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Zeit der Hoffnung

Ich habe Euch in diesen letzten sonnigen Herbsttagen des Jahres 1989 selbst gesehen. In Schlangen vor Fleischerläden, Pulloverver-kaufspulten, Tankstellen, aber auch vor Zeitungsständen, Buchhandlungen ! Und zur Sieben-Uhr-Sonntags-Frühmesse - in allereinfach-ster Baracken-Kirche auf staubigem Platz zwischen vielen Hochhäusern - habe ich Euch herbeiströmen gesehen (im Fußgänger-

ström habe ich die Kirche gefunden), den Raum dicht füllen (links neben beim Beichtstuhl eine eingerahmte Fotografie des ermordeten feschen jungen Priesters Popielusz-ko); händefaltend weit um die Eingänge geschart. Von der langen Predigt habe ich nur die Worte „Ökonomie“, „Konflikt“, „Zivilisation“, „Gott“ verstanden.

Ich habe Euch leidenschaftlich Zeitung lesen gesehen - und zusammenzucken bei der ersten Fernsehmeldung des 25. September abends: ab morgen ist der Milchpreis verdoppelt! Dann die verlegene Frage des lieben Gastgebers, ob ich ihm für seine Ersparnisse Hartwährung geben könnte. Die Verwandtschaft legte alles zusammen und erwarb den Betrag von 600 Schilling.

Die Gedenkstätte des Pawiak-Gef ängnisses im Warschauer Getto und den riesigen neuen Quader aus weißem Marmor (innen jüdische Vornamen eingemeißelt), straßenseitig mit der großen deutschen Aufschrift „Umschlagplatz“ habe ich andächtig besucht (von wo dreihunderttausend Juden in die Vernichtungslager abtransportiert wurden); das imposante neue Denkmal für den Warschauer Aufstand, die Erinnerungstafeln am Tor des hoch über der Stadt thronenden Schlosses von Lublin - Politgef äng-nis seit etwa 1800 (Österreich) bis 1954 (Stalin). Autobusse voll Schulkindern im KZ Majdanek (wie die Baracken voll Häftlingskleidern und -schuhen heute noch stinken!).

Doch lebendige Bewegung in der gänzlich rekonstruierten Altstadt Warschaus (das Königsschloß nach Gemälden Beiottos rekonstruiert!) und in den Straßen Lublins: ärmliche, friedliche Familien stellen sich vor Speiseeisausgaben an...

Und reden habe ich Euch gehört - anders, als ich es erwartet hatte nach der weltgeschichtlichen Wen-

de in diesem Sommer. Statt begeisterter Aufbruchstimmung beobachtete ich diszipliniertes Dulden, skeptisches Warten, nachdenkliches Befassen mit den unverändert prekären alltäglichen Lebensbedingungen. Ich verstand die unsägliche Erschöpfung Eurer Nation, seit Jahrhunderten von Teilung, Verfolgung, Unrecht geschwächt und in den letzten fünfzig Jahren Schauplatz, Stätte, Gegenstand und Opfer der satanischesten Niedertracht, deren diese menschliche Gattung sich als fähig erwiesen hat. Es kann gar nicht anders sein, als es tatsächlich in Polen erlebbar ist: die Einsetzung einer weitgehend selbst erwählten Regierung und die Freiheitsahnungen können nur wie ein erster undeutlicher Schimmer vor den verschwollenen Augen eines lang im Dunklen Verborgenen wahrgenommen werden, der nichts tiefer fürchtet, als den Schock vor einem neuerlichen Trugbild.

In Dutzenden persönlichen Gesprächen übermannte mich tiefste Sympathie vor solchen zugleich stolzen und skeptischen, gastfreundlichen und verschämten, vitalen und lethargischen, gutwilligen, frommen und scharf, genau denkenden Mitmenschen: was Ihr zum schieren Überleben geleistet und in diesen Sommerwochen 1989 erreicht habt, ist einmalig in der Weltgeschichte! Eine kompakte, etablierte, ideologisch und militärisch verfestigte Machtstruktur mit nichts als geistigen, moralischen Mitteln (jahrelang in übermenschlicher Geduld und Klugheit angewandt) so zu qualifizieren, daß sie ihr eigenes gewandeltes Selbstverständnis zur Gesprächsfähigkeit zwingt.

Jetzt seid Ihr so erschöpft (und auch fachlich nicht genug vorbereitet), daß die objektiv gegebene Selbstorganisationsfreiheit nicht umgehend genutzt werden kann.

Die Fragen jener etwa hundert polnischen Betriebsleiter, die den „Manager-Tagen“ der Unive*6ität Lublin beiwohnten (wo auch ich einen Vortrag hielt), kreisten um das Paradoxon, daß der „Sozialismus“, der sich explizit am „Bedarf der Menschen“ orientiert, diesen nicht decken kann, während die „nur dem Profit“ huldigende Marktwirtschaft persönliche Freiheit und gute Versorgung sicherstelle.

