln warnenden ÖVP vor einer Abstrafung war offenbar zu groß); auch das Thema Pflege soll laut VP-Chef Sebastian Kurz „ein für alle Mal gelöst“ werden.

Gute Ideen. Und die Umsetzung?

Tatsächlich beinhaltet das türkise Pflegekonzept mit dem Titel „In Würde altern können“ wichtige Punkte: ein verpflichtendes Gütesiegel für Organisationen, die 24-Stunden-Betreuung anbieten; die (überfällige) Regelfinanzierung für den Palliativ- und Hospizbereich; oder ein One-Stop-Shop-Prinzip. Vielfach bietet das Papier aber nur Überschriften. Und manche Ideen wie eine „Pflegelehre“ gelten Experten als kontraproduktiv.

Wie Menschen für den Pflegeberuf gewinnen? Diese Frage bleibt zentral. Weiter Pflegefachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, wird allein nicht reichen. An besseren Arbeitsbedingungen und einer adäquaten Bezahlung (und Wertschätzung) von Pflegekräften führt kein Weg vorbei. Doch das kostet Geld. Womit wir bei der Finanzierung wären. Der ÖVP-Vorschlag, eine Pflegeversicherung zu etablieren, ist an sich diskussionswürdig. Doch wie sich am Beispiel Deutschland zeigt, hat eine solche Versicherung auch Tücken – und die Idee, sie ausgerechnet der kleinen Unfallversicherungsanstalt AUVA aufzubürden und den Rest budgetär zu begleichen, ist – freundlich gesprochen – originell. Umgekehrt kann man aber auch eine reine Steuerfinanzierung des Pflegebereichs hinterfragen: Im Gesundheitsbereich wäre das mit dem Argument der „Unsicherheit“ ein absolutes No-Go.

„Ein für alle Mal gelöst“ wird das Thema also so bald nicht werden, so ehrlich muss man sein. Aber vielleicht gelingt es wirklich ab Oktober, Pflege völlig neu zu denken: inklusive „Caring Communities“ und Prävention. Das wird nicht einfach werden. Aber was ist schon simpel, wenn es um die Würde geht?