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Zwischen Heiligen und Schurken

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In Verbindung mit der großen Gütersloh-Ausstellung, die demnächst in Baden eröffnet wird, schrieb Alfred Focke die hier abgedruckte Studie. Sie zeigt besonders klar die analytische Methode des Autors. Der Beiträg ist das letzte Manuskript Alfred Fockes für die FURCHE.

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In Verbindung mit der großen Gütersloh-Ausstellung, die demnächst in Baden eröffnet wird, schrieb Alfred Focke die hier abgedruckte Studie. Sie zeigt besonders klar die analytische Methode des Autors. Der Beiträg ist das letzte Manuskript Alfred Fockes für die FURCHE.

Neben vielen Reflexionen in „Sonne und Mond" und „Der innere Erdteil" hat Gütersloh in zwei grundsätzlichen Schriften seine Auffassung vom künstlerischen Schaffen niedergelegt, die den Untergrund aller seiner Äußerungen bilden, von dem her sie nur richtig verstanden werden können: 1922 „Rede über Franz Blei oder Der Schriftsteller in der Katholizität" (entstanden allerdings bereits in den Jahren 1913 — 1915) und 1923 in der autobiographischen Schrift „Die große und kleine Geschichte, Bekenntnisse eines modernen Malers". Beide sind heute vergriffen und schwer erreichbar.

„Ich betrachte die Gelegenheit, über mich reden zu dürfen, als eine ausgemacht gute Gelegenheit, mich mit unendlich Wichtigerem zu beschäftigen", so schreibt er in der als SelbstdarStellung bezeich-

neten „Großen und kleinen Geschichte". Nur biographische Daten aufzählen zu wollen, wäre zu wenig, außerdem interpretiert die Erinnerung diese Daten um, sie ' „fälscht nach rückwärts". Um der Wahrhaftigkeit wegen will er zu den „Gründen des Verfassers vordringen" und gesteht sofort, „daß ich nur Erlebnisse moralischer Natur gehabt habe. Ich sehe Meisterstücke des Guten wie des Bösen, vor denen die Vollkommenheiten oder Un Vollkommenheiten eines Bildes nur schwache Bilder waren".

Gütersloh gesteht, er habe leider nicht das Können, auch nicht die Askese und Keuschheit der Mönche, er steht als Weltkind, als Künstler zwischen Scylla und Charybdis, Sinnlichem und Ubersinnlichem, Gutem und Bösem, mit denen er sich einläßt. Doch die zwischen beiden unterscheidende Haltung macht das Format des Künstlers und nicht der Eifer um die Kategorien der Kunstkritik und der Kunstgeschichte, ob etwas nun alt oder neu, konservativ oder revolutionär sei, dieses Hängen nach Gestern und Morgen, Traditionalismus oder Futurismus, oder wie immer man diese Gegensätze bezeichnen will.

Gegen dieses Bastardentum kann „wahre Bildung gar nicht woanders hinführen als ins Schwarze der Gegenwart und zu gar nichts anderem anleiten als diesem Augenblicke, da wir sind, voll Recht zu tun".

Vvor allen Dingen müssen wir vergessen, was wir über dieses Werk, dafür oder dagegen, gelesen oder gehört haben, sei es von gescheiten oder von dummen Leuten, von lieben oder von fremden", schreibt Gütersloh. Um das Zentrum im gegenwärtigen Augenblick geht es, alles andere ist subaltern. Jenseits von falsch und richtig, zeitgemäß oder nicht, aber diesseits von Gut und Bös. Hier geschieht die mythische Erfindung der Künste, das rechtfertigende Erlebnis, alles andere sind Begleiterscheinungen. „Den kathartischen Strom fließen machen", darum geht es, um das Erschüttertwerden und daraus das Erschütternwollen als sich vollziehender Heilsprozeß.

„Es scheint, als redete ich hier dem Dilettanten das Wort. Aber ich habe mich nur darangemacht, den allzu fertigen Begriff des Künstlers wieder aufzulösen", schreibt Gütersloh. Im Morali-

schen bleibt man immer Amateur, ein Dilettantalus, der Qualen um die nie ganz zu erreichende Vollkommenheit in sich und seinen Werken leidet. So wird man in Demut Maler, auch wenn man akademisches Wissen um die Künste erworben hat. Hier allein entstehen Typen von dauerndem Wert, hier wird immer neu geschaffen, und jeder Künstler bestimmt neu, was ein Kunstwerk ist.

