6796254-1971_12_03.jpg
Digital In Arbeit

Zwischen Kommerz und Linksengagement

19451960198020002020

Schriftsteller sind, soferne sie nicht die Ehre haben, jede Woche in den Bestsellerlisten als Stars zwischen Avantgarde, Sex und Gartenlaube zu glänzen, im allgemeinen eher Menschen, die geneigt sind, sich für das, was sie tun, zu entschuldigen. Ihre Bescheidenheit beruht auf der Gewißheit des Aussterbens, was niemanden aufregt, da Aussterben als eine Art Naturereignis gilt und Naturereignisse zu der wenigen Dingen gehören, die man selbst heut noch mit einer schweigenden Demut entgegennimmt. Wie könnte man es sonst verstehen daß von Vertretern des Deutschen Schriftstel lerverbandes ohne besondere Rührung der Tou der sogenannten „schöngeistigen Literatur" verkündet wird?

19451960198020002020

Schriftsteller sind, soferne sie nicht die Ehre haben, jede Woche in den Bestsellerlisten als Stars zwischen Avantgarde, Sex und Gartenlaube zu glänzen, im allgemeinen eher Menschen, die geneigt sind, sich für das, was sie tun, zu entschuldigen. Ihre Bescheidenheit beruht auf der Gewißheit des Aussterbens, was niemanden aufregt, da Aussterben als eine Art Naturereignis gilt und Naturereignisse zu der wenigen Dingen gehören, die man selbst heut noch mit einer schweigenden Demut entgegennimmt. Wie könnte man es sonst verstehen daß von Vertretern des Deutschen Schriftstel lerverbandes ohne besondere Rührung der Tou der sogenannten „schöngeistigen Literatur" verkündet wird?

Die Erklärung, man werde solche Autoren entweder auf „populärwissenschaftliche Iniormationswelle" umschulen oder in Pension schicken, mag in mandien Autoren den Wunsch gewedct haben, gleich auf die nächste Eiszeit zu warten. „Wenn wir den weihevollen Begriff Dichter, Schriftsteller und genauso weihevollen .Literaturproduzent’ säkularisieren wollen, dann gehört auch das dazu", erklärt Günter Grass besänftigend zu diesem Thema.

Kunst und Markt

Die Bewegungen innerhalb der Schriftstellervereinigungen vor zwei Jahren in Deutschland und nun audi in Österreich zeigen jedenfalls eines: Die alte Frage nadi der Funktion des Künstlers in der Gesellsdiaft ist abgelöst worden durdi eine neue, die letzten Endes aus einem totalen Wandel der geselLschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem Krieg resultiert. Sie erfordert eine gründlidie Analyse des Verhältnisses von Kunst und Produktion, schöpferischer Leistung wnd Markt, eine genaue Durchleuchtung der Produktionsverhältnisse, die heute in einem Ausmaß wie nie zuvor in der Geschichte über das Schicksal nidit nur eines Autors, sondern auch seines Werkes bestimmen. Die Sdirift-steller haben nun endlich begriffen, daß diese Fragen nur in einer Ak-tionsgemeinsdiaft gelöst werden können, die in Österreich demnädist gegründet werden soll. Unter der Initiative von PEN-Club-Sekretärin Hilde Spiel sowie der Autoren Milo Dor und Peter Marginter soll ein Interessenverband österreidiischer Autoren entstehen, dessen Hauptaufgabe es sein wird, die Stellung des Schriftstellers in der Konsumgesellschaft zu bestimmen und dessen Rechte wahrzunehmen. Grund-sätzlidi eine Idee, die jede Unterstützung verdient. Es ist eben nicht mehr möglich, in einer Gesellschaft der Verfleditungen einem Einzel-gängertum um jeden Preis zu huldigen — und wer hungert heute noch so liebenswürdig und diarmant wie ehemals ein Peter Allenberg in seiner Mansarde?

Trotzdem zeigt sidi nun in Österreich etwas, das aus gegebenem Anlaß die Sdiizophrenie traditions-reidier Traditionsloser wieder aufleben läßt. Zur Bestürzung aller ergab sidi so nebenbei, daß es die österreichischen Autoren, die es da zu vereinigen gilt, gar nicht gibt, das heißt, daß auf der einen Seite ein paar Reservate und auf der anderen Seite eine Art institutionalisierter Kunstbetrieb existieren, wobei die Kontaktmöglichkeiten nach den letzten Äußerungen etwa eines Michael Sdiarang („Die Kadaver vom PEN-Club") eher sinken als steigen. Zweifellos kann eine solche Situation für Österreich, das nach dem Krieg keine „Gruppe 47" hatte, unangenehme Folgen haben, die noch gar nicht absehbar sind. Sie erklären sich zum Teil aus historisdien Entwicklungen oder eben Versäumnissen.

