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Zwang zur Größe

Pestizide in der Muttermilch, Nitrate im Trinkwasser, Hormone und Antibiotika im Fleisch, Schwermetalle im Getreide: Wird die tägliche Mahlzeit bald wirklich zum Risikofaktor für die Gesundheit und kann man das Fasten bald unter einem ganz neuen Aspekt propagieren: Ein schadstofffreier Tag pro Woche?

Die neueste Studie des „österreichischen Ökologie-Institutes“ zur Lebensmittelqualität in Österreich setzt sich kritisch mit Lebensmittelerzeugern, -verar-beitern, aber auch der Lebensmittelgesetzeslage auseinander.

Grundsätzlich gilt: die Österreicher sind zu fett. Statt 2400 Kilo-Kalorien, die als Durchschnittsbedarf errechnet wurden, werden 3200 Kilo-Kalorien täglich pro Kopf verzehrt. Bei steigendem Fleischkonsum (fast 90 Kilogramm pro Kopf und Jahr) und sinkendem Kartoffel- und Getreideverbrauch gibt es trotz Nahrungsmittelüberfluß auch in Österreich Mangelerscheinungen. Oft fehlen Vitamine (vor allem der B-Gruppe), Eisen und Kalzium.

Essen scheint also eines der liebsten Hobbys der Österreicher zu sein — im Schweinefleischverbrauch sind wir sogar Weltmeister —, und doch sind es beim Verbraucher und beim Gesetzgeber vor allem die Äußerlichkeiten, nach denen die Qualität der Lebensmittel beurteilt wird. Größe und makelloses Aussehen werden bei Obst und Gemüse als wichtigste Kriterien für Güte angesehen, ohne zu beachten, daß damit oft weniger haltbare Ware gekauft wird, die durch massiven Dün-gungs- und Pestizideinsatz erst so „perfekt“ wachsen konnte. Beim Fleisch gilt helles und wenig marmoriertes Fleisch als Güteklasse I — und das ist oft PSE-Fleisch, das in der Pfanne auf die Hälfte zusammenschrumpft.

Nährwert, Gesundheitswert und Geschmackstoffe sind noch immer zweitrangig und werden offiziell im Qualitätsklassegesetz gar nicht bewertet. In dieses Gesetz sollte nach Forderung des Ökologie-Institutes auch die Umweltverträglichkeit der Produktion eines Lebensmittels einbezogen werden.

Die Qualitätsansprüche des Konsumenten sind aber nicht der einzige Zwang, dem heute der Bauer gegenübersteht. Während er lange Zeit als umweit- und lebenserhaltend in seiner Arbeit beurteilt wurde, ist heute eine zunehmende Verindustrialisierung der Landwirtschaft zu beobachten. In immer größeren und spe-zialisierteren Landwirtschaftsbetrieben werden mit Einsatz von immer mehr Maschinen und Chemikalien immer mehr Lebensmittel von immer schlechterer Qualität erzeugt.

Und dabei sinkt sowohl die Zahl der bäuerlichen Betriebe als auch deren Beschäftigte. Kleine bäuerliche Gemischtwirtschaften sind gegenüber den Großen oft nicht mehr konkurrenzfähig, da für die „moderne“ Intensivlandwirtschaft enormer Kapitalaufwand nötig ist. Handelsdünger, Pflanzenschutzmittel, Treibstoff für die Landmaschinen, Vieh- und Brutimporte sowie Futtermittel müssen teuer bezahlt werden, und die Verschuldung der Betriebe wächst ständig.

Nun schlägt sich die jährliche Produktionssteigerung in der Landwirtschaft schon seit dem Ende der siebziger Jahre als Uberschußproduktion zu Buche, die nicht mehr zur Versorgung der heimischen Bevölkerung dient, sondern teuer „gestützt“ ins Ausland verkauft werden muß.

Ein Blick auf die weltweite Entwicklung von Uberschußproduktion auf der einen und Hunger auf der anderen Hälfte der Welt zeigt, daß die Futtermittelimporte aus der Dritten Welt einen ganz wesentlichen Anteil am Zusammenbruch naturnaher Landwirtschaft bei uns und in den Entwicklungsländern haben.

Große Anbauflächen zum Beispiel in Brasilien, die früher der Lebensmittelversorgung dienten, sind heute Monokulturen zum Soja- und Tapioka-Anbau (als Futtermittel für EG-Kühe). 1982 wurden aus der Sahelzone 476.000 Tonnen Futtermittel in die EG importiert, während Tausende Menschen dort jährlich verhungern.

Die hohe Verschuldung der Entwicklungsländer zwingt diese oft, ihre landwirtschaftlichen Produkte zu exportieren. Die Weltbank fördert diese Tendenz zur finanziellen Abhängigkeit der armen Dritte-Welt-Länder mit Krediten, die an die Erhöhung der Exporterlöse gebunden sind. Gleichzeitig reduziert sie die Subventionen für Grundnahrungsmittel.

Das Bauernsterben in der westlichen Welt (auch in Österreich), das zeigt die Studie des Ökologie-Institutes deutlich, wird begleitet von einem viel drastischeren und elenderen Bauernsterben in der Dritten Welt. Und nun stellt sich natürlich die Frage, wer von dieser Entwicklung profitiert.

Es sind das multinationale Konzerne, die heute Saatgut, Düngemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel und Betriebsorganisationen vereinen (und zur Zeit auch die Gentechnik in ihrer Verantwortung forcieren) und so weltweit Preise und Verteilung von landwirtschaftlichen Gütern bestimmen.

Und die Konsumenten fördern täglich diese Entwicklung, weil sie — wie es der Biologe William Albrecht formulierte—bei der Beurteilung des „Futters“ noch immer nicht so gescheit sind wie die Kühe. Die lassen nämlich herrlich aussehendes überdüngtes Grünfutter stehen und weichen auf die karge gesunde Wiese aus.

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