6879848-1979_05_19.jpg
Digital In Arbeit

Zentrum für Kultur und Geistesleben

„Wo der Schatten eines Mönchs hinfällt, dort wächst kein Gras mehr.“ Dieser Ausspruch stammt von Großrat Augustin Keller, der 1841 bei der Aufhebung der Zisterzienserabtei Wettingen im Kanton Aargau die treibende Kraft war. Trotz langen Suchens fanden die vertriebenen Mönche in der Schweiz keine Möglichkeit, ihr benediktinisches Gemeinschaftsleben fortzusetzen. So erwarben sie in Vorarlberg 1854 das seit 1806 leerstehende Benediktinerkloster Mehrerau bei Bregenz und ließen sich dort nieder.

Das alte Kloster bot freilich einen wenig einladenden Anblick: die schöne Barockkirche war nach der Vertreibung der Benediktiner abgerissen worden, die Schul- und Ökonomiegebäude waren eine Brandruine. Leidlich gut erhalten zeigte sich das schön und praktisch gebaute Klosterquadrum aus der Spätbarockzeit, und einmalig war vor allem die ruhige Lage direkt am Ufer des Bodensees.

Geistesleben und Kultur rund um den Bodensee trugen seit dem frühen Mittelalter einen starken monasti-schen Akzent. Dafür sorgten die großen und berühmten Abteien St. Gallen, Reichenau, Weingarten, Salem, Petershausen, Schaffhausen usw. Mehrerau stand in alter Zeit eher im Schatten dieser bedeutenden Stifte. Jetzt, nachdem alle diese Klöster in den napoleonischen Wirren untergegangen waren, war Mehrerau die einzige monastische Abtei am Bodensee. Hat sie das kostbare Kulturerbe dieser alten Stiftungen übernommen und weitergeführt?

Es ist klar, daß dies nur in einem sehr beschränkten Umfang möglich war. Zuerst fehlten dazu einmal alle Mittel. Das kleine Häuflein von zehn Mönchen hatte alle Hände voll damit zu tun, das alte Kloster mit zusammengebetteltem Hausrat einzurichten und eine nach damaligem Zeitgeschmack geplante neuromanische Kirche auf die alten Fundamente zu bauen. Am interessantesten aber ist die Feststellung, daß diese Zisterzienser gar nicht Kulturträger im landläufigen Sinn sein wollten. Was sie im Sinne hatten, war vorerst ausschließlich ein treues und konsequentes Ordensleben nach der Regel des hl. Benedikt und den Satzungen von Citeaux in Gebet und Arbeit zu führen.

So sehen bis heute die Mehrerauer Zisterzienser ihre Hauptaufgabe weniger in großangelegter Tätigkeit nach außen. Pfarreien wurden nicht übernommen, wohl aber leisten die Patres nach Kräften Aushilfe in der Seelsorge. Zur eigentlichen innerklösterlichen Aufgabe wuchsen Erziehung und Unterricht der Jugend heran. Heute führt das Kloster ein Gymnasium mit 270 Schülern, die fast alle im angeschlossenen Internat Kollegium S. Bemardi leben. Lange Zeit wurde auch eine Handelsschule und die Landwirtschaftliche Fachschule des Landes Vorarlberg hier geführt.

Durch diese Schultätigkeit engagiert sich die Mehrerau ganz von selbst in der Kulturpflege des Landes, sei es auf dem Gebiet der Musik, besonders der Kirchenmusik, des Theaters, der darstellenden Künste oder auch des Sports.

An Sehenswürdigkeiten und Kunstschätzen kann die Mehrerau mit den alten österreichischen Stiften nicht konkurrieren. Die Wettinger Zisterzienser brachten zwar aus der Schweiz nicht unbedeutende Kunstwerte an kirchlicher Goldschmiedearbeit, Paramenten, Bildern und wertvollen Büchern mit; anderes wuchs später dazu, sodaß das Kloster heute eine Bibliothek von etwa 120.000 Bänden und mehrere Sammlungen (Handschriften, Inkunabeln, Siegeln, Münzen, Stiche) besitzt.

Im Bereich von Forschung und Wissenschaft konnten sich mehrere Patres einen Namen machen. Seit 1889 gibt die Mehrerau eine ordenshistorische Zeitschrift, die „Cister-cienser Chronik“ heraus, die lange Zeit das einzige historische Organ in . deutscher Sprache war.

Das Gotteshaus des Klosters präsentiert sich als moderne Kirche, was manchen Besucher, der bei einer alten Abtei von vornherein Romanik, Gotik oder Barock vermutet, wundert. Um 1960 entschloß sich der Konvent zu einer umfassenden Renovation der Kirche, die in ihrer neuromanischen Form sehr düster und nie besonders glücklich war und überdies wegen Entfernung des Kupferdaches während der NS-Zeit beträchtliche Schäden aufwies.

Der Architekt bekam den Auftrag, einen den strengen und nüchternen Bauvorschriften der alten Zisterzienser entsprechenden Raum in heutiger Formsprache zu schaffen. Von der alten Kirche blieben nur die Außenmauern und der Dachstuhl stehen. So betreten wir eine weite Hallenkirche mit sichtbarem Dachgebälk; ihr einziger und schönster Schmuck ist das Licht. Die Mehrerauer Gnadenmutter und einige wertvolle gotische Tafelbilder fanden in Seitenkapellen Platz. Die Kirche bietet zwei guten Orgeln eines weltbekannten Vorarlberger Orgelbauers Heimstatt: der Hauptorgel auf der Empore, die bei festlichen Anlässen den Gottesdienst führt und verschönert und mehrmals im Jahr Mittelpunkt der „Mehrerauer Kirchenkonzerte“ ist, und der Chororgel im Querschiff, die den Choralgesang der Mönche zu begleiten hat.

Während des Kirchenumbaus wurde ein bedeutender Fund gemacht: die Fundamente der 1125 eingeweihten romanischen Basilika konnten zur Gänze freigelegt werden, sodaß der Besucher der Unterkirche am aufsteigenden Mauerwerk das wechselvolle Schicksal dieses Gotteshauses im Lauf der Jahrhunderte ablesen kann.

Ein Zeichen besonderer Ausstrahlung von Mehrerau über den Bodenseeraum hinaus soll zum Abschluß erwähnt werden. In den Jahrzehnten zwischen 1880 bis 1938 hatte das Kloster einen überdurchschnittlichen Zuzug von Eintritten zu verzeichnen. Dadurch gelang es, mehrere alte Abteien des Ordens, in Deutschland, der Schweiz und Jugoslawien wieder zu besiedeln; andere Klöster schlössen sich diesem Ordensverband an, sodaß die Mehrerauef Zisterzienserkongregation heute aus sieben Männerabteien, 2 Prioraten und neun Frauenabteien mit etwa 400 Schwestern und Mönchen besteht.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau