Winnetou: Unwohlsein übers Unwohlsein

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Die Grenze zwischen politischer Korrektheit und Irrsinn wird gerade ausgetestet. Über alte und neue Bauchkrämpfe.

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Die Grenze zwischen politischer Korrektheit und Irrsinn wird gerade ausgetestet. Über alte und neue Bauchkrämpfe.

Vor langer, langer Zeit, im Gymnasium, stand es für das monatliche Unaussprechliche. „Unwohlsein“ – das rettete junge, reife Damen über so manch verhasste Turnstunde hinweg. Heute hat dieses Unbehagen längst alle Geschlechter- und Gendergrenzen durchbrochen – und die Grenzen zur Satire erst Recht.

Wo die Grenze zum Irrsinn verläuft, wird gerade getestet. Zum Beispiel in der Schweiz, wo eine linksalternative Bar ein Konzert eines blassen Musikers cancelte, weil Gäste und Mitarbeiter nach Anschauung kulturell illegitim angeeigneter roter Dreadlocks schwerstes Unwohlsein befiel; oder beim Ravensburger Verlag, der das verderbte Buch „Der junge Häuptling Winnetou“ nicht rechtzeitig von einem „Sensitivity Reader“ auf dessen Wohlfühlfaktor prüfen ließ; oder an manch britischer Uni, wo ausgerechnet Colson Whiteheads Roman „Underground Railroad“, der von Fluchthelfern und Rassisten erzählt, wegen möglicher Triggerfolgen durch drastische Darstellungen von Sklaverei „dauerhaft“ von den Leselisten entfernt wurde. Auch über die emotionale Belastung durch August Strindbergs „Fäulein Julie“ gab es Beschwerden.

Das Unwohlsein über derlei Unwohlsein wächst. Bauchkrampf nichts dagegen.

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