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Digital In Arbeit

Zwischen Supergehirn und Biochips

1945 1960 1980 2000 2020

Elektronisches Zukunftsgeflüster auch heuer wieder bei der ifabo auf dem Wiener Messegelände. Die FURCHE sprach mit Gernot Baumgartner, dem General Manager von Unisys (USA), einem der größten Computerunternehmen der Welt, über Entwicklungen und technische Neuheiten der Branche.

1945 1960 1980 2000 2020

Elektronisches Zukunftsgeflüster auch heuer wieder bei der ifabo auf dem Wiener Messegelände. Die FURCHE sprach mit Gernot Baumgartner, dem General Manager von Unisys (USA), einem der größten Computerunternehmen der Welt, über Entwicklungen und technische Neuheiten der Branche.

FURCHE: Die Computerbranche nimmt noch immer eine explosionsartige und, wie es scheint, auch schnellebige Entwicklung. Gibt es generelle Trends?

GERNOT BAUMGARTNER: Am Beginn der Entwicklung waren hard- und software eines Anbieters noch untrennbar miteinander verknüpft, und daneben gab es noch unterschiedliche Programmiersprachen. Die Computer des einen Erzeugers konnten nicht mit den Programmen eines anderen gefüttert werden, und das Ergebnis waren frustrierte Runden. So wurden in einem ersten Schritt die Programmiersprachen genormt. Im kommerziellen Bereich ist das beispielsweise „cobol“ oder im technischen Bereich „fortran“ . Der zweite Anlauf wurde bei den Betriebssystemen gemacht und geht in Richtung Standardisierung. Es sollen Computersysteme so miteinander vernetzt werden, daß Daten innerhalb und außerhalb eines Unternehmens ausgetauscht werden können, auch wenn sie unterschiedliche Programme und unterschiedliche Anlagen haben.

FURCHE: So einfach dürfte die Beseitigung dieser babylonischen Verwirrungen aber doch nicht sein. Ein großer internationaler

Konzern hat kürzlich angekündigt, eine andere Strategie in Zukunft verfolgen zu wollen. Es sollen gerade nicht kompatible Produkte erzeugt werden.

BAUMGARTNER: Ich verstehe diese Strategie aus der Sicht eines Unternehmens. Trotzdem glaube ich, daß es besser wäre, bei einer Geschäftspolitik des Informationsaustausches und der freien und offenen Systeme zu bleiben, denn der Trend geht eindeutig in diese Richtung.

FURCHE: Seit Jahren wird auch von mehr Benutzerfreund- lichkeit des Computers geredet. Andererseits klagen die Firmen über das mangelnde Service bei der Bedienung. Kennen die Verkäufer die Bedürfnisse ihrer Kunden in Wirklichkeit zu wenig ?

BAUMGARTNER: Es stimmt, daß das Kundenservice jahrelang vernachlässigt wurde und die Hersteller ihre Produkte einfach an die Benutzer — man kann fast

sagen - abgeschoben haben. Aber das Problem ist erkannt, und der Dienstleistungsgedanke wird in Zukunft verstärkt aufgegriffen. Das soll so aussehen, daß bei Fehlern im System man nicht mehr stundenlang auf den Techniker warten muß und andererseits mit Hilfe moderner Diagnosetechniken der Schaden nicht mehr repariert, sondern das fehlerhafte Stück gleich ausgetauscht wird. Weiters soll die Bedienung einfacher werden, denn die Schnittstelle Mensch und Maschine ist noch zu kompliziert.

Wie soll die geschlossen werden?

BAUMGARTNER: Bei den Computerprogrammen wird es

beispielsweise so sein, daß alle Daten, die für eine Abteilung oder ein Unternehmen relevant sind, in einer Datenbank untergebracht werden. Das Modernste, was es derzeit hier gibt, ist die sogenannte relationale Datenbank, die einen besonders raschen Zugriff ermöglicht. Der zweite Punkt ist die Entwicklung von Sprachen der vierten Generation, die leicht erlernbar sind und schneller erstellt werden können. Sie werden es einem Benutzer ermöglichen, sich selbst kleine Abtrageprogramme zu erstellen, ohne auf einen Programmierer angewiesen zu sein.