So schreibt und malt er gegen die erstbesten Liebhaber des Heute. Er bildet Menschen und nicht Gesetze, weder für das Geschäft noch in erster Linie für die Kunst und auch nicht für die Moral. Er verteidigt niemand und klagt nie-

mand än. Hier ist man Original, das darauf bedacht ist, sein Leben zu verlieren, um es zu gewinnen, und auch die Kunst zu verlieren, um sie eigentlich zu gewinnen. Er gleicht einem Sokrates, der vom delphischen Orakel belehrt wurde: erkenne dich selbst. Er vermehrt nicht die Gelehrten und will auch nicht Ungelehrte zu Gelehrten machen, begeht nicht die Sünde, zu dichten statt zu sein, „er lehrt, während er noch lernt".

Mit diesen moralischen Anstrengungen ' verliert und vergeudet man keineswegs sein Talent. Sie sind die Opfer gegenüber jenen Opfern der Freigeisterei, die nur Richtungen vertreten in der Kunst, in der Politik und Religion. (Wohin eine Politik ohne diese Opfer der Moral kommt, sehen wir ja heute!) Der wahre Künstler anerkennt nur eine Ordnung, in ethicis et aestheticis, jede andere Ordnung läuft Gefahr, unmenschlich zu werden. Die losgelöste Ästhetik als solche ist Wollust, Gift der Paradiesesschlange, Vergötterung der Werke, aber nicht Verwirklichungsdrang:

„Erst wenn jeder einzelne in jedem Augenblicke sich losmachen kann von dem Werke, das will sagen, von der Eitelkeit des bewun-

dernd sich selbst anschauenden Schaffens, um aufs Forum zu eilen, in die Kirche, in die Kaserne, an ein Kranken- oder Lotterbett, ja nur ins weiter gar nicht mehr zu unterscheidende Leben, daß er nur eben das feinste Ohr habe für alle Notschreie Gottes in. der Kreatur — welches sublime Ohr man dann aus allen seinen Worten erkennen wird —, dann erst, ihr demagogischen Schreihälse, ihr Fahnen- und Farbengläubige, ihr Nasenrichter und Tauf scheinshy-loks, entsteht öffentliches Leben, entsteht Nation, entsteht Stil."

Güterslohs Auffassung von Kunst ist existentiell. Das Leben am Leben zu erhalten dadurch, daß man zwischen Anfang und Ende, die sonst glatt ineinander verliefen, eine zweite Geburt einschiebt, die uns mit den nötigen Organen ausstattet, die Pflicht unter allen Umständen zu leben, und sei es auch unter den unglücklichsten, als die, höchste Bewährung von Personalität zu empfinden und diesen Personcharakter, ihn auszubilden undzu vererben, als das letzte Ziel von Leben — das ist die Uberwindung des toten Punktes oder des leerlaufenden Rades, eine Aufgabe jenseits der Aufgaben, die der werkende, mit seinem Talente

wuchernde Mensch sich stellt. Das ist der elementarische Akt, die Enthüllung der Person. Diese Neugeburt entscheidet viel mehr über uns als über die Kunst. Nicht die Kunst bestimmt, was Kunst ist, sondern die Person bestimmt.

Das nun ist der Höhepunkt der Selbstdarstellung. Statt bloß Berichte und Daten geliefert zu haben, verfaßte Gütersloh eine „Biographie quasi un allegoria". Das ist auch der Ariadnefaden durch seine Ästhetik, die durch das lebendige Nebeneinander von Heiligen und Schurken, Primitiven und Uberspitzten ein rekapituliertes Nacheinander begreiflich zu machen unternimmt. So bleibt ihm jene Hoffnung auf Verdienst, auf „Lohn im Himmel":

„Will er jetzt plötzlich Lohn für sein Schicksal? Hat er nicht selber dieses Schicksal auf sich zu wenden gewußt? Und war, dieses Schicksal zu leiden, nicht der Lohn? Was führt seine Feder, alles, was er verwirklicht und verzeichnet hat, in einem Zuge nun durchzustreichen? Du entdeckst in deiner letzten, alles abschließenden Verzweiflung: die Gnade", schreibt Gütersloh. „Entweder ist alles Gnade oder nichts." Dagegen ist der Materialismus immer nur eine Frucht der Saturiertheit.

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