Tomic mozaik - © Foto: Michael Obex
mozaik

mozaik: Die neue Kolumne von Manuela Tomic

1945 1960 1980 2000 2020

Identität ist nur ein Wort, das klingt, findet FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic. In ihrer literarischen Kolumne „mozaik“ schreibt sie über Zugehörigkeit, Kultur und die Frage, was uns verbindet.

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Identität ist nur ein Wort, das klingt, findet FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic. In ihrer literarischen Kolumne „mozaik“ schreibt sie über Zugehörigkeit, Kultur und die Frage, was uns verbindet.

Was ist ein Džin? Muss Sprache immer geštimt sein und was machen die schreibenden Suffixe vom Balkan? FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in Sarajevo geboren und in Kärnten aufgewachsen. In ihrer Kolumne schreibt sie über Kultur, Identitäten und die Frage, was uns verbindet. Hier eine Kostprobe aus mozaik Nr. 3 mit dem Titel „Gespiegelte Dämonen“:

„Meine Großmutter war ein Džin. So nennt man in meiner Muttersprache Menschen mit ungeahnten Kräften. Im Ex-Jugoslawien der 1950er Jahre zog sie drei Kinder alleine auf, da mein Großvater jung verstarb. Nie beschwerte sie sich über ihr Schicksal. Ihre Welt war in Ordnung. Dafür sorgten die regelmäßigen Termine bei ihrer Friseurin Mira und die täglichen Gespräche mit Kršo, dem Taxifahrer. Als Kind wusste ich nicht, dass die Džin, diese unsichtbaren Geistwesen, aus dem arabisch-islamischen Raum zu uns gewandert waren. Wenn ich mit guten Noten von der Schule kam, sagte meine Mutter zu mir: „Du bist ein Džin“, und hob ihre Arme, sodass man ihren Bizeps sehen konnte. Vielleicht haben wir die Sache mit den Džin auch nur falsch verstanden. Schließlich können sie dem Volksglauben nach gut oder böse sein. Sie verfügen über einen Charakter, handeln, wie es ihnen beliebt. Vielleicht ist bei der Wanderung etwas schiefgegangen. Diese ambivalenten Dämonen, aus rauchlosem Feuer erschaffen, hatten wir Balkaner in unserer Alltagssprache ausschließlich positiv besetzt. Am Balkan identifizierte man sich also mit den Dämonen. Wir konnten uns sogar in ihnen spiegeln, zogen aus dem Feuer etwas Mächtiges. Im Fernsehen begegnete ich als Kind meinem geliebten Džin im Trickfilm „Aladin“ wieder. Oft rieb ich die Vasen meiner Mutter, in der Hoffnung, der gute Džin würde zu mir kommen. Dabei war er schon längst da. Meine Großmutter war nach dem Krieg mit uns nach Österreich gekommen und kümmerte sich um mich. Seit vielen Jahren nun ist sie verstorben. Aber für mich ist sie immer noch da. Ein rauchloses Feuer. Ein wahrer Džin.

Was ist ein Džin? Muss Sprache immer geštimt sein und was machen die schreibenden Suffixe vom Balkan? FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in Sarajevo geboren und in Kärnten aufgewachsen. In ihrer Kolumne schreibt sie über Kultur, Identitäten und die Frage, was uns verbindet. Hier eine Kostprobe aus mozaik Nr. 3 mit dem Titel „Gespiegelte Dämonen“:

„Meine Großmutter war ein Džin. So nennt man in meiner Muttersprache Menschen mit ungeahnten Kräften. Im Ex-Jugoslawien der 1950er Jahre zog sie drei Kinder alleine auf, da mein Großvater jung verstarb. Nie beschwerte sie sich über ihr Schicksal. Ihre Welt war in Ordnung. Dafür sorgten die regelmäßigen Termine bei ihrer Friseurin Mira und die täglichen Gespräche mit Kršo, dem Taxifahrer. Als Kind wusste ich nicht, dass die Džin, diese unsichtbaren Geistwesen, aus dem arabisch-islamischen Raum zu uns gewandert waren. Wenn ich mit guten Noten von der Schule kam, sagte meine Mutter zu mir: „Du bist ein Džin“, und hob ihre Arme, sodass man ihren Bizeps sehen konnte. Vielleicht haben wir die Sache mit den Džin auch nur falsch verstanden. Schließlich können sie dem Volksglauben nach gut oder böse sein. Sie verfügen über einen Charakter, handeln, wie es ihnen beliebt. Vielleicht ist bei der Wanderung etwas schiefgegangen. Diese ambivalenten Dämonen, aus rauchlosem Feuer erschaffen, hatten wir Balkaner in unserer Alltagssprache ausschließlich positiv besetzt. Am Balkan identifizierte man sich also mit den Dämonen. Wir konnten uns sogar in ihnen spiegeln, zogen aus dem Feuer etwas Mächtiges. Im Fernsehen begegnete ich als Kind meinem geliebten Džin im Trickfilm „Aladin“ wieder. Oft rieb ich die Vasen meiner Mutter, in der Hoffnung, der gute Džin würde zu mir kommen. Dabei war er schon längst da. Meine Großmutter war nach dem Krieg mit uns nach Österreich gekommen und kümmerte sich um mich. Seit vielen Jahren nun ist sie verstorben. Aber für mich ist sie immer noch da. Ein rauchloses Feuer. Ein wahrer Džin.

Tomic - © Foto: Michael Obex

mozaik von Manuela Tomic

FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in Sarajevo geboren und in Kärnten aufgewachsen. Sie schreibt Lyrik und Prosa. In ihrer neuen FURCHE-Kolumne geht es um Kultur, Identitäten und die Frage, was uns verbindet. Möchten Sie „mozaik“ kostenfrei abonnieren? Hier geht es zur Anmeldung.

FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in Sarajevo geboren und in Kärnten aufgewachsen. Sie schreibt Lyrik und Prosa. In ihrer neuen FURCHE-Kolumne geht es um Kultur, Identitäten und die Frage, was uns verbindet. Möchten Sie „mozaik“ kostenfrei abonnieren? Hier geht es zur Anmeldung.