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Zwei Leute dieser Zeit

1945 1960 1980 2000 2020

Die Autorin, deren Roman „Magisches Tagebuch“ (Paul Zsolnay- Verlag) im vergangenen Frühjahr Aufsehen erregt hat, meldet sich in der FURCHE mit einer neuen Kurzgeschichte zu Wort.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Autorin, deren Roman „Magisches Tagebuch“ (Paul Zsolnay- Verlag) im vergangenen Frühjahr Aufsehen erregt hat, meldet sich in der FURCHE mit einer neuen Kurzgeschichte zu Wort.

Sie fuhren beide mit der Eisenbahn, damit sie ihre Akten studieren konnten, und waren im Abteil erster Klasse allein. Sie hatten einander höflich gegrüßt und eine Bankreihe für sich in Anspruch genommen. Doch hatten sie ihre Sitzplätze so gewählt, daß jeder von ihnen seine Beine ausstrecken konnte. Auf Fensterplätze legten sie keinen Wert. Erst als der Zug auf der Strecke stehen blieb, vermutlich, weil er einen Gegenzug abwarten mußte, fehlte ihnen plötzlich das monotone Rattern.

Sie blickten zur gleichen Zeit auf und zum Fenster hinaus. Die Landschaft, die sie sahen, war nicht der Rede wert. Ein großes, abgeerntetes Feld war in der Ferne von ein paar Sträuchem begrenzt. Zwischen dem Feld und der Eisenbahntrasse verlief eine Straße, Das einzig Bemerkens-

werte an ihr war ein kleines Auto, das am Straßenrand abgestellt war. Neben ihm standen ein junger Mann und ein Mädchen. Sie hatten Blue Jeans und T-Shirts an und machten den vorbeifahrenden Autos Zeichen.

Ihr Auto wies keinen sichtbaren Blechschaden auf. Es konnte auch nirgends angeprallt sein, da sich kein Baum und kein Mast und nicht einmal ein Randstein in seiner unmittelbaren Nähe befanden. Der eine der beiden Männer sagte: „Vielleicht hat es einen Motordefekt.“

„Oder einen leeren Benzintank“, sagte der zweite. Dann wurde er plötzlich mitteilungsfreudig: ,,Es erinnert mich an eine Situation, in der ich vor vielen Jahren auch einmal war—in einer. Zeit, in der es mir noch nicht sehr gut ging. Meine Frau mußte damals noch arbeiten gehen, weil wir von meinem Verdienst kaum leben konnten. Zu zweit erwirtschafteten wir uns immerhin einen Motorroller. Wir konnten nicht oft damit fahren, denn wir hatten ein Kind, das wochentags bei meinen Schwiegereltern versorgt war.

Aber ich komme vom Thema ab. Ich wollte sagen, daß wir trotzdem einmal ein freies Wochenende bekamen: ein langes Wochenende mit einem Feiertag. Da konnten wir endlich eine kleine Reise machen, und gerade die war zu unserem Pech total verregnet. Der Roller hat auch nicht recht funktioniert. Alle paar Kilometer starb plötzlich der Motor ab, und alle Reparaturwerkstätten waren zu.

Wir waren total durchnäßt und völlig durchfroren, weil es außerdem kalt war. Aber dann kam für einige Zeit die Sonne durch, und das hat vielleicht auch dem Roller Auftrieb gegeben. Wir fuhren durch eine prächtige Landschaft dahin, am südlichen Auslauf der Glockner-Hochalpenstraße. Meine Frau und ich haben zweistimmig Lieder gesungen, weil unser Wochenende doch nicht ganz beim Teufel war. Und dann stand der Roller auf einmal wieder still. Diesmal fand ich sofort den Grund. Es war kein Benzin mehr da. In unserer Freude, weil wir endlich dahinbrausen konnten und noch dazu sonniges Wetter war, hatten wir an das Auftanken nicht gedacht.

Nun, da standen wir also, und weit und breit war kein Haus. Wir hatten auch keine Ahnung, wo eine Tankstelle war. Diese ganze Gegend kannten wir nicht. Zu allem Unglück fing es auch wieder zu gießen an.

Wir müssen einen traurigen Anblick geboten haben. Nur so kann ich mir erklären, daß schon das erste Auto anhielt. Ein junges Ehepaar saß in einem Volkswagenkäfer. Sie fuhren in die Richtung, aus der wir kamen, und ließen sich aufmerksam unser Dilemma schildern. Sofort boten sie sich an, uns Benzin zu holen. Wir sollten nur warten, bis sie wiederkamen. Ich sehe noch das Gesicht der Frau vor mir: ein ernstes, schmales, ein wenig strenges Gesicht, und ich habe noch ihre Worte im Ohr: „Sie warten aber bestimmt. Es kann länger dauern.“