FURCHE: Was bedeutet das für die Berufsbilder der Zukunft? Brauchen wir keine Programmierer mehr?

BAUMGARTNER: Bei den Programmerstellungen herrschte in der Vergangenheit sicherlich ein Engpaß. Andererseits war es so, je mehr Programme ein Unternehmen hatte, desto mehr Aufwand war erforderlich, diese Programme zu warten, Fehler zu beheben oder sie an neue Anforderungen anzupassen. Diese Aufgabe fraß immer mehr Kapazität der Programmierabteilung, und es blieb immer weniger für neue Projekte. Daher suchte man nach neuen Wegen, und das Ergebnis sind die vorhin erwähnten Datenbanken und neuen Programmiersprachen. ,

FURCHE: Wie sieht es um Bedarf und Nachfrage beim heimischen Computermarkt aus? Für 1987 haben Experten Einbrüche von drei bis vier Prozent prognostiziert.

BAUMGARTNER: Es gibt noch einen sehr großen Markt, sowohl bei den Personalcomputern als auch bei der Büroausstattung. Allein bis wir 50 Prozent der österreichischen Büros mit Computer ausgestattet haben, wird es noch einige Jahre dauern. Das Problem liegt eher bei der verwirrenden Fülle an Information, und ein Unternehmen wird in Zukunft sicherlich einen eigenen Informati- onsmanager1 brauchen, der aus der Vielfalt an Angeboten das herausfiltert, was relevant ist.

FURCHE: Österreich muß Milliarden für die Importe von hardware ausgeben, weil die eigene Computerherstellung im argen liegt. Vor einigen Monaten hat auch ein europäischer Hersteller seine PC-Produktion hier eingestellt. Haben wir in dieser Branche ebenfalls krasse Versäumnisse begangen?

BAUMGARTNER: Österreich ist nicht in der Lage, eigene Computersysteme zu entwickeln, weil das einfach zu viel Geld kostet. Unser Konzern verwendet beispielsweisejährlich 1,5 Milliarden Dollar nur für Forschung und Entwicklung. Außerdem glaube ich, daß der Zug längst abgefahren ist. Anders sieht es im softwa- re-Bereich aus. Durch den Trend der Standardisierung ergeben sich für österreichische Software- Häuser eine Reihe von Möglichkeiten auch international.

FURCHE: Was sollte sich jemand, der vor einer Investitions

entscheidung steht, sei es privat oder für die Firma, unbedingt bei der ifabo ‘87ansehen?

BAUMGARTNER: Auf jeden Fall die Entwicklung des PC und was sich Faszinierendes durch däs Zusammenwachsen einzelner Informationstechnologien getan hat. Gezeigt wird auch die „artificial intelligence“ , das künstliche Gehirn. Es wird dort eingesetzt werden, wo der Mensch gar nicht mehr in der Lage wäre, Entscheidungen zu treffen, weil die Entscheidungsgrundlagen zu komplex sind.

FURCHE: Ist die Entwicklung des Biochip (siehe Graphik) schon die Weiterentwicklung ei

ner solchen künstlichen Intelligenz?

BAUMGARTNER: Im Rahmen der Genforschung wurde festgestellt, daß unglaublich viele Informationen in den menschlichen Genen gespeichert sind. In der Computersprache würde man sagen, die Gene haben eine große Packungsdichte an Nachrichten. Gelingt es herauszufinden, wie das ganze System funktioniert, ist es denkbar und auch vorstellbar, daß man menschliche Gene auch zur Speicherung von Information benutzt. Aber das ist noch alles graue Theorie.

Das Gespräch führte Elfi Thiemer

1 FURCHE 24/1986 „Berufe mit Zukunft“ im Rahmen der Serie: Im Beruf entfalten.

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