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Zweite Phase der Revolte

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Neue Formen hat der Aufstand der Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen angenommen. Nationale Komitees wollen beweisen, wer in den besetzten Gebieten das Sagen hat.

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Neue Formen hat der Aufstand der Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen angenommen. Nationale Komitees wollen beweisen, wer in den besetzten Gebieten das Sagen hat.

Die zweite Phase des Aufstandes begann mit dem Aufruf des arabischen Untergrundsenders „Stimme Jerusalems“, der unter syrischer Kontrolle steht, „die Verräter zu entlarven“. Der Sender veröffentlichte Namen von arabischen Polizisten und anderen Personen, die angeblich mit Israel kooperieren würden.

Danach kam das Flugblatt Nummer zehn, das alle Polizisten der besetzten Gebiete aufforderte, ihren Dienst bei der israelischen Polizei zu quittieren. Doch niemand folgte. Daraufhin wurde ein arabischer Polizist, mit dem man schon lange abrechnen wollte, weil er ein junges Mädchen verführt hatte„ ermordet. Die Warnung war klar.

Mehr als 500 der 800 Polizisten der besetzten Gebiete reichten ihre Demission ein. Jeden Tag kommen weitere hinzu. Und praktisch sind alle Polizeistationen im Westjordanland und im Gazastreifen leer.

Inzwischen können sich die Bewohner dieser Gebiete bei niemandem beschweren, wenn bei ihnen eingebrochen, eine Frau vergewaltigt oder ein Autounfall gebaut wird. „Sollen sie ruhig in ihrer eigenen Sauce brodeln“, bemerkte dazu stolz Israels Polizeiminister Chaim Bar-Lev.

Jetzt verweigern die Einwohner der besetzten Gebiete auch Steuern. Darauf Verteidigungsminister Jizchak Rabin: „Wenn sie keine Steuern zahlen, bekommen sie keine Dienstleistungen.“

Noch haben die Beamten des öffentlichen Dienstes ihre Arbeit nicht niedergelegt, da das Aufstandskomitee noch nicht weiß, was man mit diesen 20.000 Arbeitslosen anfangen soll.

Nach den ersten Erfolgen mit der „Revolution der Steine“ wül nun das Aufstandskomitee beweisen, daß die Israelis nicht fähig sind, die besetzten Gebiete zu kontrollieren. Sollte es zu Friedensverhandlungen kommen, müßten - so das Komitee - UNO-Beobachter und UNO-Beamte eingesetzt werden, um wenigstens die wichtigsten öffentlichen Dienste aufrechtzuerhalten.

Die Unruhen gehen inzwischen weiter. Gab anfänglich noch die „Stimme Jerusalems“ von Achmed Jibril, dessen Terroristengruppe durch den Angriff auf das Militärlager im Norden Israels Prestige gewonnen hat (FURCHE 49/1987), den Ton an, sind es heute die Aufstandkomitees in den diversen Dörfern und Städten, die den Kampf gegen die Israelis koordinieren und befehlen.

Die offizielle PLO-Führung, deren Hauptquartier in Tunis ist, vertritt die Palästinenser zwar nach außen - Jasser Arafat ist nach wie vor Symbolfigur -, doch in Wirklichkeit hat diese Führung kaum ein Mitspracherecht bei dem, was sich heute in Israel abspielt.

Zwanzig Jahre lang hat der israelische Geheimdienst die Vertreter der PLO sowie der Front zur Befreiung Palästinas beschattet. Bei Ausbruch der Unruhen vor mehr als drei Monaten wurden sie verhaftet.

Inzwischen sind Hunderte Studenten von den Universitäten in ihre Städte und Dörfer zurückgekehrt. In Israel konnten sie meistens nur als ungelernte Arbeiter Beschäftigung finden, waren verbittert und frustriert.

Sie nahmen die Plätze der Verhafteten ein und waren froh, endlich eine ihnen gebührende Rolle spielen zu können.

In jedem Dorf und in allen Städten bildeten sich nationale Aufstandkomitees, die sich aus den Anhängern der verschiedenen Terrororganisationen der PLO und den islamischen Fundamentalisten zusammensetzen. Die Gruppe mit den meisten Anhängern im Ort hat jeweils den Vorsitz inne. Zumeist sind das Anhänger Arafats, im Gazastreifen sind aber die Fundamentalisten bestimmend.

Alle wahren ihre Anonymität. Eine zentrale Führung des Aufstandes existiert noch nicht. In den Flugblättern des „Komitees des nationalen Aufstands“ startete man eine Haßkampagne gegen alle Kollaborateure mit Israel. Die meisten mußten öffentlich erklären, daß sie ihre Taten bereuen und der palästinensischen Sache nicht mehr schaden werden.

Daraufhin versuchte die israelische Militärverwaltung einzugreifen, um zu beweisen, daß sie noch Herr im Hause ist. Häuser der Rädelsführer des Lynchgerichts gegen Kollaborateure wurden gesprengt, die Gelder, die man aus Jordanien einführen durfte, wurden auf maximal eintausend Dollar begrenzt. Telefonverbindungen ins Ausland wurden unterbrochen, um die Informationsquelle für die „Stimme Jerusalems“ zu kappen und die Direktiven aus Tunis zu unterbinden. Elektrischer Strom wurde abgeschaltet. Nach Brandschatzungen hat man einstweilen die gesamte Brennstofflieferung für Cisjordanien eingestellt.

Weder Rabins Politik der starken Hand noch seine Prügeltaktik, weder die Anwendung von Tränengas noch von Gummigeschossen konnten dem Aufstand Einhalt gebieten.

Jakub Awat, ein arabischer Student: „In Israel habe ich gesehen, daß man mir die Hälfte des Gehalts eines jüdischen Arbeiters zahlt und mich als zweitklassig betrachtet. Doch nun beweisen wir, wer bei uns wirklich das Sagen hat und daß die israelischen Soldaten genauso Angst vor unseren Steinen haben wie wir vor ihren Stöcken.“

Noch haben die Komitees des nationalen Aufstands nicht ihr letztes Wort gesprochen. Dies könnte eine dritte Phase einleiten, wenn sie ihre politischen Forderungen nach einem Palästinenserstaat detaillieren. Inzwischen geht der Aufstand weiter.

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