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Digital In Arbeit

Zwischen Hoffnung und Resignation

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Das Los der Arbeitslosen: alle drei Wochen verbringen sie einen langen Vormittag im Arbeitsamt und verlassen es oft um eine Hoffnung ärmer. Stellen sind rar geworden.

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Das Los der Arbeitslosen: alle drei Wochen verbringen sie einen langen Vormittag im Arbeitsamt und verlassen es oft um eine Hoffnung ärmer. Stellen sind rar geworden.

Halb acht Uhr: etwa 100 Frauen und Männer stehen dichtgedrängt auf dem schmalen Gehsteig vor dem Arbeitsamt für Angestellte am Wiener Esteplatz. Die meisten starren in die Zeitung. Verlegenheit und persönliche Betroffenheit ist allen ins Gesicht geschrieben.

Daneben zählen die zwei Zeitungskolporteure die wenigen Restexemplare. Für sie ist das Geschäft schon gelaufen. Für die Menschen auf dem Trottoir beginnt ein Vormittag voller Hoffnungen — und neuer Enttäuschungen.

Arbeitslos — ein Los, mit dem viele, die hier warten, zum ersten Mal in ihrem Leben konfrontiert sind. 13.600 Arbeitslose wurden Ende Februar in Wien registriert, österreichweit waren es exakt 146.036. Die weltweite Wirtschaftsflaute hat ihre Schatten nunmehr auch auf den österreichischen Arbeitsmarkt geworfen.

Punkt acht Uhr öffnet sich schließlich die Tür zum Arbeitsamt. Die mittlerweile auf fast 200 Personen angewachsene Menschenmenge strömt ins Innere des Hauses und verteilt sich rasch auf die vier Stockwerke. Die Warterei vor den Dienstzimmern der beamteten Arbeitsvermittler beginnt.

Es ist schwer, mit den Arbeitslosen ins Gespräch zu kommen, zumindest am Arbeitsamt selbst. Denn fluchtartig verlassen die Arbeitssuchenden nach ihrer Vorsprache das Amtsgebäude. Nach etlichen erfolglosen Versuchen erklärt sich endlich ein Mann im grünen Jagdanzug bereit, Auskunft zu geben.

Wir sitzen im Cafe am Landstraßer Bahnhof. Erwin B., 37 Jahre alt, ledig, kommt aus dem Burgenland. Zuletzt arbeitete er als Entwerfer und Planer in einem Wiener Architekturbüro. Bruttogehalt: 18.000 Schilling. Seit 31. März 1981 ist er ohne Arbeit.

Ein dreiviertel Jahr lang machte sich Erwin B. „in Eigeninitiative" auf die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. „Ich wollte dem Staat nicht gleich zur Last fallen", meint er heute, „außerdem war ich vielleicht zu optimistisch und hab' mir eigentlich nicht vorstellen können, daß ich solange arbeitslos bleiben würde."

Erst am 5. Jänner trat er den Weg zum Arbeitsamt an. Viermal wurde er bisher vorgeladen. Ein vernünftiger Job, der auch nur ungefähr seinen Vorstellungen entspricht, war bisher nicht unter den Angeboten des Arbeitsvermittlers.

Herr B. übt sich in Geduld. Nur zuletzt ist ihm der Kragen beinahe geplatzt. Als der resolute Burgenländer nach zwei Monaten noch immer vergeblich auf die Auszahlung der „Arbeitslose" wartete und vom Beamten an das Sozialamt verwiesen wurde: „Ich bin ja kein Sandler", entrüstet sich der Bautechniker, „ich habe mein Leben lang brav Beiträge für die Arbeitslosenversicherung geleistet. Aber offensichtlich haben die kein Geld mehr..."

„Die", das sind für den engagierten OAAB-Funktionär die Sozialisten, die durch ihre falsche Wirtschaftspolitik die hohen Arbeitslosenraten geradezu provoziert hätten. Einen politischen Wandel in allernächster Zeit erwartet er dennoch nicht. Seine „ÖVP bietet leider keine Alternativen zur SPÖ, sondern lediglich Varianten zur derzeitigen Regierungspolitik".

Vom Arbeitsamt erwartet sich Erwin B. kaum mehr als die Arbeitslosenunterstützung plus Krankenschein. Er will sich auch in Zukunft bei der Jobsuche eher auf seine Privatinitiative verlassen. Aber er weiß schon jetzt, daß er seine Gehaltsansprüche in jedem Fall wird reduzieren müssen, um nur irgendwo in seinem Beruf weiterarbeiten zu können. Bis dahin zehrt der „äußerst bescheidene" Junggeselle von seinen Ersparnissen und lebt die Woche über bei seiner Mutter im Burgenland, „weil ja dort das Leben doch um einiges billiger kommt als in Wien".

Einen solchen Ausweg zur Reduzierung der Lebenshaltungs-Fixkosten hat Christine R. nicht. Zuletzt arbeitete die 48jährige als Direktionsassistentin für 28.000 Schilling brutto im Monat. Christine R. lebt seit ihrer Scheidung allein, mit den knapp mehr als 6000 Schilling Arbeitslosengeld findet sie kaum das Auslangen. Sie tippt „für einen alten Schriftsteller" Manuskripte. Das Zubrot und die Bezüge aus der Arbeitslosenversicherung decken gerade Zins und Energierechnung.