Selbstverständlich beteuerten wir, daß wir warten würden. Dann fuhren die beiden hilfsbereiten Leute davon. Und stellen Sie sich vor: Wir hatten ein zweites Mal Glück. Ein leeres Lastauto kam vorbei und blieb ebenfalls

stehen. Dieses fuhr in die Richtung, in die auch wir fahren wollten. Der Fahrer war ein älterer Mann, der uns am Straßenrand frieren sah und sich erbötig machte, uns mitzunehmen. Er war schon ausgestiegen und ging daran, uns beim Aufladen unseres Motorrollers zu helfen. Ich war sofort dafür, meine Frau aber nicht. Sie dankte dem Fahrer und sagte: „Das geht leider nicht. Zwei Leute in einem Auto holen für uns Benzin. Sie kommen eigens zurück, und wir haben versprochen, zu warten.“

„Na und?“, sagte ich. „Sie sind trocken und wir sind naß. Und wer garantiert uns, daß sie wirklich wiederkommen?“

Sie sagte:

„Ich kenne mich bei Gesichtem aus. Das sind zwei, auf die man sich verlassen kann. Sie werden furchtbar enttäuscht sein, wenn wir weg sind.“

„Und wir werden furchtbar naß sein“, fuhr ich sie an, „ganz gleich, ob sie uns Benzin bringen oder nicht. Ob dann noch einmal so eine Gelegenheit kommt wie jetzt? Das Lastauto hat sogar ein Verdeck. Also hopp, steig ein!“

Sie tat es und redete lange kein Wort mit mir, und ich war ja auch nicht gerade gesprächig gestimmt.“

Der Zug setzte seine Fahrt wieder fort. Das bot dem Geschichtenerzähler, der sich in seinen Erinnerungen verlor, einen Vorwand, sein Gegenüber nicht anzuschauen und so zu tun, als wäre die Landschaft beachtenswert, als er zögernd und halb gegen seinen Willen fortfuhr:

„Ich weiß nicht, warum mir meine Frau das noch heute nachträgt. Sie sagt, daß sie mich erst seit damals richtig kennt, daß sie damals einen Wesenszug an mir entdeckt hat, der von Jahr zu Jahr

ausgeprägter geworden ist. Sogar jetzt, wo es uns wirklich gut geht — ich bin Grundstückmakler, müssen Sie wissen —, behauptet sie, ich sei nur zu Geld gekommen, weil ich gewissenlos bin, wenn es darauf ankommt. Das stimmt nicht. Ich habe nur einen gesunden Instinkt für meinen Vorteil.“

Daraufhin schwieg er plötzlich so abrupt wie er zu reden begonnen hatte. „Das geht schon zu weit ins Persönliche“, murmelte er.

„Ach ja“, sagte da sein Gegenüber. , Ach ja! Das sind so die kleinen, nichtigen Situationen, aus denen man viel zu oft ein Drama macht. Wissen Sie, daß Sie sozusagen mein Komplimentärfall sind?“

Er lachte laut auf, und dann schwieg er wieder. Später sagte er, immer noch schmunzelnd: ,.Hören Sie meinen Fall: Ich habe auch vor etlichen Jahren zwei junge Leute auf der Straße getroffen. Die standen neben ihrem Auto und konnten nicht weiter, weil kein Treibstoff in ihrem Tank mehr war. Und weit und breit war kein Haus. Das Auto war klein, und die jungen Leute sehr groß; so hochaufgeschossen, wie eben unsere Nachwuchsgeneration. Es waren zwei Burschen mit Bärten und langen Haaren. Normalerweise mag ich diese Typen nicht. Aber weil sie wirklich in Schwierigkeiten waren, sagte ich ihnen, sie sollten da stehen bleiben und warten. Von der nächsten Tankstelle käme ich mit Benzin zurück.

Das war um die Mittagszeit im Anatolischen Hochland. Ich gab ihnen noch etwas zu trinken, weil es sö heiß war, dann fuhr ich weiter und weiter, und keine Tankstelle kam, und so habe ich die beiden vorübergehend vergessen. Ich dachte an meine Freundin in Ankara, eine Türkin, mit der ich jetzt verheiratet bin. Erst am nächsten Tag fielen mir die zwei Haarigen wieder ein.

Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Uber Hochanatolien hört man ja immer wieder etwas, was einem die Lust nimmt, mit dem Auto dorthinzufahren.

Ein paar Tage habe ich mir die Zeitung gekauft. Es war aber nichts dergleichen darin zu lesen. Das hat mein Gewissen beruhigt— wenn auch nicht ganz. Denn vielleicht haben die beiden wirklich auf mich gewartet und jede,andere Hilfe ausgeschlagen. Daß sie heute noch warten, glaube ich allerdings nicht.“

Die zwei Herren schauten einander an und nickten. So etwas kann jedem passieren, dachten sie. Und beide waren auf einmal sehr froh: der eine, daß er nicht zurückgekommen war, und der andere, daß er nicht gewartet hatte.

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