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Zwischen Mafia und KGB

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ernüchterung ist groß: 40 Jahre nach Stalins Tod und ein Jahr nach der Verkündigung eines selbständigen Staates Ukraine droht eines der größten Länder Europas in Chaos und Kriminalität zu versinken.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ernüchterung ist groß: 40 Jahre nach Stalins Tod und ein Jahr nach der Verkündigung eines selbständigen Staates Ukraine droht eines der größten Länder Europas in Chaos und Kriminalität zu versinken.

Die Krise um das Erdöl und ein de facto Verbot, Benzin an Private abzugeben, sind zwar typisch für den Staat, aber eben nur die Spitze eines gigantischen Eisberges. Tatsache ist, daß vielen Menschen, insbesondere kinderreichen Familien, die ökonomische Basis für das (Über)Leben fehlt.

Was Stalins KGB-Schergen nicht schafften, scheinen jetzt - wie man uns bei einer einwöchigen Informationsreise durch Stadt und Land glaubhaft versicherte - die verschiedenen rivalisierenden Mafia-Gruppen zu schaffen: die Existenz eines offiziellen demokratischen Staatsgebildes ist in Frage gestellt und schwerstens gefährdet. In diesen tiefwinterlichen Tagen, in denen die Ukraine von einer Versorgungskrise in die andere schlittert, gibt es im ganzen Land, vor allem aber in der Westukraine (Gali-zien), eine moralische Kraft: die ukrainisch griechisch-katholische Kirche, Jahrzehnte in den Katakomben, nunmehr aus dem Untergrund aufgetaucht; eine Kirche von großer Lebenskraft, die sich trotz aller Schwierigkeiten erstaunlich rasch an die neue Situation anpassen konnte. Diese Kirche der Märtyrer hat heute mehr Gläubige als 1946, als sie Stalin - unter dem Vorwand einer PseudoSynode - unter unvorstellbaren Opfern an Menschen, Ideen und Visionen in die Orthodoxie „überführen" ließ. Ein Versuch, der ein solcher blieb.

Die ukrainisch griechisch-katholische Kirche ist auch jene Kraft, die in das politische Kräftespiel durch ihre leidgeprüften Laienaktivisten einzugreifen vermag. Deshalb und aus vielen anderen Gründen hat sich ein internationales Komitee mit dem Ziel gebildet, die ukrainisch griechischkatholische Kirche für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.

Initiator und umtriebiger Motor dieses Komitees ist der Lemberger Politiker und Abgeordnete Ivan Hei, der viele Jahre seines griechisch-katholischen Glaubens wegen in Sibirien zubringen mußte und sogar gefoltert wurde. Er trägt so gleichsam -ich habe sie gesehen - die Wundmale Jesu an seinen von schwerer Lagerarbeit gezeichneten schwieligen Händen. Nun sitzt er als prominenter, im ganzen Land bekannter Politiker im Regierungsgebäude zu Lemberg, das schon den ehemaligen Behörden der Donaumonarchie als Amtssitz diente. Nichts scheint sich seither geändert zu haben; nur die Statue des Kaisers haben sie immer wieder durch neue „Fürsten" ersetzt.

Der unierten Kirche fehlt es an vielem: an Priestern, Ordensleuten, Pastoralassistenten. Die Kirche fordert massiv ihre volle rechtliche Rehabilistranten vom Opernhaus aus tierung; dies veranlaßte Tausende Gläubige am Sonntag vor einer Woche (7. März), in Lemberg und anderswo auf die Straße zu gehen (siehe Kasten). Unter den Demonstranten sah ich auch aus dem Untergrund aufgetauchte Bischöfe, so den Geheimbischof mit Sibirienerfahrung, Julian Woronowski, seit 1991 Rektoreines der größten Priesterseminare der katholischen Weltkirche: 326 Studenten, in einem ehemaligen Feriencamp hausend (Studienräume und Wohnräume ohne jegliche Heizmöglichkeit), leben die Fastenzeit 1993.

Besonderen Wert legen katholische Ukrainer auf die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit. So meint der bereits erwähnte Politiker Hei, daß Vergangenheitsbewältigung - im Gegensatz zu den Nachbarländern Slowakei und Tschechische Republik - auch vor den Kirchen und deren Leitungen nicht Halt machen dürfe (siehe die Auseinandersetzung um das Buch „Jeder war ein Papst"

von Franz Gansrigier). In der Ukraine werden - so Hei - die Nachforschungen sehr erschwert, weil General Haluschko (der letzte Leiter der ukrainischen KGB-Abteilung) alles KGB-Material nach Moskau geschafft hat. Trotzdem konnte Hei bereits 1988 unter dem Pseudonym Stepan Hoveria in London unter dem Titel „The Facets of Culture" eine schonungslose Abrechnung mit dem System vorlegen. Mit Spannung wird jetzt das Erscheinen dieses Buches im 53-Mil-lionen-Staat Ukraine erwartet.

Noch sind auch viele innerkirchliche Fakten nicht aufgearbeitet; die Zuteilung von Kirchengebäuden (FURCHE 19/1990) wird kritisiert, die Kontakte mit den zerstrittenen Orthodoxen als erschwerend bezeichnet; der Staat als Besitzer aller Gebäude des Landes nicht gerade gelobt.

Noch fehlen viele kirchliche Strukturen, Priester und Gläubige zeigen wenig Verständnis für genaue Angaben und Statistiken; sprechen mitunter sogar von KGB-Praktiken (ein Phänomen, das einem auch im Gespräch mit ehemaligen Geheimbischöfen und -priestern in der seinerzeitigen Tschechoslowakei auffällt). Rund 50 Pro-

(Fotos Pumberger) zent der bekannten Priester (etwa 550) kommen aus dem Untergrund; fast ebenso viele aus der Orthodoxie, 90 Prozent der Priester, der alten und der jungen, sind verheiratet, mitunter studieren Vater und Sohn zugleich Theologie. Heuer werden für die griechisch-katholische Erzdiözese nach dreijährigem Kurzstudium rund 100 Neupriester in die Seelsorge eintreten - einsamer Weltrekord.

Die Fort- und Weiterbildung der zumeist verheirateten Priester aus dem Untergrund macht vor allem dem Päpstlichen Nuntius in Kiew, Erzbi-schof Antonio Franco, große Sorge.

In einem Hintergrundgespräch berichtet der gebürtige Neapolitaner über seinen Besuch der nunmehr zur Republik Ukraine gehörenden Karpato-' Ukraine und deren spezielle Probleme. Auch in wirtschaftlichen Belangen zeigt sich der Nuntius firm, der dies nicht zuletzt auf intensiven Meinungsaustausch mit anderen Botschaftern zurückführt.

Vielleicht ist es nur mehr eine Frage von Tagen und Wochen, wie lange sich die ehemaligen Kommunisten in ihren fetten Pfründen halten können. Die Frage nach der Staatsleitung ist auch für Kirchenfragen von Belang. Zwischen dem Präsidenten Leonid Krawtschuk und dem abgehalfterten ehemaligen Repräsentanten des Moskauer Patriarchats in Kiew, Filaret, gibt es enge Beziehungen, über die man nur hinter vorgehaltener Hand spricht. Auch die Umstrukturierung der Orthodoxie in der Ukraine wird von dieser Männerfreundschaft aus „alten Tagen" überschattet. Und kein geringerer als der Nuntius verweist auf die Tatsache, daß im benachbarten Litauen, das in Kürze den Papst zu einem Blitzbesuch erwartet, die Katholiken Kommunisten in führende Ämter gewählt hätten.

Aber Demokratie und ihre Anwendung lernt man nicht von einem auf den anderen Tag.

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