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Zugluft fuhrt zu „falschen Winden“

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China hat sich gegenüber dem Westen geöffnet. Mit der frischen Zugluft kommen auch „falsche Winde“. Das Land lebt in einem Spannungsfeld zwischen Tradition, Marxismus und notwendiger Modernisierung.

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China hat sich gegenüber dem Westen geöffnet. Mit der frischen Zugluft kommen auch „falsche Winde“. Das Land lebt in einem Spannungsfeld zwischen Tradition, Marxismus und notwendiger Modernisierung.

China ist eine Welt für sich. Wahrscheinlich gibt es hier Gebiete, in denen man von den vier Modernisierungen und der Öffnungspolitik überhaupt keine Kenntnis hat“, erzählt ein Österreicher, der seit längerer Zeit in Beijing (Peking) lebt.

Dieses China bleibt nicht nur ausländischen Besuchern verborgen, sondern auch Ausländern in China. So wie sich Beijing, Shanghai und Guangzhou (Kanton), wie sich alte Sehenswürdigkeiten und neue Wirtschaftszentren präsentieren, sind sie zwar durchaus typisch, aber doch wieder atypisch für die Volksrepublik mit ihrer Bevölkerungsmilliarde.

Es sind nicht nur Sicherheitsvorkehrungen, die die Bewegungsfreiheit für Ausländer einschränken, vor allem ist es das Bemühen, das den Blicken vorzuenthalten, was nicht zum Bild vom neuen, aufstrebenden China paßt: eine selektive Öffnungspolitik.

Entgegen dieser Geheimniskrämerei gibt man sich andererseits ungeniert offen. Regelmäßig berichten chinesische Zeitungen, auch das englischsprachige Blatt „China Daily“ für Ausländer, von Wirtschafts- und Korruptionsskandalen im Gefolge der Öffnungspolitik.

Im September ist beispielsweise in der Provinz Jiangxi ein solcher geplatzt: Die dortigen Partei- und Verwaltungsbehörden haben, wurde enthüllt, in den letzten 18 Monaten 17,8 Millionen Yuan für den Import ausländischer Luxusautos ausgegeben, „unnotwendig und ungesetzlich“.

Von ,J?rotzertum, Wohlstandssucht und westlichen Modetorheiten“ ist die Rede, aber auch vom volkswirtschaftlichen Schaden, weil die Provinzfunktionäre mit ihrer Vorliebe für ausländischen Luxus - die Autos mußten mit Klimaanlage, elektronischen Raffinessen und ähnlichen Extras ausgestattet sein — die inländische Kraftfahrzeugproduktion aus dem Markt verdrängten.

Zuvor wurden im Juli reihenweise führende Parteifunktionäre auf der zur Provinz Guangdong gehörenden Insel Hainan gefeuert, weil sie in einen riesigen Wirtschafts- und Schiebungsskandal involviert waren, in dessen Rahmen sie 89.000 Autos und andere Luxusgüter illegal importiert und in andere Teile Chinas mit großem Profit weiterverkauft hatten.

Diese Offenheit ist erzieherisch motiviert: Sie ist ein Teil des Feldzuges gegen blinde Konsumwut, gegen die - im Parteijargon verdammte — „Anbetung des Geldes“. Die durch die Öffnungspolitik entstandene Zugluft bringt auch „falsche Winde“ ins Land. Hemmungslose Konsumbegierde und kleinbürgerliches Denken werden daher als kapitalistische Unsitten angeprangert, eine sozialistische Sittlichkeit wird gefordert.

Während Reformgegner eher diese Gefahren überschätzen, schätzen einige ausländische Beobachter den „Sieg des Kapitalismus“ über den Marxismus aufgrund von Einzelerscheinungen wahrscheinlich falsch ein.

China ist und bleibt marxistisch in dem Sinn, daß das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln — trotz aller Reformen und der Hereinnahme ausländischen Kapitals — dominiert. So „kapitalistisch“ das Leistungsprinzip scheinen mag, orientiert es sich ebenso am marxistischen Verteilungsgrundsatz: „Jedem nach seiner Leistung.“ Weniger spricht man heute da über Bedürfnisse.

Die Praxis, sich die für chinesische Verhältnisse geeigneten Rosinen aus dem Marxismus-Leninismus herauszusuchen, hat -über alle Entwicklungsbrüche hinweg - Tradition (FURCHE 38/ 1985).

Heutige Zweifel am Fortbestand des Kommunismus sind ebenso unangebracht, jedenfalls als Herrschaftsform: Uneingeschränkt gilt die führende Rolle der Kaderpartei in Staat und Gesellschaft.

Die Kader mit ihrer Bedeutung und Macht sind dem chinesischen Wesen vertraut, viele sehen darin nur eine Fortsetzung der Tradition des Beamtensystems aus der Zeit des alten „Reiches der Mitte“.

Wie überhaupt vieles, was westliche Augen als kommunistisch in China ansehen, durchaus in alten Traditionen wurzelt. Durchaus möglich sogar, daß Chinesen westliche Spekulationen über die Zukunftsentwicklung des Landes verständnislos bestaunen.

Individualität nach unserem Verständnis ist dem Chinesen fremd. Nicht erst heute lernt er kollektiv zu leben und zu handeln.

Selbstlosigkeit, Ehrerbietung gegenüber Älteren und Vorgesetzten, Höflichkeit, Treue gegenüber Familie und Herrscher sind konfuzianische Tugenden, die Zeiten und Systeme überdauert haben. Dazu kommt die Idee des konfuzianischen Staates, der sich - zentralisiert — an Ordnung und Leistung orientiert, der seine Bürger reglementiert und kontrolliert. Und dazu gesellt sich — zwar im Widerspruch zum klassischen Marxismus, aber im Einklang mit dem neuen Reformsystem — der Glaube an Ungleichheit, die Legitimation einer strengen Hierarchie.