Noch vor wenigen Jahren konnte die ehemalige AUA-Stewardeß auf eine Annonce hin aus 50 bis 60 lukrativen Stellenangeboten auswählen. Heute hat sich das Verhältnis ihrer Erfahrung nach gerade ins Gegenteil verkehrt. Auf eine freie Stelle kommen 100 bis 150 Bewerber. Und für Frauen in ihrem Alter sei es fast unmöglich,in ähnlicher Position wie zuletzt unterzukommen: „Wenn ich mich vorstellen gehe, dann lassen einen die Herren Chefs schon sehr stark spüren, daß man eigentlich nur ein Bittsteller ist."

Wie Erwin B. hält Christine R. den Vormittag am Arbeitsamt für verlorene Zeit. Die wirklich guten Jobs finde man in keinem Fall durch die amtliche Stellenvermittlung, die gäbe es nur aufgrund persönlicher Empfehlungen.

Noch kann sie warten und An- d geböte mit 10.000 Schilling monatlich ausschlagen. Aber die Meldungspflicht beim Arbeitsamt erfolgt jetzt in immer kürzeren Abständen. „Man wird förmlich gedrängt, nur irgendeinen Job anzunehmen, auch wenn er nicht der eigenen Qualifikation entspricht."

Längstens bis Mai will die Endvierzigerin noch zuwarten. Dann wird sie wohl jedes Stellenangebot annehmen, auch wenn damit ein empfindlicher Einkommensverlust verbunden ist. Bis dahin wird sie ihren Lebensstandard weiter erheblich einschränken müssen. Schon heute hat sie Theater- und Kinobesuche gestrichen. Auch ihr Auto hat sie bald nach ihrer Kündigung im September verkauft. Und beim täglichen Einkauf ist sie entschieden „preissensibler" geworden.

Was die ehemalige Top-Kraft am meisten stört, ist die auffällige Ungleichheit zwischen den Arbeitssuchenden selbst. Die „Leidensgenossinnen", die mit Pelz und wertvollem Schmuck durch das Arbeitsamt flanieren, rechnet sie allesamt zur Kategorie der Doppelverdiener. Wenn der Mann recht gut verdient, dann ist es ihrer Meinung nach ein leichtes, kurzfristig die Arbeitslosenversicherung zu benützen und einen zusätzlichen „Urlaub" einzuschalten. Da kann auch die sonst so zurückhaltende Frau verbale Aggressionen entwickeln.

Szenenwechsel: das Arbeitsamt für Arbeiter in der Herbststraße in Ottakring. Es ist halb sieben Uhr. Ein VW-Bus fährt vor. Der Fahrer steigt aus und mustert die rund 500 vor dem Eingang wartenden Arbeitssuchenden: „Du da, und du da, und du ..."

Der schwarze Arbeitsmarkt floriert selbst oder gerade dann, wenn Arbeitsplätze knapper werden. Der VW-Bus füllt sich mit Polen und Jugoslawen. Pogrom-Stimmung kommt auf. „Steckt's die Tschuschen doch allesamt in einen Eisenbahnwaggon und schickt sie dorthin zurück, woher sie gekommen sind ..."

Vis-ä-vis vom Arbeitsamt ein Gasthaus und eine Branntweinstube. Beide sind übervoll. An der Theke lungern fast ausschließlich Männer, viele haben ein vom Alkohol gerötetes Gesicht.

Neben mir steht Franz W., 34 Jahre alt, geschieden. Momentan lebt er von seiner Lebensgefährtin. Denn er selbst verlor seinen Posten als Sanitäter nach einem längeren Krankenstand vor mehr als einem Jahr. Seit dem letzten Sommer bezieht er Notstandshilfe.

Vor drei Wochen hat er sich in seiner Verzweiflung brieflich an den Bundeskanzler gewandt. Innerhalb von zwei Wochen kam bereits Antwort. Seither behandeln ihn die Beamten des Arbeitsamtes „endlich wieder wie einen Menschen". Und plötzlich fand sich auch eine Stelle als Sanitäter. Mit 9000 Schilling pro Monat darf Franz W. jetzt wieder rechnen. Nicht viel, wenn für die Eigentumswohnung allein fast 4000 Schilling draufgehen. Aber immerhin doppelt soviel wie die Notstandshilfe von 3800 Schilling ausmacht.

Inzwischen ist es halb elf Uhr. Mehrere Männer haben sich in das Gespräch an der Theke eingeschaltet. Ein Bauarbeiter, seit Anfang Dezember ohne Beschäftigung, setzt all seine Hoffnung auf eine Konjunkturbelebung im Frühjahr. Dann kann er sich vielleicht doch noch den Sommerurlaub an einem Kärntner See leisten.

Drei Briefträger genehmigen sich ein „Vierterl" in der Mittagspause. „Beamter müßte man sein", tönt es aus der Runde der Arbeitslosen. Die Postler kontern: „Auch heutzutage bekommt in Österreich ein jeder Arbeit, wenn er nur will und den Tag nicht im Beisl verplempert..."

Nur mit Mühe gelingt es der Kellnerin, einen Raufhandel zu verhindern.

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