Der kakaniscfae Mythos

Daß ein junger Trientiner etwa im Alter Michael Sdiarangs den kaka-

nisdien Mythos als eine Art sanftblauem Himmel über einer unendlich fruchtbaren künstlerischen Landschsift entdeckte, um daraus sein berühmtes Buch „Der habsburgische Mythos in der österreidiisdien Literatur" zu machen, ist in diesem Zusammenhang vielleicht nur insofern von Interesse, als jener, nämlich Claudio Magris, in Triest sitzt, dieser, nämlidi Midiael Sdiarang, in Wien. Der totale und fanatische Bruch mit der Tradition ist seit Mar-cuse zwar nidit mehr modern, wird aber besonders in Österreich zu einer Haltung auf Löben und Tod für jene, die sidi nidit mehr von der ka-kanisdien Tradition aufsaugen lassen wollen, vielleicht gerade deshalb, weil der kakanisdie Mythos die letzte gewaltige Dimension ist, die Österreich noch besitzt (Kruntorad). Der zweite Grund dieser starren Haltung liegt wahrscheinlich auch darin, daß man nach dem Krieg unter Verleugnung der Entwidmungen der Zwischenkriegszeit krampfhaft zu jenem Jahr NuU zurüdczukehren suchte, das irgendwie mit Kakanien als Verkörperung eines wahren, echten Österreich identisch war. Eine Flut von Kaiserfllmen und auf anderer Ebene Doderers später Erfolg waren äußere Zeichen dieser Wendung nach rückwärts. Tatsädilich sind heute die in der Doderer-Nach-folge schreibenden Autoren Tramin und Marginter so ziemlidi die einzigen, die eine bewußt österreichische Linie fortführen. Anders verhält es sich mit Sdiriftstellern, die aus dem Krieg kamen. Sie verschrieben sich der Geschichte, dem Gegenwartsstoff, pflegten eine realistische Art des Erzählens, wie etwa Eisenreich, der in der Kurz-erzählung brillierte. Milo Dor, Fritz Habeck. Für sie waren zum Teil die Erlebnisse des Krieges und deren Bewältigung Ansporn und Stimulans.

Zwischen diesen Autoren aber und Österreichs jüngsten Schreibern klafft eine Lücke, die durch nichts zu überbrücken ist. Dazu kommt erschwerend, daß alle Zeitungen und Zeitschriften, die nach dem Krieg Gelegenheit zu Begegnungen und Erstveröffentlichungen gaben, wie etwa der bedeutsame „Plan", vom Erdboden verschwanden. In einer Bibliographie der österreichischen Literaturzeitschriften kann man ein trauriges Sterben ohne Ende beobachten. Von 28 nach dem Krieg gegründeten Literaturzeitschriften gingen 20 wieder ein.

Absinken in Mittelmäßigkeit

Was aber inzwischen außerhalb des friedlichen oder unfriedlichen Gezänkes als eine riesige Sturzflut herankommt, das läßt Günter Grass’ blasphemisdie Bemerkung von der „Pensionierung des Sdiriftstellers" gar nidit mehr bläsphemisch etschei-nen. Die Nachfrage nach echter Literatur ist zweifellos da, könnte aber eines Tages völlig verschwinden. Immer mehr beginnt die Buchindustrie sich auf die von der Wirtschaft manipulierten Bedürfnisse der Massen einzustellen. So hat man sehr schnell erkannt, daß der „heiße" Pornothriiler passe ist und schon künden Titel wie „Und warten nur auf Zärtlichkeit" oder „Diese maßlose Zärtlichkeit" die Umstellung auf veränderte Leserwünsche an. Der Schriftsteller, der anspruchsvolle Literatur liefert, muß mit in den Ring steigen, wobei ihm noch ein kleineres Etat für Werbung zugeteilt wird. Die Mechanismen, die zwischen dem Entstehen eines Textes liegen und dessen endgültigem Verkauf in der Buchhandlung, liefern den Autor einem Spiel aus, das er nicht mehr in der Hand hat. Ein Verleger kann auf ein Buch, von dem er sich Erfolg verspricht, sein ganzes Werbeetat setzen und andere unter den Tisch fallen lassen. Und er wird in Zukunft nach den Ergebnissen des Marketings und der Marktforschung schreiben lassen, die Werbung vorbereiten und mit dem Buch umgehen wie ein Eisenfabrikant mit einer neuen Türschnalle. Das wird eine der größten Gefahren der Literatur der Zukunft sein. Dam kommt, daß Schriftsteller, die sich mit Mühe den Platz an der Sonne erkämpft haben, sidi den Einflüssen einer marktorientierten Produktion nicht entziehen können. Das Ergebnis ist nur zu oft zweitklassig. Vieles, was heute geschrieben oder gedruckt wird — auch von arrivierten Autoren —, ist nichts anderes als Mittelmäßigkeit zwischen Budi- oder Broschürendeckeln. Viele österreidiisdie Autoren sind der Faszination des großen Marktes in Deutsdiland — aber auch dem Mehr an Geld erlegen. Der Zwang, als „Mafke" auf dem Markt zu bleiben, fordert laufende Produktion. So werden Begabungen nicht selten „verheizt" …

