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Zeitbombe Chemie

Obwohl es seit 1949 bereits 25 Unfälle bei der Produktion der Chemikalie Trichlorphenol gegeben hat, bei denen rund 2000 Arbeiter zum Teil schwere Gesund- heitsschäden davontrugen (1973 bei der Chemie Lin…indestens 100 Fälle von Chlorakne), hat erst die Chemiekatastrophe von Seveso für weltweites Aufsehen gesorgt.

Seit Seveso ist Chemie in Verruf geraten, und viele Menschen weigern sich heute, dem Gang des sogenannten „chemischen Fortschritts” noch vorbehaltlos zu vertrauen.

Die Weltproduktion von organischen Chemikalien beträgt heu-

te 20 Millionen Tonnen pro Jah…as ist ein Gramm auf jeden Quadratmeter Erdoberfläche. 50.000 chemische Stoffe in mehr als einer Million Zubereitungen finden sich auf dem Weg zwischen Retorte, Marktplatz, Haushalt, Müllverbrennung und -deponie. Täglich stoßen neue Moleküle in eine angebliche Marktlücke. Niemand weiß genau, wie viele; allein innerhalb der EG kann mit einer jährlichen Vermarktung von 3000 neuen Stoffen gerechnet werden.

Die Gefahren chemischer Stoffe werden häufig erst an den Spätfolgen erkennbar, das heißt, sie entpuppen sich als Krebsauslöser, stellen sich als Chemikalien heraus, die das menschliche Erbgut verändern oder aber Mißbildungen beim menschlichen Fötus bewirken…

Würde man bei der Entwicklung eines neuen Pestizids alle nach der bisherigen Erfahrung notwendigen Langzeittests auf

• das weitere Schicksal der Substanz und ihrer Abbauprodukte in Boden, Wasser und Nahrungsketten;

• die mögliche Wirkung dieser Stoffe auf höhere Sinnesfunktionen (Intelligenz- und Verhaltenstest);

• mögliche Krebsauslösung;

1die Erzeugung von Mißbildungen an Embryonen;

• die Erzeugung von Erbschäden (über -zig Generationen) fordern, müßten dafür von den Herstellern astronomische Summen aufgebracht werden.

Da Schädlingspopulationen zudem bereits nach drei bis zehn Jahren gegen das neue Mittel resistent werden können, kommt das Präparat gar nicht auf ausreichend lange Amortisationszeiten …

Wenn sich Verbraucher Gedanken über Rückstände in Lebensmitteln machen, berufen sich die chemische Industrie und ihre Anhänger immer wieder auf Höchstmengenverordnungen. Die dort angegebenen Grenzwerte legen fest, wieviel von welcher Chemikalie auf Lebensmitteln gerade noch vertretbar ist.

Niemand streitet heute mehr ab, daß unsere Nahrung mit unerwünschten Giften belastet ist, doch wird immer wieder behauptet, diese Rückstandswerte lägen weit unterhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Toleranzgrenzen und seien somit ungefährlich. Doch das ist nur die halbe Wahrheit:

Der Mensch ist keine Labormaus, die einige Monate unter dem Einfluß einer einzelnen, gut bekannten Testsubstanz lebt, sondern er ist viele Jahrzehnte lang den verschiedensten Umweltgiften aus Landwirtschaft, Technik. Pharmazie, Haushalt,

Kosmetik, usw… ausgesetzt.

Niemand weiß, wie diese verschiedenen Chemikalien im Körper reagieren, ob und wie sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken, und es wäre auch eine undurchführbare Aufgabe, dies herausfinden zu wollen.

Höchstwerte werden festgelegt für einen erwachsenen, gesunden Menschen von etwa 70 Kilo Körpergewicht. Was aber ist mit den Alten, den Kranken und vor allem mit den Kindern?

Der größte Haken bei der Höchstmengendiskussion liegt aber zweifellos bei der Summenbildung.

„Die österreichische Industrie bringt in ihrer Gesamtheit eine Schmutzfracht in die Fließgewässer ein, die in grober Abschätzung etwa doppelt so hoch ist wie die aller häuslichen Abwässer Österreichs zusammengenommen”, heißt es im „Wasserbericht” des Bundesinstitutes für Gesundheitswesen.

Die BRD ist wohl noch schlimmer dran: Nur rund zehn Prozent der chlororganischen Verbindungen, die z. B. dem Rhein zugemu-

Industrie muß mithelfen tet werden, stammen aus Haushalten. Für den Rest ist hauptsächlich die Zellstoff- und Chemieindustrie verantwortlich.

Daran ließe sich vermutlich einiges ändern, wenn man hierzulande dem Beispiel der Brasilianer folgen würde: Industriebetriebe müssen ihr Nutzwasser unterhalb des Abwassereinleiters entnehmen. Mit anderen Worten: Die Brühe fließt zu jenen zurück, die sie erzeugt haben.

Daher ist es kaum verwunderlich, daß Freimut Duve, Mitglied des Deutschen Bundestags, anläßlich des internationalen Symposiums „Chemie-Mensch-Um- welt” 1980 am Gottlieb-Duttwei- ler-Institut in Zürich folgenden Appell an die versammelten Vertreter der chemischen Industrie richtete:

„Sie müssen sich heute zunehmender Kritik, Skepsis und Zorn von Bürgern erwehren. Weil Ihre Branche in der Tat für eine Reihe gigantischer Fehlentwicklungen verantwortlich ist… Einem Jahrhundert der Vergiftung der Industriegesellschaft müssen Jahrzehnte der Entgiftung folgen, und ohne die aktive und überzeugte Teilnahme der in der Industrie Tätigen und für sie Verantwortlichen wird eine Entgiftungsstrategie erfolglos bleiben.”

Auszüge aus: ZEITBOMBE CHEMIE. Von Hanswerner Mackwitz und Barbara Köszegi. Verlag Orac Pietsch, Wien 1983. 284 Seiten, öS 228,-.

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