Sicher haben sich Gewichte verschoben: Zwar ist die Familie nach wie vor eine Keimzelle, doch die Großfamilie, der Clan, hat seine Macht an die Danwei, an die Einheit verloren.

Die Einheit ist heute die „Großfamilie“, die Einheit von Arbeitsund Wohnbereich, Schule und Freizeit, die alles regelt und sichert: die wirtschaftlichen wie die sozialen Grundvoraussetzungen, kulturelle und gesundheitliche Betreuung.

In die Einheit wird der Chinese hineingeboren, sie teilt ihm Lebenschancen zu, entscheidet über seine Ausbildung, erteilt die Genehmigung zur Eheschließung und erlaubt es einem Ehepaar, sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Kollektives Denken, kollektives Führen: Darauf baute und baut China auf.

Unten Vielfalt und Diskussion, oben Zentralismus und Einheit: Lenins Idee vom „demokratischen Zentralismus“ ist hier chinesisch ausgeformt.

Apropos Familie: Die Einschränkung auf die Ein-Kind-Fa-milie — von der aber, das gilt es hervorzuheben, Minderheiten ausgenommen sind — trifft die -Chinesen mit ihrer ausgeprägten Kinderliebe hart.

An der Maßnahme zur Eindämmung der Bevölkerungsexplosion äußern Gesprächspartner heute schon Kritik. Es gibt soziale Reibereien. „Die Einzelkinder“, nennt ein Jugendfunktionär in Hangzhou eines der Probleme, „sind verwöhnt. Es fällt ihnen schwerer, Sozialkontakte zu knüpfen, soziales Bewußtsein zu entwickeln.“

Nicht von gesellschaftlich unerwünschten Entwicklungen zu reden: Bei nur einem erlaubten Kind müssen viele Mädchen den Wunsch nach einem strammen Stammhalter durch Abtreibung büßen. Ein unheilvoller Schritt, den nicht nur ältere, sondern auch junge chinesische Gesprächspartner als Irrweg ansehen. „Wir hoffen nur, daß mit einer besseren wirtschaftlichen Entwicklung die Ein-Kind-Be-schränkung wieder fällt“, kann man unter vier Augen hören.

Eine bessere wirtschaftliche Entwicklung, ein besseres Leben: Das ist die Antriebskraft der Chinesen hinter dem Reformkurs von Partei und Regierung.

Jetzt kommt wieder — auch eine Tradition — die chinesische Geschäftstüchtigkeit zum Tragen: freie Märkte, Handwerksbetriebe, private Restaurants schießen aus dem Boden.

Die Chinesen — ausländische Geschäftsleute bestätigen dies sofort - haben ein ausgeprägtes Gespür fürs Geschäftemachen. Das schlägt sich jetzt positiv nieder. Von den negativen Folgen dieser Tüchtigkeit war schon eingangs zu lesen.

Kapitalismus im engeren Sinn ist aber den Chinesen wohl ebenso fremd wie dogmatischer Marxismus.

Aber auch hier scheint es, daß sich die Chinesen die Rosinen heraussuchen: Kapitalistisch ist, wenn man so will, heute das Bemühen, vorhandene Ressourcen maximal auszuschöpfen. Das Eingeständnis, daß Konkurrenz ein Antrieb ist. Das Interesse an der Maximierung der Erträge. Teilweise auch das Zugeständnis, daß wirtschaftliche Entscheidungen mit Rücksichtnahme auf den Markt gefällt werden müssen.

Von einem chinesischen Sozialwissenschaftler in Beijing hören österreichische Gäste die Überlegung, wie China in diesem Spannungsfeld zwischen Tradition, Marxismus und Modernisierung bestehen will:

„Das Fortschrittliche vom alten China müssen wir für die heutige Entwicklung nutzen. Konfuzius und Menzius haben sinngemäß gesagt: ,Die Grundlage des Landes ist das Volk. Nichts soll subjektiv, alles soll objektiv behandelt werden. So müssen sich auch Erziehung und Ausbildung gestalten. Der Mensch muß der Natur folgen, nicht umgekehrt.' Die Bedürfnisse des Staates und der Gesellschaft und die Wünsche des einzelnen nach persönlicher Entfaltung müssen durch, Kompromisse in Harmonie gebracht werden.“

Harmonie - das eigentliche Ideal Chinas über Jahrtausende hinweg. Der Wunsch nach Ruhe und Ordnung, den Mao Zedongs „Kulturrevolution“ empfindlich gestört hat. „Jeder ist seine unebenen Wege gegangen“, bekennt ein Sozialwissenschaftler ehrlich.

Vieles von dem, was den China-Besucher unserer Tage verblüfft, China-Kenner wird man nicht nach einer Studienreise, deutet '4 trotz aller politischer Zick-Zack-Bewegungen der Vergangenheit-auf Kontinuität hin.

Daher steht Konfuzius hoch im Kurs. „Man kann mit Recht behaupten“, liest man heute beispielsweise in „China im Aufbau“, „daß der Konfuzianismus die moralischen Wertvorstellungen und den Charakter der Chinesen - sogar bis heute - geprägt hat.“ Und den 2540. Geburtstag des altchinesischen Philosophen im September 1989 wird die Volksrepublik, das steht heute schon fest, besonders festlich begehen. Der alte Weise ist durch mehr als ein 3,35 Meter hohes neues Denkmal in seinem Geburtsort Qufu in China präsent.

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