Mein höchst interessiert akzeptiertes Spontangleichnis lautete, daß in der entwickelten Wettbewerbswirtschaft der „Gewinn“ so

wenig rasch und direkt herangerafft werden könne, wie andere hohe Werte, etwa die Liebe oder der Frieden. Diese sind redlich - und langfristig beständig - nur indirekt durch umfangreiche, umfassende wohltuende Vorleistungen zu erzielen. „Marketing“ verlangt völlige Einstimmung auf Kundenbedürfnisse, die ihrerseits direkt oder indirekt einem existentiellen Endzweck dienen. Jede andere „Aneignung“ von Gewinn ist systemwidrig, ist kriminell, wird durch eine Wettbewerbs- und Informationsgesellschaft mittelfristig ausgeschieden. Im Fall von Liebe oder Frieden ist vorleistungslose Aneignung pervers, straft sich selbst durch immanente Erneuerungsunfähigkeit. (Meine fachakademische Si-multan-Übersetzerin kam nach diesem Referat zu mir und bedankte sich für diesen auch ihre Überzeugung bestätigenden Vergleich.)

Immer wieder befragte ich meine Gesprächspartner, was ich - als Machtloser in Politik oder Finanz -den polnischen Menschen heute Gutes tun könne. Die Antwort: Mut zusprechen, den Sinn der aktuellen Nöte erklären, Vertrauen in die Regierung vermitteln.

Nun denn: Ihr habt, liebe Polen, gegenwärtig den Ministerpräsidenten mit dem liebsten, menschlichsten, verehrungswürdigsten Gesicht unter allen Politikern der Erde! Das ist kein professionelles „Pokerface“, sondern der gütige und kluge Blick eines vom gleichen Leid Geprüften. Ihm würde ich mein Schicksal immer anvertrauen.

Das Eure Wirtschaft so schädigende groteske Währungsgefälle muß durch eine (leider von exorbitanten Preissteigerungen begleitete) Neubewertung der Arbeit und der Waren bis zur schließlichen freien Konvertibilität so gesunden, daß freie internationale Wirtschaftsbeziehungen möglich werden. Es ist auszuschließen, daß die polnische Nation nicht fähig wäre, unter modernen Rahmenbedingungen von Gesellschaft und Wirtschaft sich genau so gut und selbst zu erhalten und zu versorgen, wie andere europäische Demokratien.

Die enge Pforte dorthin heißt Produktivität, Rationalisierung, Marketing, Sozialrecht und Information. Zuletzt eine einschlägige persönliche Erinnerung an das Jahr der so tragisch mißlungenen Erneuerungsbewegung der Tsche-

choslowakei, 1968: Ich habe damals (als ich meinen ersten Sohn im Meldeamt eintragen ließ) ein soeben geflüchtetes Prager Ehepaar mit zwei Kindern kennengelernt und ab dann etwa zwei Monate lang betreut. In dieser Zeit besorgte ich für den Arzt eine befristete Stelle im Medizinbereich, für die Frau (Schneiderin) eine Stelle in einem Pelzgeschäft, für die Kinder kurzfristige Einschulung; ferner eine Übergangswohnung und sämtliche Adressen und Kontakte für ihre Zukunftsgestaltung.

Mein dankbarer Gast sagte damals, jetzt habe er erst die Effizienz der freien Welt verstanden, denn sogar er - obwohl politischer Gegner des kommunistischen Systems - habe immer nur in Kategorien von Ministerien und Ämtern gedacht, die er mit seinem Fall befassen müsse. Nun aber sei ihm klar geworden, daß er selbst für alle Informationen, Kontakte, Planungen und Maßnahmen sorgen müsse.

Wenn also gesellschaftliche und wirtschaftliche Liberalisierung die

BeWährungsfelder öffnet, wenn die deviaten Zwangsabläufe und kollektiven Defizite beseitigt werden, dann müssen diese Flächen von konstruktiven Menschen besetzt und saniert und ertüchtigt werden. Diese Potentiale sind durch Zehntausende Initiativen, durch unzählige ökonomisch richtige Einzelentscheidungen zu effektuieren. Tatsächlich, wie Euer Regierungschef es gesagt hat, materiell ein Neuaufbau wie nach einem Krieg. Denn unbestellte Felder, Weiden ohne Herden, ein praktisch lahmgelegtes Telefonsystem, Tausende fabriksneue Autos ohne Reifen auf Halde, mangels effizienter Post Päckchen Ausländern zur Weitersendung mitgegeben, gefährdeter Frühstückstee, weil zum Anzünden des Gasherdes die Zündhölzer fehlen... entsprechen nie und nimmer der echten Fähigkeit polnischer Menschen.

Moralische, materielle und fachliche Solidarität und wärmste persönliche Zuwendung mögen Euch bestärken.

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