Geht die Literatur nadi links?

Ein bekannter deutsdier Kunstkritiker verkündete bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für Literatur, daß es den österreichisdien Roman längst nicht mehr gibt. Über eine solche Ignoranz könnte man sich nur wundem, wenn man nicht wüßte, welchen Anteil die österreidiisdie Literatur im deutsdispradiigen Raum gegenwärtig hat. Wenn man dagegen aber weiß, was im allgemeinen unter österreichischer Literatur auch heute reidiisdien Autorenverbandes. Daß die Entwicklungen im literarischen Geschehen heute internationaler orientiert sind, betrifft nicht nur die österreichische Literatur. Der Anschluß an Entwicklungen der Zwischenkriegszeit, wie die Beschäftigung mit dem Surrealismus, der Anschluß an verschiedene moderne Strömungen, wie den Strukturalismus, die Erscheinungen auf dem Gebiet der Pop-art sind keine Besonderheiten für die österreidiisdie Literatur, sondern vollziehen allge"-meine Entwicklungen thit, weil eben auch dies zu den Errungenschaften einer kleiner werdenden Welt gehört.

Im Vordergrund aber steht die Auseinandersetzung mit der Sprache als ModeU, Sprachkritik wird zur Gesellschaftskritik. Handkes „Kaspar" ist immer noch Sdilüsselflgur. In vielen ernsthaften, oft trodcenen und an Schulaufgaben gemahnenden Studien bleibt das Thema des „spradi-lichen Konsens und Identitätsverlustes" im Mittelpunkt. Ein oft radikales Linksengagement ergibt sich sdieinbar von selbst aus der gesellschaftskritischen Tendenz.

Es gibt im Grunde nichts mehr, kein Wort, keine Bedeutung, keinen Inhalt, dem noch Vertrauen geschenkt wird. Vorgegebenes existiert nur in Form von Klischees, die, wie etwa in Barbara Frischmuths „Klosterschule" im dialektischen Verfahren permanenten Infragestellens zerstört werden. Slogans, Schulweisheiten, Brocken politischer Propaganda, Nachrichten in Stenogrammstil, aneinander montiert, offenbaren oft nur das zerrissene Bild der zerrissenen Sprache einer zerrissenen Welt. In einem Zeitalter, in dem geschlossene Kulturkreise, die die organische Entwicklung der Sprache gesichert haben, abgelöst werden durch eine gewisse Nivellieirung wird der Schriftsteller zum Outsider. Diese Stellung erklärt das progressive Kulturengagement und die Aggression gegen das Bestehende.

Diese Aggression ist auch bei politisch weniger engagierten Schriftstellern wie Thomas Bernhard spürbar. Gerade Schriftsteller wie Bem-hard artikulieren fortlaufend Unbehagen. Unbehagen nicht zuletzt an Entwicklungen, die über den Menschen hinwegzugehen scheinen. Unbehagen an einer hastig fabrizierten Fertigteilwelt und ihrer Wohlstandsideologie, in der die Dimensionen des Menschen schlechthin negiert werden. Sollte der Schriftsteller aber in der heutigen Zeit überhaupt noch eine Funktion haben, so wird er sich solchen Fragen ohne Rücksicht auf Anerkennung, Kommerz und Koketterie mit politischen Systemen, welcher Färbung auch immer, zuwenden müssen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau